PEKINg. „China will im Süden Asiens Fuß fassen, und wir müssen uns mit dieser Realität auseinandersetzen.“ In einem Gespräch mit der Zeitung „Times of India“ verzichtete der indische Ministerpräsident Manmohan Singh auf diplomatische Zurückhaltung und sprach Klartext. „Die Chinesen zeigen eine neue Selbstsicherheit. Es ist schwierig zu sagen, in welche Richtung sie sich entwickeln wird, deshalb ist es wichtig, vorbereitet zu sein“, urteilte Singh über Indiens immer mächtiger werdenden nördlichen Nachbarn.
Vor allem befürchtet der Premier, dass China die indischen Schwachstellen – den Kaschmir-Konflikt und das angespannte Verhältnis zu Pakistan – ausnutzen könnte, um Indiens Entwicklung zu bremsen. In Peking dürften die offenen Worte des Inders gar nicht gut ankommen.
„China threat theory“
Fast täglich finden sich in Chinas englischsprachigen Zeitungen mittlerweile Kommentare über die „China threat theory“, die Theorie von einer chinesischen Bedrohung. Vor allem in Indien und Japan, aber auch in Staaten Südostasiens hat diese Theorie viele und einflussreiche Anhänger. Das kann man in China nicht verstehen: „Tatsache ist“, erklärte der Kommunikationswissenschaftler Professor Liu Xiaoying dem Blatt „China Daily“, „dass Chinas Führung zu viele innere Probleme zu lösen und deshalb gar nicht die Zeit hat, andere Länder und Regionen zu bedrohen“. Vielmehr sei das Ziel der chinesischen Regierung der Aufbau einer „harmonischen Gesellschaft“, nicht nur im eigenen Land, sondern rund um den Erdball.
Solchen hehren Worten stehen die harten Realitäten entgegen, vor allem die militärischen. Der stetige Aufbau der chinesischen Kriegsmarine etwa wird in Süd- und Südostasien mit Besorgnis gesehen. Wohl nicht von ungefähr hörte man die ungewöhnlich klaren Worte des indischen Premiers nur wenige Tage, nachdem erstmals zwei chinesische Kriegsschiffe einen Hafen in Burma (Myanmar) angelaufen hatten.
In Indien verstärkte das Befürchtungen, dass China dabei sei, eine „Perlenkette“ von Militärstützpunkten im Indischen Ozean aufzubauen. „Die Furcht vor der chinesischen Kriegsmarine ist das gefährliche Ergebnis der Verdächtigungen und des Misstrauens, mit denen die Nachbarstaaten dem Aufstieg Chinas begegnen“, kommentierte dazu die Pekinger Zeitung „Global Times“.
Auch Schattenseiten zeigen
China hat ein Imageproblem, räumen chinesische Analytiker ein. „Global Times“ schlägt als Ausweg aus dem Dilemma vor, der Außenwelt nicht wie bisher nur mit wirtschaftlichen Wachstumsrekorden und Glitzermetropolen imponieren zu wollen, sondern ihr mehr als bisher die Vielfalt und Komplexität des Riesenlandes zu zeigen, samt den Schattenseiten.
Mehrere Autoren haben zuletzt angeregt, China müsse mehr als bisher auf die „weiche Nutzung seiner Macht“ setzen und dabei seine Kultur in den Vordergrund rücken. Der deutsche Sinologe Falk Hartwig sieht das skeptisch: „Die weltweiten Aktivitäten von 500 Kulturinstituten erscheinen nutzlos, solange in China Dissidenten eingesperrt und Websites und Medien zensiert werden“, schreibt er in der Fachzeitschrift „Internationale Politik“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2010)

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