Kairo/Tripolis. Nach fast 42 Jahren an der Macht neigt sich die Zeit von Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi dem Ende zu. Der Volksaufstand, der seit Tagen in den Provinzen tobt, erreichte in der Nacht auf Montag auch die Hauptstadt Tripolis. Blutige Kämpfe brachen aus, mindestens 60 Menschen starben dabei.
Am Morgen danach gingen der Volkskongress sowie etliche Polizeistationen und Regierungsgebäude in Flammen auf. Zahlreiche Geschäfte und Banken wurden geplündert. Angeblich wurde auch die Residenz des deutschen Botschafters in dessen Abwesenheit ausgeraubt.
„Kampf bis zur letzten Patrone“
Teile der Armee fielen von Gaddafi ab. Die Polizei war wie vom Erdboden verschluckt. Das Regime schien sich aufzulösen. Justizminister Mustafa Abdel Jalili legte sein Amt nieder.
Auch die ersten libyschen Diplomaten drehten ihr Fähnchen nach dem Wind. In Kairo verkündete der libysche Botschafter bei der Arabischen Liga, Abdel Moneim al-Honi, er nehme fortan an der Revolution teil. Auch Libyens Vertreter in Indien, Ali al-Essawi, trat aus Protest gegen die Massaker in seiner Heimat zurück. Der Botschafter in Wien war für keine Stellungnahme zu erreichen.
In Tripolis strömten am Montag zehntausende Demonstranten auf dem Grünen Platz im Zentrum der Stadt zusammen. „Gaddafi, wo bist du?“, brüllte die wütende Menge. „Komm heraus, wenn du ein Mann bist.“ Doch dann gab es wieder ein Blutbad. Militärflugzeuge schossen in die Menge.
In der Nacht zuvor hatte der Langzeitherrscher seinen Sohn Saif an die Fernsehfront geschickt. Das gab Spekulationen Auftrieb, der Diktator sei bereits geflüchtet. Lange hatte Saif al-Gaddafi als Reformer der Familie gegolten, auch wegen seines Studienaufenthaltes in Wien. Bei seinem TV-Auftritt zeigte Saif nun aber ein anderes Gesicht. „Wir werden bis zur letzten Minute und bis zur letzten Patrone kämpfen“, drohte er mit erhobenem Zeigefinger.
Benghazi und Sirte gefallen?
Der Aufstand sei von außen gesteuert, die Anzahl der Toten übertrieben, sagte Saif. Andererseits gab er sich beschwichtigend und versprach eine „historisch nationale“ Reforminitiative, die bereits am Montag im Parlament ausgearbeitet werden sollte. Ein paar Stunden später brannte das Parlament.
Während das Regime um Tripolis kämpfte, schien es bereits die Kontrolle in anderen Städten verloren zu haben. Aus mehreren Quellen verlautete, dass Aufständische die Macht in Benghazi, der zweitgrößten Stadt Libyens, an sich gerissen hätten. Eine ganze Armee-Einheit namens „Donnerschlag“ soll übergelaufen sein.
Auch Sirte, die Geburtsstadt Gaddafis, ist angeblich gefallen. Allein in Benghazi sollen bei Kämpfen an die 200 Menschen ums Leben gekommen sein. Insgesamt gab es laut einer oppositionellen Menschenrechtsorganisation in den vergangenen fünf Tagen 400 bis 500 Tote.
Stämme sagen sich los
Auch die Gefolgschaft der Stämme, auf deren Loyalität Gaddafi seine Macht aufbaute, bröckelte. Faraj al Zuway, der Chef des Zawwaya-Clans im Osten des Landes, drohte, den Ölexport innerhalb von 24 Stunden zu stoppen, wenn die Gewalt gegen die Demonstranten nicht aufhört. Auch Akram Al-Warfalli, einer der Chefs eines großen Clans in Libyen, meldete sich öffentlich zu Wort: Gaddafi sei nicht mehr der Bruder seines Stammes, er solle das Land verlassen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2011)
Baustellen, Pleiten, SkandaleDer US-Präsident ringt um seine Glaubwürdigkeit
Staatsbürgerschaftstest neuKönnten Sie Österreicher werden?
Zitate der Woche''Die Ehre lasse ich mir nicht abschneiden''
X-47BGroßdrohne hebt erstmals von Flugzeugträger ab
''Kim on Tour''Der Diktator als Pappkamerad
