Da ist er wieder: Dieser unverwechselbare Donner vom Abschuss der Grad-Raketen, dem ein bedrohliches Surren folgt, mit dem die Flugkörper durch die Luft rauschen. Adil, der gerade beim Bäcker nach Brot fragt, hebt nur kurz den Kopf, abwartend, wie nah der Einschlag erfolgt. Es trifft ein kleines Wohnhaus, keine 300 Meter von ihm entfernt. Weißer Rauch steigt in den Himmel. Wortlos fährt Adil mit seinem frischen Brot davon, als wäre nichts passiert.
Grad-Raketen sind für ihn eine Alltäglichkeit. Seit mehr als zwei Monaten steht seine Heimatstadt al-Qalaa unter Beschuss. Auch die Moschee an der Hauptstraße ist schwer getroffen. „Mal sind es 20, mal 40 Stück pro Tag “, sagt Mohamad Glaawit, ein eloquenter älterer Herr mit grauem Bart, der zum lokalen Übergangsrat gehört.
Al-Qalaa ist die letzte Bastion der Rebellen, die äußerste Frontlinie im Herzen der Nafusah-Berge, einem Hochplateau rund 230 Kilometer von der tunesischen Grenze entfernt. Als in der hauptsächlich von Berbern bewohnten Bergregion der Aufstand gegen das Gaddafi-Regime begann, wurde als Strafe zuerst die Wasser- und Stromzufuhr gekappt. Es folgte ein brutaler Krieg gegen die Bevölkerung, die Armee besetzte mehrere Städte.
In Jefran, wenige Fahrtminuten entfernt, sind die Fensterscheiben der Häuser zerschossen, alle Geschäfte geplündert, demolierte Stühle, Computer und zerschnittene Matratzen liegen auf den Straßen. „Sogar Pferde und Esel haben diese Kerle erschossen“, schimpft Abdelhamid, der uns kopfschüttelnd durchs Stadtzentrum fährt. Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Es ist eine Geisterstadt, Frauen und Kinder sind geflüchtet, nur die Männer geblieben – um zu kämpfen. Zwei Monate war Jefran in der Hand von Gaddafi-Soldaten, bis es befreit werden konnte.
Die Kalaschnikow in Reichweite
Jetzt sichern schwer bewaffnete Kämpfer die lebenswichtige Verbindungsstraße. Von hier aus sind es noch 100km bis Tripolis, steht auf einem Verkehrsschild. Die Rebellen sind guter Laune, obwohl sie schon stundenlang in der brütenden Hitze Wache schieben und der Wind so heiß ist, dass er in die Haut beißt. Sie winken lachend und halten zum Gruß die Hand mit zwei ausgestreckten Fingern in die Höhe. Dies sei nicht das Victory-Zeichen, erklärt Abdelhamid. „Der Zeigefinger steht für das Leben, der große Mittelfinger für den Tod, den Eingang ins Paradies.“ Abdelhamid legt eine CD von Bob Marley ein: „Get up, stand up, stand up for your rights.“ „Ist das nicht gut?“, meint er und drückt aufs Gas.
In Qalaa gibt es Mittagessen. In einem zur Kaserne umfunktionierten Gebäude des libyschen Roten Halbmonds sitzen die Kämpfer an langen Tischen, ihre Kalaschnikows stets in Reichweite. In großen Blechschüsseln werden Makkaroni mit Kichererbsen in scharfer Tomatensauce serviert. Der Koch bringt noch Salat mit Oliven. „Oh, frische Vitamine gab es schon lange nicht mehr“, sagt Khaled, einer der Kämpfer am Tisch.
„Wir wollten diesen Krieg nicht“
Khaled ist einer der wenigen, der feste Schuhe hat und in Olivgrün gekleidet ist. „Nein, nein, ich war kein Soldat in der Armee“, beteuert der 29-Jährige. „Ich arbeitete als Informatiker bei einer US-Firma in Tripolis.“ Fast alle seiner Kameraden hatten vor dem Aufstand gegen Gaddafi normale Berufe. „Ich war Bankangestellter“, ruft ein schmächtiger Kerl über den Tisch. Es ist eine bunte Mischung aus Bauern, Arbeitern, Akademikern und Angestellten, die jetzt gemeinsam aus großen Schüsseln ihr Essen löffeln und jeden Tag sterben könnten. „Was bleibt uns anderes übrig?“, sagt Khaled, der Computerspezialist, und er spricht für alle. „Wir wollten diesen Krieg nicht. Aber wir müssen für unsere Freiheit kämpfen, sonst werden wir von diesem Verbrecher getötet oder verrotten in seinen Gefängnissen.“
In den befreiten Gebieten der Nafusah-Berge wird überall von einer großen Attacke auf Tripolis gemunkelt. Darüber sprechen will keiner der Rebellen. „Wir können nicht an eine große Offensive denken“, meint Jamal Hadi Bouaziz, ein pensionierter Oberst: „Wir haben zwar genügend Kämpfer, aber nicht ausreichend Waffen.“ In Bengasi, dem Sitz der Übergangsregierung der Rebellen, gäbe es Militärberater aus dem Ausland. „Nur bei uns haben wir noch keinen gesehen“ sagt Bouaziz enttäuscht. „Wir wissen nicht, warum man uns völlig alleine lässt.“
An der Frontlinie in Qalaa ist man nicht weniger von der Nato enttäuscht: „An manchen Tagen kann man zwar ihre Flugzeuge hören“, erzählt Mohammad Glaawit vom städtischen Organisationsrat, aber Bomben fielen keine. „Al-Qalaa ist von drei Seiten von Gaddafi-Truppen eingeschlossen. Hier, hier und hier.“ Er malt drei Kreuze auf ein Papier. „Wir müssen unbedingt einen zusätzlichen Zugang öffnen.“ Das ehemalige Gebäude des Roten Halbmonds ist voll mit Kämpfern. Im Hof fahren ständig Militärfahrzeuge vor. Es herrscht eine Spannung, als könnte es jeden Augenblick losgehen.
Und am nächsten Morgen ist es auch schon so weit. Kurz nach Sonnenaufgang warten rund 100 Rebellen im Hinterhof einer Schule auf ihren Einsatzbefehl. Kalaschnikows werden noch schnell mit Spray geölt, die zwölf Raketenwerfer gefettet, Patronen vom Staub gesäubert. Aus einem Waffendepot in der Schule holt man französische Milan-Panzerabwehrraketen, die das Golfemirat Katar an die Rebellen geliefert hat.
Anfangselan verfliegt im Kampf
Einige der Kämpfer sitzen noch beim Frühstück am Boden neben ihren Fahrzeugen. Es gibt Datteln und Milch. Angst vor dem Tod oder auch nur Nervosität ist bei den meist jungen Kämpfern, die überwiegend in Jeans, T-Shirt und leichten Sommerschuhen in den Krieg ziehen, nicht zu spüren. Dass manche ihrer Gewehre über 30 Jahre alt sind, stört sie wenig. „Hauptsache, sie funktionieren“, meint ein großer, muskelbepackter Typ, der sich beschwert, wegen des Krieges keine Zeit mehr für das Fitnessstudio zu haben. „Hoffentlich geht es bald los“, sagt er mit einem breiten Schmunzeln. Alle scheinen voller Ungeduld, ja Vorfreude zu sein, die Handlanger Gaddafis vertreiben zu können.
Um acht Uhr erfolgt unter einem lauten „Gott ist groß“ der Abtransport an die Front. Die etwa 100Mann starken Gaddafi-Truppen oben am Hügel werden sofort mit schwerem Feuer belegt, die Geschütze machen einen höllischen Lärm. Die Truppen Gaddafis antworten mit Panzern und Mörsern. Scharfschützen warten darauf, dass anstürmende Rebellen in ihre Schusslinie kommen.
Hinter der Frontlinie stehen Krankenwagen im Schutz eines Erdwalls. Nach zwei Stunden treffen die ersten verletzten Rebellen ein. Ab Mittag braucht man neue Munition. Ein Fahrer rast Richtung Stadt los. Die Windschutzscheibe hat ein Einschussloch, das Glas droht durch den Fahrtwind ins Wageninnere zu bersten. Auf einem kleinen Bergpass nehmen Gaddafi-Soldaten das Auto ins Visier. Einen Meter hinter dem Wagen schlägt die Granate ein. Der Fahrer lacht kurz und zeigt auf den Rauch hinter dem Wagen. Am frühen Nachmittag gerät der Sturm auf den Hügel ins Stocken. Ein Teil der Kämpfer nimmt Deckung in einem alten, leer stehenden Haus. Nach sechsstündigen Gefechten bei brütender Hitze ist vom Anfangselan kaum etwas übrig.
Gegen 18 Uhr ist es endlich vorbei. Der Hügel ist gestürmt, die Soldaten Gaddafis haben sich zurückgezogen. Freudensalven sind durch das Tal zuhören. Aber, wie so oft im Krieg, ist der Sieg teuer erkauft. Drei der Rebellen sind tot, 33 zum Teil schwer verletzt. Vier Gaddafi-Soldaten wurden verhaftet, von denen einer am nächsten Tag im Krankenhaus stirbt.
Vom Tod und Leiden an der Front haben die jungen Freiwilligen, die in den Ausbildungslagern der Rebellen gedrillt werden, noch keine Ahnung. Mit Enthusiasmus marschieren sie, robben im Sand und klettern Wände hoch. „Ich möchte in den Kampf“, sagt Omar, „um Gaddafi so schnell wie möglich zu Fall zu bringen.“ Die anderen jungen Männer nicken heftig. Sie rufen „Gott ist groß“ und recken die Hand mit dem V-Zeichen in die Luft: Leben oder Tod. Wie viele von ihnen den Fall des Diktators Gaddafi noch erleben werden, weiß nur Gott alleine, wie einer der Ausbilder sagt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2011)
Geflohen, getötet, untergetaucht: Die Gaddafi-Familie
''Jede Mutter eine Tötungsmaschine'': Gaddafi ruft Frauen zu den Waffen
Libyen: Wie sich die Rebellen Waffen basteln
In Trümmern: Die umkämpfte Stadt Misrata
Gebäude in Flammen: Nato greift Tripolis an
Muammar al-Gaddafi: Dichter und gestürzter Diktator
Baustellen, Pleiten, SkandaleDer US-Präsident ringt um seine Glaubwürdigkeit
Staatsbürgerschaftstest neuKönnten Sie Österreicher werden?
Zitate der Woche''Die Ehre lasse ich mir nicht abschneiden''
X-47BGroßdrohne hebt erstmals von Flugzeugträger ab
''Kim on Tour''Der Diktator als Pappkamerad
