Die "11er-Generation": Jung, arabisch, revolutionär

25.03.2011 | 18:17 |  VON WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Die Träger der Revolution in Nordafrika und Nahost sind Jugendliche, die in kein westliches Vorurteilsmuster passen. Sie eint Frust, Facebook und Rap - Religion ist für sie Privatsache.

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Mit letzter Kraft versuchen sich Syriens Präsident Bashir al-Assad und Jemens Ali Abdullah Saleh an der Macht zu halten. In Ägypten herrscht trotz erfolgreicher Revolution Verunsicherung, in Tunesien ebenfalls. In Algerien und im Iran formiert sich Widerstand. In Libyen weiß niemand, wohin das Land nach dem blutigen Bürgerkrieg steuert. Einer der Unsicherheitsfaktoren in der westlichen Einschätzung des Umbruchs sind die Träger der Revolution 2011: Jugendliche ohne klare politische Gesinnung, die vor allem das Ziel eint, die korrupten Machtstrukturen aufzubrechen.

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Fast peinlich wirkt der rasch aktivierte Facebook-Auftritt von Syriens Präsident al-Assad, der die Kommunikationsnetze der Jugend nun selbst zur Imagepolitur nutzen möchte. Assad hat erkannt, dass das Netz neben dem TV-Sender al- Jazeera zum Angelpunkt dieser Revolution geworden ist. Ihm war offenbar nicht bewusst, dass dort keine Lobeshymnen auf Staatschefs ziehen, sondern YouTube-Clips wie das Rap-Mixtape „The Peace Revolution 2.0“, die den Widerstand weiter antreiben. Die Musik gibt den Takt an, die Texte sprechen den Frust und den Wunsch nach Freiheit dieser Generation aus. Die Jugendlichen haben keine starken Anführer, sind eine durchaus gebildete, aber völlig inhomogene Gruppe. „Sie sind extreme Individualisten“, charakterisiert sie der Islamexperte Olivier Roy im Gespräch mit der „Presse“. Auch wenn sich viele von ihnen zum Islam bekennen, ist für sie Religion doch vor allem Privatsache.

Die 11er-Generation, die den größten politischen Umbruch seit dem Kollaps des kommunistischen Ostblocks ausgelöst hat, mag in keine westliche Schublade passen, aber sie hat in den meisten nordafrikanischen Staaten eine durchaus ähnliche Geschichte: gute Bildung, hohe Arbeitslosigkeit und eine durch das Internet angetriebene Modernisierung und Individualisierung. Ihre aussichtslose Situation gibt ihnen den Mut zum Umsturz.

Und es sind viele: Fast 60 Prozent der Bevölkerung in den arabischen Staaten sind unter 30 Jahre alt. Allein in Ägypten sind das 45 Millionen Menschen. Eine solche Masse zu ignorieren und zu frustrieren war der fatale Fehler der etablierten Herrscher. „Unsere Generation ist verzweifelt“, schreibt die junge Algerierin Nina B. in einem Internetforum. „Wir leiden unter Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot, dabei besitzt Algerien 155 Milliarden Dollar an Ölreserven. Unser Land ist in den Händen einer korrupten Elite.“

Schon 2007 sagten die französischen Wissenschaftler Youssef Courbage und Emmanuel Todd den Umbruch voraus. In ihrem Buch „Die unaufhaltsame Revolution“ gingen sie dem demografischen Wandel nach, der ihrer Ansicht nach eine Modernisierung der arabischen Gesellschaft erzwingen werde. Sie stellten während der vergangenen 30 Jahre einen Durchbruch bei der Alphabetisierung in allen nordafrikanischen Staaten fest. In Ägypten und Tunesien können mittlerweile drei Viertel der Bevölkerung lesen und schreiben, in Libyen 82 Prozent.

Da die Jugendlichen besser gebildet sind als die Alten, wurde ein Bruch in der Gesellschaft offenbar. Mehr Geburtenkontrolle, selbstbewusstere Frauen und die Zersetzung patriarchalischer Strukturen waren die Folge. „Eine mehrheitlich alphabetisierte Bevölkerung ist auf dem Weg der Modernisierung“, so Courbage und Todd. In diese Gesellschaft passen autokratische Machthaber wie Assad, Mubarak oder Gaddafi nicht mehr hinein.

 

„Allah hat uns den Rap gegeben“

Die junge Protestbewegung entwickelte ihre eigene Kultur. Der tunesische Rapper El Général war einer, der zum Symbol des Widerstands wurde. In seinem Song „Rais Lebled“ geißelte er das politische System seines Landes. „Die Menschen essen aus Mülltonnen/Viele haben kein Dach über dem Kopf/Werden vom Unrecht erdrückt/Während sich diese Hundesöhne – Sie kennen sie, Herr Präsident – die Taschen vollstopfen.“

Die Angst vieler Europäer, diese junge Generation könnte dem Islamismus zum Durchbruch verhelfen, relativiert sich. Nur ein kleiner Teil identifiziert sich mit radikalen Gruppen wie den Moslembrüdern. Für sie ist der Islam, so Olivier Roy, eine Hilfe zur Identitätsfindung, mehr nicht. Mit der Terrorbewegung al-Qaida haben sie ebenso wenig am Hut wie mit Irans Führung, die 2009 eine jugendliche Massenbewegung unterdrückt hat.

Einen pragmatischen Zugang hat auch der Rapper El Général. Er sieht im Islam nicht das Ziel, sondern den Weg. In einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ sagte er: „Allah hat uns den Rap gegeben, damit wir uns vom Unrecht befreien können.“

Der Rhythmus der Revolution

Arab-Rap. Der Umbruch im arabischen Raum hat eine eigene Subkultur entwickelt. Gruppen wie Arabian Knightz begleiten mit ihrer Rap-Produktion „Arabs stand up“ die Revolution. Omar Offendum und EMoney setzen auf Hip-Hop. Ihre Musik und Videos sind ein Aufruf zum Kampf gegen das Establishment.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2011)

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87 Kommentare
 
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Glaub ich nicht

Das glaube ich erst, wenn es keine religiös motivierten Führer/Parteien was auch immer, die über das Leben der Menschen in religiöser und weltlicher Sicht bestimmen, in den islamischen Ländern gibt.

Ansonsten ist dieser Artikel reine Sience fiction.

Gast: Interessent
28.03.2011 11:43
1

Die

Warum ist das nicht auch bei uns in Deutschland möglich?? Hier wird die Bevölkerung doch genauso von Regierung und Wirtschaft belogen und betrogen. Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse in Deutschland liesse sich doch auch im Netz wirkungsvoll organisieren...

Oder sind wir Deutschen bzw. Europäer einfach nicht dazu in der Lage? Sind wir es gewohnt, nichts zu unternehmen und stets nur wegzuschauen???

Wie auch immer die sogenannte "Revolution" der Arabischen-Jugend ausgeht...

...eines steht für Europa unumstößlich fest, nämlich, dass der Bevölkerungsaustausch-Wahnsinn bereits voll im Gange ist.

http://europenews.dk/de/node/28905

Tja, wenn dann auch Syrien fällt und Libyen

dann können sich die Revolutionäre anschauen, wie es sich - Gaza ist ein Beispiel - richtig schön lebt, wenn keiner sich der Vorherrschaft Israels in den Weg stellen kann.

Auch wenn in Syrien die Lebensbedingungen nicht so gut waren/sind wie in Libyen, aber doch deutlich besser als im Gazastreifen.

Ein mutiger Schritt dieser jungen Generation in Richtung Großisrael.

Antworten Gast: Think Positiv
28.03.2011 15:37
0

Re: Tja, wenn dann auch Syrien fällt und Libyen

Wenn es eine demokratische Bewegung wird und auf friedliche Mittel setzt, wird Israel eines Tages von innen heraus die Unterdrückung aufgeben, weil das Feindbild wegfällt.

Ein klassisches Beispiel ist Ghandi: der hat auch einen ganzen Subkontinent befreit, weil er wusste, dass die Engländer als demokratisches Volk nicht ewig das Abschlachten der Inder durch die eigene Armee akzeptieren werden.

Wir könnten an einer Zeitenwende stehen: den Sieg der Idee der Demokratie in Kulturen, die diese noch nie erlebt haben - nur aufgrund der Tatsache, dass es eine westliche demokratische Welt mit Vorbildwirkung gibt.


Gast: Antisozialist
26.03.2011 18:12
6

Heute Revolutionäre, morgen Islamisten

Sicher geht die revolutionäre Bewegung von der jungen Generation aus, nur nach der Revolution werden sie bemerken, daß Arbeitspätze und Wohlstand nicht herbei revoltiert werden können.
Das Problem ist die Überbevölkerung.
Danach übernehmen die Islamisten.

1917 wars auch nicht anders.

Antworten Gast: Feststeller
28.03.2011 11:59
0

Re: Heute Revolutionäre, morgen Islamisten

Die Hauptschuld an dieser Situation tragen aber jene Despoten, die gegen diese Entwicklung nicht dagegengesteuert haben, und nur darauf aus waren, ihre Macht zu erhalten.

Oft auch zum Leidwesen des Westens, wie zahlreiche Terroranschläge der Vergangenheit beweisen...

..und diese Generation macht mit, wenn

eine amerikanische Journalistin sexuell bedrängt wird, oder der UNO-GS Ban mit Steinen beworfen wird.

Diese Schönfärberei ist blanker Zynismus.

Und von wegen gut ausgebildet. Wo sind empirische Fakten über den Bildungsstand und Bildungsqualität?

Ich habe keine gefunden.

Will man uns mit gefakten Berichten auf eine arabische Flüchtlinswelle vorbereiten. Na dann gute Nacht!!!


und diese Generation


Gast: Gesichtschirurg
26.03.2011 15:16
2

Nur weil mal nichts negatives Zuber den Islam steht...

... ist es nach Meinung mancher Forenten "Islampropaganda". So durchschaubar sind manche. :))))))

Gast: Gast_2
26.03.2011 14:11
15

Schönfärberei

Ja, ja, wieder so ein naiver Artikel, der den Islam schön färbt.
Liebe Journaille: Das, was WIR westlich zivilisierte Menschen unter Demokratie verstehen, ist nie und nimmer das, was die Orientalen unter Demokratie verstehen. Die haben absolut keine Erfahrung in solchen Belangen. Und dann darf man nicht vergessen: Heerscharen an jungen, zumeist schlecht ausgebildeten Leuten, die auf autoritäre Führer, die ihnen das Heil in der Religion versprechen, hereinfallen. Ich gehe jede Wette ein, dass sich in keinem dieser Länder eine Demokratie westlichen Zuschnitts etablieren wird. Bestenfalls wird es Militärdiktaturen geben, oder wieder eine "Herrscherfamilie", die sich für Generationen die Macht unter den Nagel reißt. Ich hoffe ja direkt, man straft mich Lügen.

schon wieder...

pro islam propaganda

Der übliche Gutmenschenblödsinn!


Rappen gehört in den Schulen unterrichtet

Wer hätte je gedacht, dass man einmal missliebige Regime einfach wegrappen kann?

Rappen wird zum unverzichtbaren Teil einer demokratischen Grundausbildung werden.

Gast: Bösmensch dauerzensiert
26.03.2011 10:59
15

So ein Unsinn

Als ob man einer ganzen Generation das pro-westliche Revoluzzertum nachsagen könnte. Fakt ist, dass nach Aufständen in islamischen Länder meist eine noch islamischere Führung das Ruder übernimmt, siehe zB Iran, und in Ägypten wünschen sich die meisten ebenso eine größere Einflussnahme des Islams. Wo sind denn nun die Jugendlichen, die Religion angeblich nur als Privatsache sehen?

Re: So ein Unsinn

Natürlich wird der Islam seinen problematischen (da prinzipiell mit Demokratie unvereinbar) Einfluss auf diese Gesellschaftsentwicklungen ausüben. Dennoch sollte man diese Revolutionen auch aus europäischem Blickwinkel nicht nur negativ sehen.
Denn Fakt ist: An einer Theokratie iranischer Prägung haben die wenigstens Jungen ein Interesse. Denn die Mullahs haben Dank des Beispiels Iran bei den Jungen genauso an Ansehen verloren. Dort konnte das Regime froh sein angesichts massiven Wahlbetrugs und Massenprotesten nicht schon letztes Jahr hinfort gespült zu werden, wer weiß ob es nicht in Bälde so weit ist. Als Vorbild oder erstrebenswertes Ziel für die Jungen in der arabischen Welt dienen sie jedenfalls sicher nicht.
Positiv sehen sollte man auf jeden Fall, dass egal welches Regime oder Regierungsform nun an die Macht kommt: Einen Rückschritt zum Totalitarismus ala Mubarak, Ben Ali oder wie sie alle heißen wird es kaum geben. Denn das Volk wird seine blutig gewonnenen Freiheiten kaum mehr aufgeben. Und mit diesen Freiheiten kann sich vielleicht schön langsam auch eine nicht religiös geprägte Regierungsform durchsetzen. Denn die Mündigkeit und Freiheit sind die größten Bedrohungen des radikalen Islamismus.

Re: Re: So ein Unsinn

Naja, Indonesien ist muslimisch UND hat (mehr oder weniger, darüber kann man sicher diskutieren) eine Demokratie.

Die Türkei ist seit Atatürk ein laizistischer Staat im Stile einer westlichen Demokratie, auch wenn sie noch viele Fehler hat und sicher nicht alles eitle Wonne ist.


Re: Re: Re: So ein Unsinn

Die Türkei ist ein laizistischer Staat nach westlichem Vorbild, wie Sie richtig schreiben. Atatürk hat dazu 1:1 das westliche Modell kopiert, aber keinerlei islamische Elemente mit einbezogen. Denn vom Islam hat Atatürk selbst nichts gehalten. Somit ist die Türkei aber kein Beispiel für die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie, sondern lediglich die von oben verfügte Implementierung einer westlichen Demokratie in einem islamischen Land.

Re: So ein Unsinn

Das Beispiel Iran ist mehr als 30 Jahre alt. Damals gabs dort noch nicht einmal halbwegs Telefon. Unvergleichbar.

Gast: Dr. Hir
26.03.2011 10:57
9

Lesenswerter link

„Unsere Generation ist verzweifelt“, schreibt die junge Algerierin Nina B. in einem Internetforum.
Es wird sehr bald VIEL SCHLIMMER sein.
Die Vorzeichen liest man hier:

http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2011/03/08/AR2011030805540.html

Die neuen Demokraten bei der Arbeit!
Ich ersuche die Leser, die Visagen der Männer genauer zu betrachten!


Re: Lesenswerter link

Genau so wird es kommen. Einer dünnen Schicht von Intellektuellen, die es ehrlich meinen mit der Freiheit, steht eine Armee von bettelarmen, ungebildeten, rückständigen und gläubigen Menschen gegenüber. Diese Muster zeigte sich zuerst im Iran 2009, wo das Regime keine Probleme hatte, immer neue Schlägertrupps aus strenggläubigen jungen Männern auf die Straße zu bringen.

Wenn nicht ein neuer Reformer vom Kaliber eines Gandhi oder Atatürk auftaucht, wird es sehr, sehr übel.

Gast: kybeline
26.03.2011 10:45
5

der arabsiche Aufstand wird durch die enorme Bevölkerungsexplosion getrieben

es ist nicht Fanatismus, nicht ISlamismus, der die Menschen auf die Strassen treibt - sondern die Armut, HOffnungslosigkeit, die grossteils durch die hohen Geburtenraten produziert wird!

Die Länder mit der höchsten Vermehrungsrate und dem grössten Anteil an jungen Leuten sind:
Afghanistan
Ägypten
Albanien
Algerien
Bahrain
Libyen
etc.!

OIC-LÄnder sind grossteils Länder mit den höchten Geburtenraten (OIC=Islamischer Bund).

Diese demografische Zeitbombe ist hier gut beschrieben:

http://www.kybeline.com/2010/06/25/demographische-liste-der-islamischen-staaten/

Antworten Gast: Sorry
26.03.2011 21:39
0

Re: der arabsiche Aufstand wird durch die enorme Bevölkerungsexplosion getrieben

"sondern die Armut", in Libyen? Bai Gaddafi war keine armut in Libyen.

Zukunft des Terrorismus

Überall, wo es in der islamischen Welt Instabilität gibt, werden Jihadisten angezogen wie Schmeißfliegen von Exrementen.

Nicht die „westliche Ungerechtigkeit“, sondern der Islam sebst produziert jene perspektivlosen jungen Männer, die sich nichts sehnlicher wünschen, als wie der Prophet in den heiligen Krieg zu ziehen.

http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/03/25/vergangenheit-und-zukunft-des-terrorismus/

Antworten Gast: Speiber
26.03.2011 17:27
0

Dieser Blog ist reine Zeitverschwendung


Wie von einem 12Jährigen, der aus der Schülerzeitung geflogen ist

Antworten Gast: gesagt getan
26.03.2011 10:49
3

Re: Zukunft des Terrorismus

Da sie in ihrem Fanatismus zum Islamismus
selber schuld sind, sollten wir sie nach dem Motto HELP YOURSELF, ihr Schicksal selbst bestimmen und überlassen. Wir Europäer müssen nicht permanent versuchen die Welt durch unsere Scheindemokratien zu verbessern und zu retten.

 
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