In der Nacht hatte der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi in einer verstörenden Rede von seinem Märtyrertod gesprochen und ein Gemetzel angedroht, nun fallen immer mehr Getreue von ihm ab. Auch international steigt der Druck: Der UN-Sicherheitsrat hat ein sofortiges Ende der Gewalt gegen Demonstranten gefordert, US-Präsident Barack Obama und EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso haben die Gewalt verurteilt.
Zeitgleich steigt die Zahl der Todesopfer. Nach offiziellen Angaben sind mindestens 300 Menschen ums Leben gekommen, 189 Zivilisten und 111 Militärangehörige. Der in Frankreich ansässige Internationale Verband der Menschenrechtsligen (FIDH) sprach dagegen von mindestens 640 Toten seit Beginn der Proteste vor rund einer Woche. "Wir haben keine vollständigen Informationen, gehen aber davon aus, dass Schätzungen von etwa 1000 Toten glaubwürdig sind", erklärte Italiens Außenminister Franco Frattini am Mittwoch.
Mehrere Städte feiern "Befreiung"
Die Situation in Libyen ist weiterhin unübersichtlich. Parlamentspräsident Mohamed Swei sagte, in den meisten großen Städten sei wieder Ruhe eingekehrt. Der libysche UNO-Botschafter Dabbashi berichtete hingegen von neuer Gewalt im Westen des Landes. In der Hauptstadt Tripolis wurde am neunten Protesttag die Präsenz der Sicherheitskräfte verstärkt.
--> Augenzeugen berichten von Massakern in Tripolis.
Die Kontrolle über den Osten des Landes scheint Gaddafi bereits verloren zu haben. In mehreren Städten feierten die Bewohner bereits die "Befreiung" ihrer Region. Auch die größte Stadt im Westen der Landes, die Küstenstadt Misurata, soll sich in der Hand der Protestteilnehmer befinden.
Gaddafi selbst soll sich mit vier Brigaden der Sicherheitskräfte auf dem Stützpunkt Bab al-Asisija in Tripolis verschanzt halten. Das verlautete aus gut unterrichteten Kreisen in Tripolis.
Einem Bericht der Zeitung "Kuryna" zufolge ist am Mittwoch ein Kampfflugzeug abgestürzt, nachdem die Piloten einen Befehl zum Angriff auf die Stadt Benghazi verweigert hatten. Den Angaben zufolge verließen der Pilot und der Co-Pilot die Maschine kurz vor dem Absturz in der Nähe der Stadt Ajdabija und sprangen mit Fallschirmen ab.
Ansturm von Flüchtlingen befürchtet
Wegen der dramatischen Entwicklungen befürchtet Italien einen Massenansturm von Flüchtlingen in Richtung Süditalien. "Wir wissen, was auf uns zukommt, wenn das libysche System zusammenbricht: eine Welle von 300.000 Migranten. Und das sind noch vorsichtige Schätzungen." Sein Land müsse sich auf einen "biblischen Exodus" vorbereiten, erklärte Außenminister Frattini.
Auch die Hilfsorganisation Roter Halbmond warnte vor der "katastrophalen Bedrohung" eines Massenexodus. Innerhalb von zwei Tagen seien bereits mehr als 5700 Menschen aus Libyen ins benachbarte Tunesien geflüchtet.
Libysche Botschaft distanziert sich von Regime
Die libysche Botschaft in Wien hat am Mittwoch die Gewalt gegen Demonstranten "verurteilt" und sich vom Regime in Tripolis distanziert: "Die Botschaft vertritt das libysche Volk und will den Familien der Opfer ihre tiefste Anteilnahme ausdrücken", hieß es in einer Erklärung. Die Weltgemeinschaft müsse konkrete Maßnahmen setzen, um die Zivilbevölkerung zu schützen.
Libysche Diplomaten in verschiedenen Teilen der Welt hatten sich zuvor bereits von Gaddafi losgesagt. Auch Innenminister Abdel Fatah Junes trat zurück und stellte sich hinter die Protestbewegung.
Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad appellierte am Mittwoch an Gaddafi, den Willen der Menschen zu respektieren: "Anstatt Menschen zu töten, höre auf sie." Erst am vergangenen Wochenende war eine Protestkundgebung der Opposition in Teheran von der Polizei brutal niedergeknüppelt worden, ein Demonstrant wurde dabei erschossen.
Österreich plant Fahrzeugkonvoi zur Evakuierung
Laut EU-Kommission befinden sich noch rund 10.000 EU-Bürger in Libyen. Asiatische Staaten trafen Vorbereitungen, um insgesamt 100.000 Arbeiter in ihre Heimatländer zurückzuholen.
Nach Angaben des Außenministeriums befinden sich in Libyen noch rund 70 ausreisewillige Österreicher. Nachdem die AUA ihre Flüge bis Sonntag vorerst eingestellt hat, wird versucht, den 30 Ausreisewilligen in Tripolis die Ausreise über den Landweg zu ermöglichen. Für die 40 bis 45 Österreicher in anderen Landesregionen wird eine Evakuierung über den Seeweg versucht. Rund 15 Österreicher wollten im Land bleiben.
Am Mittwochabend war erneut eine AUA-Maschine, die am Vormittag von Wien nach Tripolis geflogen war, in Wien gelandet. Die AUA hat mit der Landung der Linienmaschine am Mittwochabend ihre Flüge nach Libyen vorerst eingestellt. Die Informationslage sei jetzt nicht mehr eindeutig und lasse daher derzeit keine klare Beurteilung der Situation in Tripolis zu. "Wir beobachten die Lage weiter sehr genau. Wir treffen am Montag weitere Entscheidungen", erklärte das AUA-Management.
(Ag./Red.)











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