Khartum/Gaw/Ws/Hd. In zwei Tagen hat die Unabhängigkeitsuhr ihre Schuldigkeit getan. Jene digitale Anzeige in der südsudanesischen Hauptstadt Juba, die die Tage bis zum Referendum über eine Sezession vom gemeinsamen Staat herunterzählt. Dass die Südsudanesen dabei für die Eigenstaatlichkeit stimmen werden, gilt als sicher.
Die ganze Welt blickt in diesen Tagen auf den Sudan: Wird der – noch – größte Staat Afrikas eine friedliche Trennung schaffen? Oder wird der Sudan ein weiteres Mal zum Synonym für Gewalt und Bürgerkrieg werden? Von der UNO bestätigte Luftangriffe auf Stellungen der Streitkräfte des Südens haben Zweifel genährt, ob Präsident Omar al-Bashir jenen Landesteil, in dem drei Viertel der Ölfelder des Sudans liegen, ziehen lassen wird.
In der Schlussphase vor dem Referendum machte die Regierung im Norden allerdings gute Miene zum aus ihrer Sicht bösen Spiel: „In Zukunft geht es darum, Brücken und nicht eine Mauer zwischen uns im Norden und denen im Süden zu bauen“, sagte Außenminister Ali Karti in Khartum zur „Presse“: „Beide Seiten brauchen einander. Und genau diese Abhängigkeit voneinander muss jetzt in Abkommen festgezurrt werden.“
Auch Präsident Bashir gab sich diese Woche in Südsudans Hauptstadt Juba ungewohnt zahm: „Einigkeit kann nicht durch Gewalt hergestellt werden“, meinte er und sagte auch nach einer Abspaltung jede Unterstützung zu.
Grenzverlauf noch unklar
Die Scheidung scheint also unausweichlich, der Streit um die „Kinder“ vorgezeichnet: die Erdöleinnahmen und den Konflikt darum, wer die Grenzprovinz Abyei verwaltet, in der es ebenfalls um Erdöl, vor allem aber um Weiderechte der nördlichen Nomadenstämme geht. Selbst wo genau die Grenze der Staaten verlaufen soll, ist noch nicht ausgehandelt. Eine kleine Frist dafür bleibt noch: Denn die Unabhängigkeit des Südens soll erst nach einem halben Jahr Übergangszeit in Kraft treten. So sieht es der Friedensvertrag vor, der 2005 geschlossen wurde, nach einem Krieg, der mit Unterbrechungen seit Anfang der 1960er-Jahre dauerte und geschätzte 2,5 Millionen Menschenleben forderte. Und ein kaum überwindbares Misstrauen zurückließ.
Eskalation in Darfur droht
Brigadier Walter Feichtinger vom Wiener Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie sieht Risken vor allem für den Fall eines unklaren und strittigen Resultats des Referendums. Dies könnte im Norden zur Radikalisierung führen. Die Ersten, die die öffentliche Wut zu spüren bekämen, wären die etwa zwei Millionen im Norden lebenden Südsudanesen.
Zudem wäre laut Feichtinger damit zu rechnen, dass die Regierung in Khartum nach einer Sezession des Südens den islamischen Charakter des Restsudans zu stärken versuche. Dass die Scharia dann umfassend gelten soll, hat Bashir ja bereits angekündigt.
Dazu kommen Auswirkungen auf die Lage in Darfur: Alle Versuche, den jahrelangen Krieg in der westsudanesischen Region zu beenden, schlugen fehl. Zuletzt gab es wieder heftige Gefechte zwischen der Armee und der Rebellenbewegung JEM. Nach einer chaotischen Abspaltung des Südsudans könnte JEM versuchen, aus der schwierigen Lage Khartums Kapital zu schlagen, und den militärischen Druck erhöhen, meint Feichtinger. Die Folge wäre eine Eskalation der Kämpfe in Darfur.
Diese kosteten seit 2003 laut UNO rund 300.000 Menschen das Leben und brachten al-Bashir eine Anklage wegen Völkermordes vor dem Internationalen Strafgerichtshof ein. So könnten die Menschen in Darfur die Leidtragenden sein, wenn die Aufmerksamkeit der Staatengemeinschaft auf den Südsudan konzentriert ist.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2011)
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