Der Tiger brüllt zwar nicht mehr, doch er schnurrt – und das immer lauter. Die Zeiten, als Litauen gemeinsam mit seinen Nachbarn Lettland und Estland zu den wirtschaftlich dynamischsten Regionen der EU zählte, sind seit dem Überschwappen der US-Konjunkturkrise nach Europa Geschichte. Mit dem Platzen der Immobilienblase und dem Kollaps der Investmentbanken brach auch der vom billigen Geld abhängige Konsum- und Bauboom in der Region wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die litauische Wirtschaft keinen Biss mehr hat. Im Gegenteil: Die Aussichten für das laufende Jahr sind so gut wie schon lange nicht mehr. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) prognostiziert für 2011 ein BIP-Plus in der Größenordnung von fünf Prozent, nach geschätzten 1,3 Prozent im Jahr 2010 – das sind Dimensionen, von denen altehrwürdige EU-Mitglieder wie Frankreich oder Deutschland nur träumen können. Im ersten Quartal 2011 (vermeldet wurde ein Wirtschaftswachstum von 6,9 Prozent auf Jahressicht) wuchs nur Estland schneller als Litauen.
Depression, nicht Rezession. So imposant diese Zahlen auch klingen – der brutale krisenbedingte Abschwung ist damit noch nicht wettgemacht. Das Baltikum war im europäischen Rezessionsjahr 2009 an vorderster Front, in Litauen schrumpfte die Wirtschaft um knapp 15 Prozent. De facto kann man dabei nicht mehr von einer Rezession sprechen, denn alles, was zehn Prozent BIP-Minus übersteigt, firmiert bereits unter der Bezeichnung Depression. Woher kommt also dieser wiedergefundene Schwung? Zunächst einmal aus einem ganz prosaischen Grund: Litauens Betriebe, die während der Krise die Gürtel enger schnallten, geben wieder Geld aus – auch bei den Unternehmensinvestitionen gilt die Maxime „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“. Und nach der soeben überwundenen Durststrecke ist der Nachholbedarf naturgemäß groß. Anders als in den USA ist in Litauen übrigens die Baubranche wieder angesprungen.
Faktor Nummer zwei sind die Haushalte: Auch die mussten 2009 und 2010 sparen. Doch jetzt deutet sich beim Privatkonsum (der normalerweise den größten Anteil an der Wirtschaftsleistung eines Landes hat) ein zartes Plus an. Das Problem ist allerdings die Arbeitslosigkeit: Knapp 280.000 Personen sollen nach Kalkulationen des wiiw heuer ohne Job bleiben. Das entspricht einer Arbeitslosenquote von 13,6 Prozent und drückt auf den Konsum: Wer kein Einkommen hat, kann es auch nicht ausgeben.
Freilich wäre die Arbeitslosigkeit noch höher, würde Litauen nicht über das Sicherheitsventil Auswanderung verfügen. Alleine 2009 wanderten nach Angaben der OECD 22.000 Litauer aus – ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Jahr davor. Für 2010 geht die OECD davon aus, dass gar 83.000 Menschen Litauen verlassen haben, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Das ist zwar einerseits gut für die Arbeitslosenstatistik, aber schlecht für Litauen – denn nicht Hilfsarbeiter gehen fort, sondern Ärzte und Techniker.
Und dann gibt es noch die Ausfuhren. Ihre Funktion als Wachstumsmotor erfüllt die Exportbranche momentan recht gut, nach einem Plus von elf Prozent 2010 sollen die Warenexporte heuer um 30 Prozent wachsen. Interessanterweise ist es vor allem der Verkauf von Erdölprodukten, der die Statistik anschiebt – im Ort Mazeikiai befindet sich die einzige Raffinerie im Baltikum, 15Millionen Tonnen Rohöl können hier pro Jahr verarbeitet werden.
Keine Eile mit dem Euro. Mit einer Gesamtverschuldung von derzeit rund 40 Prozent des BIPs ist Litauen ein Vorbild für den Rand der Eurozone. Für die Einführung der Einheitswährung ist der Schuldenstand kein Hindernis. Doch die Regierung will sich – anders als Lettland, das 2014 anpeilt – mit dem Beitritt zum Euro Zeit lassen. Zum einen, weil die Lage in Euroland derzeit alles andere als klar ist, zum anderen, weil Litauen keine Ambitionen hat, das Budgetdefizit zu rasch unter die Marke von drei Prozent zu drücken. Ein Sparprogramm würde die fragile Konjunktur über die Maßen strapazieren, befürchtet man in Vilnius.
Kann der krisengeschüttelte Süden Europas von Litauen lernen? Eher nicht. Für die Balten war die jüngste Krise keine Katastrophe biblischen Ausmaßes, der ökonomische Leidensdruck war nach nach der Loslösung von der UdSSR ungleich größer. Salopp formuliert, ist davon auszugehen, dass der durchschnittliche Litauer härter im Nehmen ist als ein Durchschnittsgrieche. Auf der anderen Seite sind Litauen und seine baltischen Nachbarn ein Paradebeispiel dafür, dass eine Rosskur auch Erfolge zeitigen kann.
Ob der Leidensdruck in Athen oder Madrid jemals groß genug sein wird, um sich an den Balten ein Vorbild zu nehmen, bleibt abzuwarten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2011)
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