Slowakei: Eine Armee legt ihre Panzerrüstung ab

24.07.2011 | 18:31 |  Von unserem Korrespondenten CHRISTOPH THANEI (Die Presse)

Regierung und Opposition sind sich über das Aus für die Panzer einig. Diese seien für keine der Aufgaben nötig, die man in der Nato-Arbeitsteilung erfülle

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Bratislava. Rund 90 Jahre lang gehörten Kampfpanzer so selbstverständlich zu jeder europäischen Armee wie die Wehrpflicht. In der Slowakei indes soll in wenigen Monaten beides Geschichte sein: „Die traditionelle Kriegsführung mit Panzern als Teil einer starken Landarmee entspricht nicht mehr dem realen Bedrohungsszenario“, sagte Ivan Rudolf, Sprecher des slowakischen Verteidigungsministeriums, zur „Presse“. Deshalb will die Slowakei ab 1.Jänner völlig ohne Kampfpanzer auskommen.

Die Wehrpflicht fiel 2005, eineinhalb Jahre nach dem Nato-Beitritt. Auch das Aus für die Panzer gehört zu den wenigen Themen, bei dem Mitte-Rechts-Regierung und linke Opposition nicht gegensätzliche Ziele verfolgen. Für ein von Freunden umgebenes Nato-Mitglied seien Kampfpanzer Geldverschwendung, befand schon der bis 2010 amtierende sozialdemokratische Verteidigungsminister Jaroslav Baška. Jetzt streitet er mit seinem neoliberalen Nachfolger Lubomir Galko darum, wer mehr Verdienst an deren Abbau habe.

 

Kein militärischer Zwerg

Doch auch wenn keine slowakische Regierung angesichts ständiger Kürzungen im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen dem Volk zumuten konnte, das Militärbudget auch nur annähernd aufs Nato-Ziel von zwei Prozent des BIPs zu steigern: Ein militärischer Zwerg wird die Slowakei nicht. Sie behält eine nicht unerhebliche Luftwaffe und beteiligt sich überproportional stark an Auslandsmissionen, vor allem in Afghanistan. Slowaken sind auch Spezialisten für Entminung.

Panzer seien für keine der Aufgaben nötig, die man in der Nato-Arbeitsteilung erfülle, so Rudolf. Dabei geht es aber um keine großen Zahlen: Hatte die Armee vor einem Jahrzehnt noch ca. 500 russische T-72- und T-55-Tanks, waren 2010 offiziell nur 67 T-72 übrig. 37 wurden zuletzt ausgemustert, bis Dezember soll der Rest folgen.

Sollte ein Verkauf aller Tanks scheitern – etwa, weil es nur Interessenten gibt, an die man aus politischen Gründen keine schweren Waffen liefern darf –, schließt man auch die Verschrottung nicht aus. Einzelne T-72 könnten an Museen gehen.

Einen radikalen Panzer-Abbau aufgrund „geänderter Bedrohung“ haben freilich schon mehrere Länder bereut, etwa Kanada und Ungarn: Beide bauten bis Mitte der 2000er-Jahre ihre Panzer stark ab, Ungarn reduzierte gar auf eine Kompanie mit 15 T-72. Die Erfahrungen u.a. in Afghanistan aber zeigen, dass Kampfpanzer auch in Aufstandssituationen von Vorteil sind, weshalb Kanada seine Restverbände wieder mit über 100 Leopard 2 aus Deutschland und der Schweiz verstärkt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2011)

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11 Kommentare
Gast: Wunderlich
25.07.2011 07:16
0 2

Panzer in Aufstandssituationen

Ich kann mir vorstellen, dass man in Afganistan noch eine Panzer brauchen könnte, aber wozu in Ungarn, Kanada und in der Slowakei? Erwartet man etwa einen Volksaufstand, den man mit einem T-72 oder Leopard niederschlagen müßte?

Oder will man etwa diese 40-60 Tonnen schweren Dinger in Krisengebiete schaffen um dort zu kämpfen?

Ich hoffe mal Österreich kommt weder auf die eine noch die andere Anwendungsidee.

Ich bin aber dennoch der Meinung, dass ein kleiner Bestand dem Bundesheer die Möglichkeit geben könnte, die Kompetenz in diesem Waffensystem aufrecht zu erhalten. Dann gäbe es wenigstens ein paar Leute die das handhaben und einsetzen gelernt und trainiert haben. Ein Bundesheer sollte ja schließlich für einen noch so unwahrscheinlichen Extremfall rasch und effektiv einsatzfähig sein.

Antworten Gast: alatheus
25.07.2011 11:14
0 0

Re: Panzer in Aufstandssituationen

Wenn es in einem Auslandseinsatz mal zu einer verschärften Sicherheitslage kommt, können schwere Panzerfahrzeuge Wunder wirken (psychologische Wirkung). Österreich hat vor wenigen Jahren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion sechs ASCOD "Ulan"-Schützenpanzer in den Kosovo verlegt. Und seit einiger Zeit wird verstärkt die Zusammenarbeit zwischen Kpz "Leopard" und Infanteristen im urbanen Umfeld trainiert.

http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIII/J/J_04621/index.shtml

Außerdem hat das PzB14 in Wels ein paar Eigenentwicklungen durchgeführt, um den "Leopard" an "Urban Operations" anzupassen.

http://www.bmlv.gv.at/truppendienst/ausgaben/artikel.php?id=1102

http://www.bmlv.gv.at/cms/artikel.php?ID=5516

http://www.bmlv.gv.at/organisation/regional/common/artikel.php?region=stmk&ID=5370

http://www.bmlv.gv.at/cms/artikel.php?ID=5560

Antworten Antworten Gast: alatheus
25.07.2011 11:31
0 0

Re: Re: Panzer in Aufstandssituationen

Darüber hinaus bietet ein Kampfpanzer wie der "Leopard" 2 einen weit höheren Schutz vor Projektilen, Minen und sonstigen Sprengkörpern, als ein "Allschutzfahrzeug" bei gleichzeitig deutlich höherer Waffenwirkung und Mobilität.

Antworten Antworten Antworten Gast: alatheus
25.07.2011 12:43
0 0

Ein weiterer relevanter Artikel:

Übung "SCHUTZ 04" - Einsatz von mechanisierten Truppen

http://www.bundesheer.gv.at/truppendienst/ausgaben/artikel.php?id=271

Antworten Gast: mr. greber
25.07.2011 09:44
0 0

Re: Panzer in Aufstandssituationen

Geehrter Wunderlich,

aber natürlich haben Kanada und andere Länder schwere Panzer und auch Artillerie etwa nach Afghanistan gebracht, das ist ja an sich kein großes Problem, es gibt Transportflugzeuge. Schon jetzt haben dort slowakische Minenräumer stets ein paar kanadische Leos dabei - für alle Fälle.
Das Bundesheer hat vor nicht allzulanger Zeit auch Kürassiere in den Kosovo gebracht - ein paar schwere Rohre im Hintergrund wirken Wunder.
Im übrigen können wir schwer vorhersagen, wie (Ost)europa in 20 Jahren aussieht, darum lieber ein paar Panzer als keine. Die Wiener Flughafenfeuerwehr hat ja auch viele Spritzenwagen, aber seit Ewigkeiten keinen Brand zu löschen gehabt. So was nennt man Versicherung. ;-)

Gast: greber
24.07.2011 21:20
2 0

ach ja

wer interessiert sich jetzt für die zum verkauf stehenen leopard aus österreich. erraten: ungarn. am besten ist rechtzeitig drauf schauen dass mans hat wenn mans braucht.

Re: ach ja

Europa und panzer. Wenn ich zurueckdenke, kamen die hier nur bei buergerkriegen (jugoslawien) und gegen die zivilbevoelkerung im ehemaligen ostblock zum einsatz. U.u. ist das der grund, warum die jetzige ungarische regierung noch an diesen stahlmonstern gefallen findet.

Antworten Antworten Gast: alatheus
25.07.2011 12:29
1 0

Re: Re: ach ja

Das liegt wohl daran, dass es seit dem 2. Weltkrieg in Europa nur noch wenige bewaffnete Auseinandersetzungen gab (Aufstand in Polen, Ungarnaufstand, Prager Frühling, Jugoslawienkrieg). Das bedeutet aber nicht, dass dank EU, NATO, OSZE und Europarat der ewige Frieden ausgebrochen ist. Bei Einsätzen unter UNO-Mandat haben einige europäische Länder übrigens nach wie vor Kampfpanzer geschickt (UNIFIL, KFOR, ISAF). Sollte sich Österreich bei internationalen Einsätzen nur noch auf Missionen konzentrieren, bei denen die stärkste Bewaffnung ein 12,7mm MG ist, wäre die logische Folge, dass man künftig bei jeder Gelegenheit zum Zug kommt und seine Kapazitäten vollkommen überlastet.

Re: Re: Re: ach ja

Fuer sie faellt der einsatz von panzern gegen die zivilbevoelkerung (polen, ungarn, tschechoslowakei und teilweise in jugoslawien) unter "bewaffnete auseinandersetzung"? Wenn dem so sein sollte und sie angerhoeriger des oesterreichischen bh's sind (worauf ihre kenntnis ueber einsaetze und waffen schliessen laesst) dann baucht's keinen auslaendischen aggressor. Da fuerchtet man sich besser vor der eigenen armee.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: alatheus
25.07.2011 14:57
1 0

Re: Re: Re: Re: ach ja

1.) Das waren repräsentative Beispiele und nicht etwa eine Rechtfertigung für den Einsatz "gegen die Zivilbevölkerung", wie Sie schreiben. In ein paar Fällen (Prager Frühling, Aufstand in Polen) ist es vielleicht etwas unpassend, da gebe ich Ihnen Recht. Trotzdem ist die Ansicht "In den letzten 20 Jahren ist uns nicht passiert, deshalb wird es in den nächsten 20 Jahren auf friedlich bleiben." ausgesprochen naiv. Wer hat z.B. vor einem Jahr die Aufstände in der arabischen Welt vorhergesehen? Genau - NIEMAND. Und drehen Sie mir jetzt bloß keinen Strick, dass ich das Vorgehen der arabischen Regimes gegen ihre Bevölkerung "befürworten" würde.

2.) In Ungarn gab es sehr wohl Kämpfe zwischen der Sowjetarmee und den Anhängern der Regierung Nagy.

P.S.: Ich bin KEIN Angehöriger des ÖBH.

Re: Re: Re: Re: Re: ach ja

Ok. Die letzten zwei saetze meinte ich zwar ironisch, aber u.u. waren die ein bischen zu heftig. Nur wenn sie wie ich, damals oefters hinter dem "eisernen vorhang" unterwegs waren und heute ihren hauptwohn- und firmensitz in der slowakei haben, und bei gespraechen - ein slowakischer general (militaerattache) und ein oberst d.g. gehoeren zu meinen guten bekannten/freunden - ueber die oesterreichische armee und das angebliche bedrohungsszenario, im besten fall mitleidiges laecheln ernten, dann koennen sie unter umstaenden verstehen, dass mich dieses thema nervt.

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