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Frankreich: Bringt Pensionsdebatte neue Jugendrevolte?

21.10.2010 | 18:34 |  von Rudolf Balmer (Die Presse)

Fünf Jahre nach den Krawallen in den Vorstädten gibt es wieder Randale: Hinter den gewalttätigen Protesten gegen die Pensionsreform steckt mehr als die Ablehnung eines Gesetzes.

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[Paris]Brennende Autos, geplünderte Geschäfte und Szenen von Straßenschlachten, in denen Jugendliche mit der Polizei „Katz und Maus“ spielen: Was in diesen Tagen in verschiedenen Städten in Frankreich passiert ist, erinnert zwangsläufig an die wochenlangen Unruhen in der „Banlieue“, den Außenbezirken der französischen Großstädten, vor fünf Jahren.

Und fast auf den Jahrestag des Ausbruchs dieser Krawalle in Clichy-sous-Bois erfolgte ein Justizentscheid, der die Polizei von jeder Schuld am Tod von zwei vor einer Kontrolle flüchtenden Jugendlichen freisprach. Dieser tragische Zwischenfall in einer der ärmsten Vorstadtsiedlungen Frankreichs hatte damals eine unglaubliche Welle von Gewalt ausgelöst.

Laut dem Bürgermeister von Clichy-sous-Bois, Claude Dilain, hat sich in diesen fünf Jahren nichts geändert am trostlosen Leben in den Vorstadtghettos. Er schäme sich als Volksvertreter für die „Tatenlosigkeit der Republik“, 70Prozent der Familien in seiner Kommune lebten unter der Armutsgrenze. „Seit Jahren warne ich die zuständigen Minister, die Behörden und sogar die Staatspräsidentschaft vor der Situation in diesen Wohnsiedlungen, die zu ,Favelas‘ verkommen“, sagt Dilain.

 

„Marshallplan“ ad acta gelegt

Nur ein Wunsch wurde ihm erfüllt: Vor wenigen Tagen wurde ein Polizeikommissariat eingeweiht. Das war eine der Forderungen der Bevölkerung, sie wollte eine ständige und „normale“ Polizeipräsenz anstatt des sporadischen Aufmarschs von Ordnungstruppen in Kampfausrüstung, die eine Impression von Ausnahmezustand vermitteln.

Seit Langem warten vor allem die Jungen dieser Vorstädte, in denen nur die Kriminalität noch größer als die Arbeitslosigkeit ist, auf mehrfach versprochene Verbesserungen. Einen „Marshallplan für die Banlieue“ hatte schon Präsident Jacques Chirac angekündigt, den sein Nachfolger Nicolas Sarkozy verwirklichen wollte. Es blieb bei den guten Absichten. Sogar für den relativ bescheidenen „Banlieue-Plan“ der Staatssekretärin Fadela Amara fehlten die Finanzen.

Bleibt die Banlieue deshalb ein Pulverfass, wie Politiker und Soziologen regelmäßig das Risiko des Ausbruchs einer ansteckend wirkenden Gewaltwelle der frustrierten Vorstadtjugend umschreiben? Die Vorkommnisse am Rande der Proteste gegen die Pensionsreform lassen das Schlimmste befürchten. Unter den nun festgenommenen Randalierern befinden sich sehr junge Jugendliche, oft nicht älter als 15Jahre. Die meisten kommen aus Außenbezirken und waren der Polizei bisher nicht bekannt. Die Behörden ersuchen die Eltern, ihre Verantwortung besser wahrzunehmen. Das dürfte aber nicht reichen, um die Gefahr einer Eskalation der Gewalt bei den Protesten zu bannen.

 

Generation „No Future“

Die Regierung hat die Möglichkeit, dass die Jugend sich den Protesten gegen ein Pensionsgesetz anschließen würde und dass danach eine Jugendbewegung gar die Lunte an das Pulverfass Banlieue legen könnte, bestimmt unterschätzt. Bekannt war, dass die Heranwachsenden in Frankreich so wenig Vertrauen in Staat, Parteien, Medien und Kirche haben wie in kaum einem anderen Land. Nirgends ist diese No-Future-Haltung stärker ausgeprägt als in Vorstädten, wo zu der Jugendarbeitslosigkeit (mehr als 50Prozent) alle gesellschaftlichen und familiären Probleme in multipliziertem Ausmaß hinzukommen.

Keine Parallele zur Jugendrevolte vom Mai 1968 möchte darum der Soziologe Olivier Galland ziehen: „Der Mai 1968 ist weit weg. Damals gab es etwas, das heute fehlt: die Utopie. Damals gab es auch einen Generationenkonflikt. Heute demonstrieren Junge für die Pensionen der Alten – auch wenn uns das geradezu surrealistisch erscheint.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2010)

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24 Kommentare
Gast: OLI
26.10.2010 21:33
0 0

Soziologe auf dem Mond

Heute demonstrieren Junge für die Pensionen der Alten...glaubt der den Sch...wirklich?

Die wollen Randale machen genau wie am 1 Mai in Berlin oder damals bei den Chaostagen.

Merlin
22.10.2010 09:33
1 0

Kritisch

Wenn die Demokratie mit diesen gewalttätigen Elementen nicht mehr fertig wird, dann hat sie demnächst ausgedient.

Gast: Big Mama
22.10.2010 08:50
2 0

Wofür kämpft die Jugend?

Es ist kaum zu glauben, dass die Jugendlichen selbst in trostloser Umgebung ohne Zukunftsaussichten leben und nichts Wichtigeres zu tun hätten als für einen Begin der Altersruhe um zwei Jahre früher kämpfen.
Es ist doch viel wahrscheinlicher, dass es einfach eine Gelegenheit ist, den aufgestauten Frust loszuwerden.

Sind das die Jugendlichen die so vorbildlich ab der Geburt außer Haus betreut werden?

Antworten spanky
22.10.2010 09:37
0 0

Re: Wofür kämpft die Jugend?

Der Grund für diese Revolte ist den Jugendlichen doch egal.

1 0

Jugendrevolte?

Wohl eher nicht. Folklore würde es besser treffen.

Gast: gast
22.10.2010 02:48
2 0

benzin

daran sieht man wieder die abhängigkeit von benzin.
mich haben die bilder auf spiegel online fatal an mad max erinnert.

Bell@ndo
21.10.2010 23:07
7 0

Zwickmühle

Das kommt davon, wenn der Staat eine ungehemmte Migration und Verarmung zulässt. Es ist ja jeden vernünftig denkendem Menschen klar, dass wenn man gewisse Vorstädte total verkommen lässt, es sich irgendwann rächen wird! Dazu kommt noch den Menschen keine erstrebenswerte Zukunft zu bieten, da ist die Regierung selber schuld!

Die wirklich leidtragenden dabei sind die Geschäftsbesitzer und die Polizisten, sie müssen für das was die Politik verbockt hat den Kopf herhalten! Eine Schande

11 1

Ein paar gezielze Schüsse nach mehrmaliger Ankündigung und der Spuk ist rasch beendet


Toleranz nützt nur den rücksichtslosen. Denn jedes Machtvakuum wird sofort irgendwie aufgefüllt.

Hier hilft nur Zero Tolerance.

Unke
21.10.2010 21:37
8 0

Wieso neu?

Die haben ja nie aufgehört.
Aufstände, Fallen für die Behörden -Einsatzfahrzeuge werden in einen Hinterhalt gelockt; Plünderungen.
Ich würde eher sagen: Business as usual.
Nur ist die Polizei derzeit auf Grund der Streiks wahrscheinlich mehr als ausgelastet und es sind mehr Reporter vor Ort.

12 0

Bei den Gewaltexzessen geht es weder um die Pensionen

noch um irgendeine Revoluzzerei. Das ist einfach nur die französische Spielart von Multikulti. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Bei den Radaubrüdern handelt es sich um Migranten mit afrikanischen Wurzeln. Die suchen einfach nur ihr Vergnügen. Und dieses Vergnügen heißt Gewalt.

Antworten Gast: xxxx
22.10.2010 11:12
0 0

Re: Bei den Gewaltexzessen geht es weder um die Pensionen

Damit haben Sie recht. Die Situation wird ausgenützt. Bei der Integration ist sicherlich etwas schief gelaufen. Ich glaube jedoch, dass die Bewohner der Faubourgs sehr wohl auch daran beteiligt sind, dass aus ihnen nichts wird. Eine ähnliche Entwicklung sieht man doch auch bei uns. Fordern und empfangen reichen nicht. Jeder muss sich selbst einbringen.

Antworten Erich Bahn
21.10.2010 23:19
0 5

Re: Bei den Gewaltexzessen geht es weder um die Pensionen

"Die suchen einfach nur ihr Vergnügen. Und dieses Vergnügen heißt Gewalt."

So wie die Franzosen seinerzeit als Kolonialmacht.

Und bitte nicht vergessen:

Viele afrikanische Länder waren "Eigentum" der Franzosen. Und diese afrikanischen Bürger waren französische Staatsbürger! Und sie übersiedelten in das Mutterland.

Wir hatten leider nur das unbewohnte Franz-Josef-Land.

Aber, wir hatten die k.u.k. Monarchie. Und von dort bekommen wir jetzt Dauerbesuche.

3 0

Re: Re: Bei den Gewaltexzessen geht es weder um die Pensionen

brav gelernt und gut die kurve bekommen:

wer ist an allem elend der welt schuld? eh klar, österreich.

Antworten Antworten Antworten dojon86
22.10.2010 08:06
3 0

Re: Re: Re: Bei den Gewaltexzessen geht es weder um die Pensionen

Ja ja, so eine gute Gehirnwäsche kann was. Abgesehen davon, die weitaus meisten und problematischsten Zuwanderer nach Österreich kommen nicht aus den Ländern der ehemaligen Habsburgermonarchie.

Gast: gast
21.10.2010 21:10
3 0

Randale

ist keine Demonstration.

Gast: xxxx
21.10.2010 20:54
3 0

Frankreich bezahlt in vieler Hinsicht

Ob die Idee der Gewerkschaften, auf Biegen und Brechen auf der Straße zu bleiben, so gut ist, sei dahin gestellt. Die Organisatoren sollten wissen, dass es nicht bloß bei den Demonstranten bleibt. Die aggressiven, ungebildeten und daher arbeitslosen Jugendlichen der Vororte aller großen Städte sind sofort gewaltbereit dabei. Die warten doch auf solche Gelegenheiten. Somit wären wir bei der ganz und gar nicht gelungenen Integration. Diese ist im Grunde genommen auch ein Teil der Arbeitsplatzmisäre. Wenn die Menschen immer älter werden und somit länger Pensionen beziehen, sollten diese auch abgesichert werden. Die Frage ist WIE? Es wird immer Verlierer geben. Diese ungebildeten, aggressiven Jugendlichen müssen von etwas leben. Wovon nur? Das könnte mit ein Grund sein, weshalb länger gearbeitet werden sollte. Eine weitere Frage ist, was mit Arbeitslosen passiert, die in der Theorie bis 62 "arbeiten" müssen. Was machen diese Leute? Es gibt genügend Selbstmorde in diesen Kreisen. Solche Probleme können nicht auf der Straße gelöst werden. Auf der Straße verschärfen sich die Konflikte. Das sehen wir im Moment vom Gott sei Dank noch ruhigen Österreich aus. Auch wir dürfen nicht übersehen, dass das Pendel Richtung soziale Spannungen ausschlägt.

Gast: gast 88
21.10.2010 17:23
1 1

wer bezahlt die Krise?- SPÖ Kanzler Faymann sagte- die Verursacher(Banken/Spekulanten) sollen bezahlen

was haben unsere politik gesagt? wer soll für die Finanzkrise bezahlen? Die Verursacher hieß es von allen! Nun sollen die Pensionen massiv gekürzt werden, die Unis budgets werden asugehungert, in der gesundheitsversorg, pflege wird massiv gekürzt, die massensteuern usw. erhöht, also wer zahlt dafür, dass tausende Banker und spekulanten europas wirtschaft und den sozialen wohlstand in den abgrund stürzten. Die kleinen leute von der straße, der angestellte und arbeiter, die studenten und die kranken und einfachen pensionisten. Nein, danke, milliarden über milliarden fließen ruhig in die hände der banker und die für die schulden soll nun das dumme volk aufkommen: Unsere Politiker haben die Krise nicht gesehen nichts gewußt und tun nichts um dieses irre system zu ändern. es geht leichter wenn man Milliarden von den kleinen leuten nimmt und sie den reichen gibt!

Gast: Gast
21.10.2010 17:17
1 3

Gewerkschaft

Gäbe es so eine starke österreichische Gewerkschaft, ich würde sofort beitreten!

Antworten pluslucis
22.10.2010 12:28
0 0

Re: Gewerkschaft

Sie verwechseln das laute Schreien mit dem Erfolg. Was haben die französischen Gewerkschaften denn in den letzten drei Jahren erreicht, was die österreichische nicht ohne Streiks in Verhandlungen erreichen könnte?

Gast: Graf Gudenus, Paris
21.10.2010 13:26
0 0

Versinken - noch nicht versunken!


Gast: rastalocke
21.10.2010 12:47
0 1

sollte es nicht...

"Die Opposition wirft der Regierung eine Verzögerungstaktik vor" heißen, statt
"Die Regierungsparteien werfen der Opposition eine Verzögerungstaktik vor"

Gast: Parteiloser
21.10.2010 11:52
15 1

Frankreich wird den Euro in die Luft jagen und die EU gleich dazu!

Die EU hält offensichtlich die Katastrophe in Griechenland gut aus. Auch die Katastrophe in Irland konnte bisher gut weggesteckt werden. Auch die Turbulenzen mit Ungarn, Rumänien, Spanien und Portugal hatten noch kaum Auswirkungen, an die Italienischen Finanzen ist Europa ohnehin schon gewöhnt.

Frankreich wird aber den Euro in die Luft jagen.

Frankreich hatte aber schon 2009, trotz massiver Auslagerung von Neuschulden, ein Defizit um die 10% des BIP. Auch 2010 wird das Defizit weiter steigen und die Gesamtverschuldung bei knapp 90% des BIP zu liegen kommen. 2011/12 wird die Schallmauer von offiziellen Schulden von über 100% des BIP sicher durchbrochen. Spätestens dann wird kein Depp mehr die Französischen Staatsanleihen zeichnen und Frankreich in den Bankrott gehen müssen. Bei den Summen in Frankreich wird aber auch keine EU, kein IWF und keine EZB mehr helfen können. Das würden Euro endgültig zerstören und die EU zerreißen lassen.

Frankreich hat aber keine Chance die Katastrophe abzuwenden, die Gewerkschaften würden das Land in Schutt und Asche streiken.

Ciao Frankreich, Ciao Euro, Ciao EU.

Antworten der graf
21.10.2010 16:09
5 0

Re: Frankreich wird den Euro in die Luft jagen und die EU gleich dazu!

Sie haben es auf den Punkt gebracht.

Antworten Gast: braver österreicher
21.10.2010 15:33
1 7

Re: Frankreich wird den Euro in die Luft jagen und die EU gleich dazu!

Suchen Sie sich endlich eine anständige Arbeit!