Rom. Ein milder Herbsttag in Rom, die Sonne lässt die rötlichen Palazzi leuchten, der Verkehr tost wie immer. Im Regierungssitz im Herzen der Stadt markieren der Regierungschef und sein Innenminister Entschlossenheit. EU-Bürger, die sich länger als 90 Tage in Italien aufhalten und über kein festes Einkommen und keinen Wohnsitz verfügen, können künftig jederzeit ausgewiesen werden, verkündet Innenminister Roberto Maroni bei einer Pressekonferenz, alles im Einklang mit EU-Gesetzen. Das gelte auch für ausländische Prostituierte, präzisiert Premier Silvio Berlusconi und erklärt auch gleich noch, dass die Regierung Prostitution zur Straftat machen will. Die beiden Männer verziehen keine Miene. Ist das Satire oder handelt es sich um die letzten Zuckungen eines spätrömisch-dekadenten Hofstaats?
Nur einige Tage zuvor war bekannt geworden, dass Berlusconi persönlich interveniert hatte, um eine damals 17-jährige Prostituierte aus Polizeigewahrsam zu befreien. Dass „Ruby Rubacuori“ („Ruby Herzensbrecherin“), wie sich die junge Dame in den einschlägigen Kreisen des Mailänder Showbusiness nennen lässt, in einer Bar ein kostbares Schmuckstück hatte mitgehen lassen, war dem Premier egal – solange die Verhaftete nicht noch mehr Details über wilde Orgien in Berlusconis Villa in Arcore bei Mailand ausplauderte. Die Gäste waren dort auch in den Genuss von Bunga Bunga gekommen, einem pseudoafrikanischen erotischen Schauspiel, das Berlusconi bei seinem libyschen Freund Muammar al-Gaddafi kennengelernt haben will.
Erzbischof: „Italien ist krank“
Bunga Bunga ist unterdessen Kult im Netz – und Synonym für den Zustand eines Landes, der auch viele im Lager Berlusconis nur noch den Kopf schütteln lässt. Als „Sultanat“ hat der Doyen der italienischen Politikwissenschaft, Giovanni Sartori, Italien beschrieben. Die Realität hat sein Buch mit atemberaubender Geschwindigkeit überholt.
Zuletzt schilderte das 28-jährige Callgirl Nadia Macri, wie sie mehrmals gegen Bezahlung die Bedürfnisse des alternden Regierungschefs erfüllt hat, zusammen mit anderen „Models“, die unter Polizeischutz vorgefahren wurden.
Berlusconi reagiert auf die jüngsten Enthüllungen wie gehabt: Alles Lüge, alles Verleumdung, wirft er den Medien und der Opposition vor, die wieder einmal seinen Rücktritt fordert. Er habe nun einmal eine Schwäche für schöne junge Frauen, erklärte er feixend. Mit solchen Witzen kam er bisher immer durch, schließlich sind seine Vorlieben sattsam bekannt und nötigen so manchem Bewunderung ab. „Das ist immer noch besser als schwul zu sein“, setzte er zuletzt noch drauf.
Die Anbiederung an die Kirche und seine rechtskatholische Wählerschaft ging nach hinten los. Prompt geißelte der Erzbischof von Mailand, Dionigi Tettamanzi, die „Verrohung der Sitten“. „Italien ist heute krank wie zur Zeit der großen Pest“, donnerte der einflussreiche Kardinal. Wenn jemand besondere Verantwortung trage, gebe es keine Trennung zwischen öffentlichem und privatem Leben, rügte er den Regierungschef, der sich gern darauf beruft, dass sein Privatleben niemanden etwas angehe. Die auflagenstarke Wochenzeitschrift „Famiglia Christiana“ bescheinigte Berlusconi sogar, „krank“ und ein schlechtes Vorbild zu sein.
Berlusconi kontert Finis Angriffe
Die größte Gefahr aber droht dem Premier von innen, aus den eigenen Reihen. Die neuen Enthüllungen treffen ihn zu einem Zeitpunkt beispielloser politischer Schwäche. Sein Erzrivale Gianfranco Fini schart in einer neuen Partei „Freiheit und Zukunft für Italien“ (FLI) immer mehr Abtrünnige um sich und forderte ihn nun vor tausenden Anhängern zum Rücktritt auf. „Sonst treten wir aus der Regierung aus“, drohte Fini so unverhohlen wie nie zuvor.
Seit Monaten messen die beiden einstigen Verbündeten ihre Kräfte, und noch ist Fini nicht stark genug, um Neuwahlen zu riskieren. Vielmehr fordert er jetzt eine Übergangsregierung, die endlich die Wahlversprechen Berlusconis umsetzt. „Ich trete sicher nicht zurück, nur weil Fini das verlangt“, ließ Berlusconi nun ausrichten.
Einen geplanten Auftritt bei einer hochkarätig besetzten Tagung über die Familie und ihre Werte am Montag musste er trotzdem absagen. Seine Anwesenheit würde die Teilnehmer in Verlegenheit bringen, hatten die Veranstalter vorher verlauten lassen. Die Eröffnungsrede überließ Berlusconi einem Unterstaatssekretär.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2010)
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