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Selten waren österreichische Behörden so unbürokratisch

19.07.2011 | 18:32 |  CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Österreich fehlte der politische Wille, die Auslieferung des KGB-Mannes Golowatow nach Litauen genauer zu prüfen. Diesmal ließ man die Justiz lieber ungestört arbeiten.

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Leitartikel

Michail Golowatow war in Österreich bis vor Kurzem nur ganz wenigen Baltikum-Spezialisten ein Begriff. In Litauen aber kennt ihn jeder. Denn der ehemalige russische KGB-Oberst war Kommandant der Sondereinheit Alpha, die am 13. Jänner 1991 den Fernsehturm in der litauischen Hauptstadt, Vilnius, stürmte. 14 Menschen, die sich schützend vor das Rundfunkzentrum gestellt hatten, starben bei dem Angriff, mit dem die abtrünnige Republik gewaltsam in der zerfallenden Sowjetunion gehalten werden sollte.

Der „Blutsonntag“ ist ein Schlüsseldatum in der jüngeren Geschichte Litauens, integraler Bestandteil des Gründungsmythos des kleinen Staates.

Der historische Hintergrund ist wichtig, um zu verstehen, wie emotional (und vielleicht auch innenpolitisch motiviert) die Litauer nun darauf reagieren, dass Österreich einen der mutmaßlichen Hauptverantwortlichen für das Massaker von Vilnius nach nicht einmal 24 Stunden einfach laufen ließ. Die österreichischen Behörden agierten unbürokratisch, wie man das in anderen Fällen oft schmerzlich vermisst. Der zuständigen Staatsanwaltschaft in Korneuburg war der Europäische Haftbefehl gegen Golowatow, der am Donnerstag auf dem Flughafen Wien-Schwechat festgehalten worden war, nicht konkret genug.

Einen seltsamen Nachgeschmack hinterlässt, warum Österreich den Litauern kaum Zeit ließ, um Informationen nachzureichen. Zwei Tage lang hätte man Golowatow nach österreichischem Recht festhalten können, um den Tatverdacht zu überprüfen. Doch die Staatsanwaltschaft hat nicht einmal diese 48 Stunden ausgeschöpft. Dazu mag eine gewisse Unfähigkeit der litauischen Stellen beigetragen haben. Nach Auskunft des Justizministeriums schickte die Staatsanwaltschaft in Vilnius die Anklageschrift gegen Golowatow zunächst auf Litauisch. Eine englische Version hätte sie erst nach Ablauf der 48-Stunden-Frist nachliefern können. Dafür, wie wichtig der Fall für das Land ist, war Litauen erstaunlich schlecht vorbereitet.

Die österreichischen Behörden vermitteln jedoch in keiner Phase den Eindruck, dass ihnen der Fall Golowatow ein Anliegen gewesen sein könnte. Es bleibt fraglich, ob der Tatverdacht tatsächlich nicht ausreichend begründet war. Ein Blick ins Geschichtsbuch oder auch nur in einen Wikipedia-Eintrag hätte genügt, um zu sehen, dass Golowatow Kommandant der Einheit war, die das Blutbad in Vilnius anrichtete.

Formal wäre ein anderes Argument stärker gewesen. Und man wundert sich, warum es die auslieferungsunwilligen Österreicher nicht gleich betont haben. Die Republik hat schon vor Längerem eine Opting-out-Möglichkeit genützt: Straftaten vor dem 7.August 2002 sind vom EU-Haftbefehl ausgenommen. Österreich ist demnach im Streit mit Litauen im Recht, wie die zuständige EU-Kommissarin, Viviane Reding, am Dienstag ausdrücklich festhielt. Doch es bleibt, wie sie ebenso hinzufügte, immer noch eine politische Dimension. Die österreichische Justiz war nicht verpflichtet, Golowatow auszuliefern, aber gehindert hätte sie auch nichts daran. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die man Golowatow in Litauen zum Vorwurf macht, verjähren nicht.

Im Endeffekt putzen sich alle bei der weisungsgebundenen Staatsanwaltschaft Korneuburg ab. Das Justizministerium teilt mit, dass es nur als „Übermittlungsbehörde“, also quasi als Postamt, agiert habe. Und Außenminister Spindelegger betont bei jeder Gelegenheit, dass der Rechtsstaat seinen unabhängigen Lauf genommen habe. Letztlich sind wahrscheinlich alle glücklich, dass es nicht anders kam. Man stelle sich die Aufregung in Moskau vor, wenn Österreich einen russischen Staatsbürger nach Litauen ausgeliefert hätte.

Es gibt keinen Beleg dafür, dass Russland intervenierte. Spindelegger streitet dies auch ab. Eher könnte es sich um einen Fall eines internalisierten vorauseilenden Gehorsams handeln. Diesen Vorwurf muss sich aber viel eher noch Finnland, das Golowatow ein Schengen-Visum ausgestellt hat, gefallen lassen, ebenso wie Tschechien und Zypern, die den Russen ungehindert einreisen ließen. Auf der Strecke geblieben ist dieser Tage in der EU vor allem eines: die Gerechtigkeit.

 

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2011)

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73 Kommentare
 
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Gast: DerJournalist
27.07.2011 09:33
0 0

Seriöser Journalismus bei der Presse?

Sieht so seröser Journalismus aus? Christian Ultsch schreibt in seinem Artikel vom 20. Juli, dass für die österreichischen Behörden im Fall Golowatow "ein Blick [...] in einen Wikipedia-Eintrag genügt [hätte], um zu sehen, dass Golowatow Kommandant der Einheit war, die das Blutbad in Vilnius anrichtete". Besagter Wikipedia-Artikel wurde, wenn man der Versionshistorie vertraut, erst zwei Tage zuvor (am 18.07. um 17:59h) von einem gewissen Herrn Michael Fleischhacker angelegt. Ein anderer Wikipedia-Artikel verrät uns, dass ebendieser Herr seit 2004 Chefredakteur der selben Zeitung und somit Chef von Herrn Ultsch ist. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier die Fakten, über die berichtet werden, von Journalisten selbst "zusammen gezimmert" werden.
SCHADE EIGENTLICH!

Gast: Privjet, Zensurowitsch
21.07.2011 18:33
0 0

Heute wieder im Dienst

für den verloren geglaubten Großen Bruder mit dem Roten Stern auf der Kappe?

Gast: Han
21.07.2011 08:06
1 0

Ein Mißverständnis

dürfte vorgelegen sein. Die Republik ist nicht der Vollstrecker eines europ. Hafbefehls, der aufgrund eines ausdrücklichen Rückwirkungsverbotes, nicht zu vollziehen ist!
Eine Entschuldigung ist daher nicht erforderlich, aber im Rückblick auf die Ereignisse in den baltischen Ländern der Ausspruch des Bedauerns. Ungewöhnlich erscheint allerdings auch, dass der mutmaßliche Kriegsverbrecher von Finnland ein Schengenvisum ausgestellt erhalten hat und bereits mehrfach in verschiedene EU-Länder bereist hat.
Dies sieht geradezu so aus als wollte man die "heiße Kartoffel" der Republik überlassen!

Gast: Cynikus
21.07.2011 05:26
0 0

Ein Mord ist ein Mord - und doch kein Mord?


Ein Massenmörder ist und bleibt auch in Österreich ein Massenmörder, da hat die österreichische Justiz wohl mit Sicherheit versagt.

Einem jeden Steuerflüchtling jagt Österreich noch bis auf die Fidji's hinterher, aber Amtshilfe für EU Partnerländer bei der Jagd auf gesuchte Schwerstverbrecher "gibt's ned"? Pfui!

Oder ist schon deshalb für die Behörden alles paletti, weil ein zwar mordgieriger Gollum die Zivilisten ja in seiner Funktion als braver Soldat Golowatow hingemetzelt hat? Und schon steht es wieder 1:0 für den SC Kroatisch-Minihof...

Alles in allem, welch gefährliche Logik, die in Österreich gepflegt wird!

Gast: pensionär
20.07.2011 23:11
0 0

Korneuburg

hat sich ja anläßlich der "Väterdemonstration" bereits einmal ins rechte Licht gestellt. Dort müssen ein paar VI Persons beschäftigt sein.

Gast: Luzifer
20.07.2011 19:09
1 1

So empfindlich die Litauer auf jede Mißachtung

ihrer Freiheitskämpfe gegen die Sowjets erinnern - der Genocid an den Deutsch-Balten und den deutschen Ostpreußen war und ist ihnen ziemlich egal. Meines Erachtens steckt auch hier ein guter Schuß Opportunismus gegenüber den übermächtigen Russen!

Die Litauer haben uns da nichts vorzuwerfen!

Re: So empfindlich die Litauer auf jede Mißachtung

Man muss aber schon ein ziemlicher Dummkopf und emotioneller Zombie sein, um nicht zu verstehen, dass sich, nachdem Deutschland seit 1933 zehntausend Jahre menschlicher Zivilisation in den Dreck getreten hat, 1945 einige Menschen wie Deutsche benommen und FAST so gehandelt haben!

Gast: Ralf Merseburg
20.07.2011 18:20
0 0

Und noch was,

ist anzumerken. Die EU funktioniert in diesen Sachen überhaupt nicht. Und jeder Cent für justizielle und polizeiliche Maßnahmen ist umsonst ausgegeben.
Da kann man die ganzen Justiz- und Polizei-EU-Reisevereine die ein Schweinegeld kosten, sofort abschaffen und sie im Inland in die Kriminalitätsbekämpfung investieren (nur da müssen die Herren dann was arbeiten).
EU bedeutet einfach und genau betrachtet eben doch nur "Endgültig Unfähig" !!!

nicht nur die gerechtigkeit ist auf der strecke geblieben.

auch die vernunft!

wird es noch in diesem jahr sein, oder erst nächstes, wenn in irgendeinem eu-ministerrat eine abstimmung über ein thema ansteht, das für österreich wichtig, für die baltischen staaten aber unwichtig ist?
was werden litauen, lettland und estland dann tun?
werden sie im sinne österreichs ihre vielleicht entscheidende stimme abgeben?
oder werden sie sich an den 18.7.2011 erinnern und uns den stinkefinger zeigen?

partner brüskiert man nicht!
da denkt man lieber 2 oder 3 mal nach. schließlich hatte man ja 48 stunden zeit....

EU, wie Union?

Da gibt es einen "Europäischen Haftbefehl". Der ist nicht grundsätzlich in Englisch oder Französisch ausgestellt? Da massregeln wir die Gurkenkrümmung schaffen aber nicht, einen EU-weit gültigen und nach allgemein zu akzeptierenden Kriterien gehaltenen Haftbefehl zu kreieren?

Gast: Spindellegger
20.07.2011 11:53
1 4

Bravo

Dieser Leitartikel könnte frisch aus dem Außenministerium angeliefert worden sein. Würde einen nicht mehr wundern. Wenn sich nicht einmal mehr österreichische Medien trauen, den Kniefall als das zu sehen, was er war, darf man sich über die feige Politik auch nicht mehr wundern. "Ein Blick ins Geschichtsbuch oder auch nur in einen Wikipedia-Eintrag hätte gezeigt..." Geht's noch? Die "Presse" war einmal eine tolle Zeitung. Heute holen sich die Kommentatoren ihre Informationen in Wikipedia.

Re: Bravo

nich nur in diesem fall. die zeitung ist ein gehilfe des uns manipulierenden mainstreams.

Gast: Niederösterreicher
20.07.2011 11:47
0 0

Gut, daß die STA nicht völlig weisungsfrei gestellt ist:

Angesichts dieser "Panna" hätte ich diesbezüglich größte Bedenken!

Gast: Niederösterreicher
20.07.2011 10:45
4 1

Auch unter Kreisky gab es einen ähnlichen Vorfall

Im Gefolge des OPEC-Attentats durfte ein Mörder über Weisung ungehindert aus Österreich ausreisen:
Bitte sich daran zu erinnern, wenn die Linke einmal mehr mit dem (unzuständigen) Außenminister oder der (unabhängigen) Justiz zu hart ins Gericht geht ...

Kreisky war glühender Demokrat, so lange es nicht seine Wege gekreuzt hat.

Die Huldigungen von Kreisky waren bei allen innenpolitischen Veränderungen der ersten 2 Jahre danach nicht mehr gerechtfertigt. Weil er hat meh "Recht/Unrecht" gesprochen, als die Justiz, "unter der Tuchtent" sozusagen.


Gast: Journalistenkritikerin
20.07.2011 10:43
1 5

Wikipedia

Sehr geehrter Herr Ultsch,

wenn sich Journalisten auf "Ein Blick ins Geschichtsbuch oder auch nur in einen Wikipedia-Eintrag hätte genügt …" berufen, sollten Sie Ihren Beruf wechseln. Wikipedia oder ein "Geschichtsbuch" als Pseudo-Quellen zu zitieren, ist für einen, der sich Journalist nennt und sehr gut dafür bezahlt wird, schon sehr dürftig …

2 0

Re: Wikipedia

Ihnen scheint entgangen zu sein, dass bei wikipedia meist unten auch immer die Quellen angegeben sind. Sind die Quellen solide kann man auch dem wiki-Artikel trauen.

Antworten Gast: Homer Simpson
20.07.2011 11:48
0 0

Re: Wikipedia

Don't worry about Wikipedia, we will change it!

Gast: Niederösterreicher
20.07.2011 10:41
3 0

Auch unter Kreisky gab es einen ähnllichen Vorfall

Ein OPEC-Attentäter durfte über Intervention der Regierung ungestraft ins Ausland ausreisen.
Ehe man mit dem (diesmals unzuständigen) Außenminister und der (unabhängigen) Justiz besonders seitens der Linken zu hart ins Gericht geht: bitte zurückerinnern!

jedoch es ist sehr schade...

Ich finde Österreich super und es ist sehr schade dass so was zustande gekommen ist. Ich hoffe, davon werden alle etwas lernen. Es ist mir - als Litauer - auch sehr peinlich dass es gab ein Politologe der Österreich beschimpft hat. Es ist nicht adäquat und eine Schande für uns.
Jedoch die Geschichte mit der Auslieferung bleibt sowieso sehr merkwürdig uns muss aufgeklärt werden.

Antworten Gast: Ralf Merseburg
20.07.2011 18:22
1 0

Re: jedoch es ist sehr schade...

Ihre Entschuldigung und Distanzierung von diesen Aussagen der offiziellen litauischen Stellen ehrt Sie.

Und wenn die Rechtslage so korrekt ist, dann hat der Rechtsstaat gewonnen.

Recht hat nicht immer etwas mit Gerechtigkeit zu tun, leider!

Herzliche Grüsse!

Antworten Gast: schlÄchter
20.07.2011 10:43
0 2

Re: jedoch es ist sehr schade...

sg litauer in der welt!

auslieferungen sind immer ein problem, wenn eigene bürger betroffen sind oder jene von sehr mächtigen staaten. im völkerrecht giltb nunmal das recht des stärkeren. kleine staaten wie litauen, estland, lettland und österreich, die zudem mitglieder der EU sind, sollten sich überlegen, ob sie nicht diesen aspekt ihrer souveränität an die EU/ein EU-justizorgan abtreten sollten. diese kann ganz anderst auf erpressungs-oder interventionsversuche reagieren und stellte eine gleichbehandlung der causen sicher - ebenso wären pübersetzungsprobleme leichter zu bewältigen.
außerdem kann sich jedes mitgliedland dann auf die solidarität der partner verlassen, es kann ja auf die EU-
das sollte der schluss für uns "kleinen" aus dieser cuasa sein.

beste grüße nach litauen
s.

Re: Re: jedoch es ist sehr schade...

Ich glaube nicht dass es irgendwelche erpressungsversuche von Russland gab - bis man in Russland wusste was los ist, war der Mann doch schon wieder frei.

Und souveränität an die EU abgeben ist immer schlecht, besonders da dort die kleinen Länder noch weniger zu sagen haben als wenn die Kompetenzen national bleiben.

Antworten Antworten Antworten Gast: schlÄchter
20.07.2011 16:04
0 0

Re: Re: Re: jedoch es ist sehr schade...

sg rechtsausleger!
im konkreten fall vermag ich keine einschätzung, aber politischer druck mächtiger staaten gegen kleine ist tägliches brot im internationalen diplomatischen geschäft.....
souveränitätsabtretungen in diesem bereich zugunsten einer stärkeren position könnte ich mir eben aus solchen gründen schon vorstellen. gerde wenn die kleinen eine solidarität entwickeln - wie es die drei baltenstaaten ja mmn nicht zu unrecht fordern und zeigen. österreich täte gut daran sich hier einentüre offenzuhalten.
immer schlÄcht ist gar nix ;-)

Re: Re: Re: jedoch es ist sehr schade...

"bis man in Russland wusste was los ist, war der Mann doch schon wieder frei."

der kgb wusste zu jeder zeit, wo seine leute gerade sind und was sie tun.

die nachfolgeorganisationen sind um nichts weniger informiert!

 
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