Die Welt, wie Anders B. Breivik sie sieht

29.07.2011 | 18:34 |  von Anne-Catherine Simon, Christoph Saiger und Helmar Dumbs (Die Presse)

Das Manifest: Auf mehr als 1500 wild zusammengestohlenen Seiten breitete der Attentäter den Untergang des Abendlandes aus - und was man seiner Meinung nach dagegen tun kann.

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Merkwürdig intellektuell nimmt sie sich aus, die Einleitung von Anders B. Breiviks Manifest „2083 – eine europäische Unabhängigkeitserklärung.“ In ihr beschreibt der Mörder die „Political Correctness“ als Wurzel des von ihm diagnostizierten Übels und macht dahinter eine Geisteshaltung des „kulturellen Marxismus“ aus. Als Hauptverantwortliche für letzteren erklärt er Vertreter der Frankfurter Schule wie Georg Lukacs und Antonio Gramsci, dem Thema „Dekonstruktion und Literatur“ widmet er gar ein ganzes Kapitel.

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„Presse“-Recherchen zufolge muss man sich die Entstehung dieser Einleitung wohl so vorstellen: Breivik stößt bei seinen Internetausflügen auf die Seite „Restoring America“. Sie enthält unter anderem Predigten eines Baptistenpastors gegen das „sozialistische/kulturmarxistische Amerika“ und, ziemlich versteckt, eine Abhandlung „What is Political Correctness“ von William S. Lind, zur freien Verbreitung freigegeben von einer „Free Congress Foundation.“

Breivik hat den Essay praktisch Wort für Wort für die Einleitung seines Manifests (Seiten 18-41) verwendet. Alles in allem sind es nur 24 Seiten von 1516, aber sie sind von zentraler Bedeutung, da sie die „intellektuelle“ Basis von Breiviks Pamphlet bilden. „Intellektuell“ unter Anführungszeichen, denn der Text steckt in Bezug auf die Frankfurter Schule voller Missverständnisse. So hat Breivik Lektüreempfehlungen zum Thema „Frankfurter Schule“ angehängt, darunter Marcuses Buch „Eros und Zivilisation“. Marcuse habe verstanden, dass der Weg, die westliche Zivilisation zu zerstören, über die „sex, drugs and rock 'n' roll“-Strategie führe. In Wirklichkeit ist es umgekehrt, Marcuse hat diese Strategie nicht befürwortet, sondern kritisiert.

 

Intellektueller Popanz

Wer ist William S. Lind, wer die „Free Congress Foundation“? Der 1947 geborene Lind, von Beruf Militärexperte, ist ein Bewunderer des deutschen Kaisers Wilhelm II. und gehört zum äußeren Spektrum der US-Paläokonservativen. Er hat wie kein anderer die These populär gemacht, dass der Political Correctness „kultureller Marxismus“ zugrunde liege und dieser wiederum verantwortlich sei für den Untergang des Westens und eine Machtergreifung des Islams.

Er schuf auch ein (pseudo)wissenschaftliches Unterfutter für das Feindbild „kultureller Marxismus“. Lind zufolge entwickelte eine kleine Gruppe jüdischer Philosophen, die vor Hitler in die USA flohen und sich an der Columbia University etablierten, eine unorthodoxe Form des „Marxismus“. Diese habe sich gegen die amerikanische Kultur gerichtet, gegen den Stolz der weißen und traditionelle Werte wie Christentum und Familie. Bill Berkowitz, ein Kenner der rechten Szene in den USA, schrieb schon 2003 von einem neuen „intellektuellen Popanz“ der radikalen Rechten, der „kultureller Marxismus“ laute und drauf und dran sei, in den rechten Mainstream einzudringen.

 

Galionsfigur der „Neuen Rechten“

Die „Free Congress Foundation“ wiederum ist ein konservativer Thinktank der christlichen Rechten. Ihr 2008 verstorbener Gründer Paul Weyrich, der auch die viel bekanntere Heritage Foundation mitbegründet hat, war eine Galionsfigur der „Neuen Rechten“, die Ronald Reagan ins Weiße Haus hievte, und hat mit Lind intensiv zusammengearbeitet. Das Ergebnis waren Studien wie „Cultural Conservatism: Toward a New National Agenda” (1987). Gemeinsam haben Lind und Weyrich „eine aggressive Theorie des Kulturkonservatismus als Weg, die westliche Kultur zu retten, entwickelt“, schreibt US-Journalist Chip Berlet, ein weiterer Spezialist für die religiöse Rechte in Amerika.

Linds Ansicht nach stehen Amerikas Kultur und Institutionen vor dem Zusammenbruch, die US-Kulturkonservativen rief er zu einer „kulturellen Unabhängigkeitserklärung“ auf. Letztere Idee hat Anders Breivik offensichtlich zur Betitelung seines Manifests inspiriert: „A European Declaration of Indepence“.

Im Grunde genommen ist dieses ein einziges, monströses Plagiat. Der bedeutendste „Ko-Autor“ Breiviks ist dabei der Blogger Fjordman (Gates of Vienna), den der „Redakteur“ Breivik immerhin auch oft als Verfasser ganzer Abschnitte kennzeichnet. Doch nicht immer, wenn Breivik – oft unreflektiert – Seiten anderer Autoren gleich im Dutzend in seinen Text integriert, ist das auf den ersten Blick zu erkennen. Und selbst gekennzeichnete Fremdtexte unterliegen seiner Willkür und erhalten etwa andere Titel.

 

Bei Una-Bomber abgeschrieben

So wird aus „Black Slaves, Arab Masters“ „European Slaves, Arab Masters“. Auch das Manifest des „Una-Bombers“ Theodore Kaczynski zitiert er – ohne Namensnennung – auszugsweise und ersetzt nonchalant „modern leftism“ durch „cultural marxists“.Geradezu zur Spielwiese für Breivik wird „Islam 101“, eine Art „pädagogisches“ Überblickswerk über den Islam von Gregory M. Davis, Autor von „Religion of Peace? Islam's War against the World“.

Griff Breivik schon im ersten „Buch“ seines Manifests gelegentlich auf „Fjordman“ zurück, so bestreitet er das zweite, das den schrillen Titel „Europa brennt“ trägt, zum Großteil mit Texten des Bloggers. Den Auftakt machen einige Abhandlungen zu „Eurabia“. Der Begriff wurde von der britischen Autorin Gisèle Littman geprägt, die vor allem unter ihrem Pseudonym Bat Ye'or bekannt ist. Die jüdische Autorin lebt mit britischem Pass in der Schweiz.

Es handelt sich bei „Eurabia“ um eine klassische Verschwörungstheorie. Die Verschwörer: die europäischen Regierungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs, zuzüglich EU-Brüssel. Ihr Ziel: eine Islamisierung Europas. Diese werde nicht etwa billigend in Kauf genommen, sondern aktiv betrieben. Merkwürdigerweise von sozialdemokratischen wie konservativen Regierungen.

Als Hauptopfer dieser geheimen europäischen Agenda gilt Breivik/Fjordman/Bat Ye'or Israel: Der islamistische Terror hat in diesem Kontext das Ziel, Europa gefügig zu machen, damit es gegen Israel Position bezieht. Überhaupt findet sich im gesamten zweiten „Buch“ immer wieder der Israel-Konnex: Der jüdische Staat als Feindbild vieler Muslime wird quasi zum natürlichen Verbündeten erklärt, zum „Waffenbruder“, wie es der aus dem Dunstkreis der rechtsextremen British National Party stammende Autor mit dem Pseudonym „Reconquista“ nennt.

 

Orwell, andersrum

„Who controls the present, controls the past“. Mit diesem Orwell-Zitat überschreibt Breivik als Motto das erste „Buch“ seines Pamphlets. Er beabsichtigt aber das genaue Gegenteil, und das wird an zahlreichen Mythenbildungen deutlich. So etwa bei der Heroisierung der (nord-)europäischen Kultur („Western vs. Islamic Science and Religion“, wiederum von Fjordman). Durch unzählige Kapitel zieht sich diese Mythenbildung wie ein roter Faden: Die Manipulation der Geschichte am Beginn erzeugt am Ende eine abstruse Realität. Breivik hat jedoch Grundlegendes für seine religiösen und historisch-politischen Motive übersehen: Der Schein von Intertextualität und die Inszenierung eines Spezialdiskurses machen aus Pseudowissenschaftlichem nicht gleich Wissenschaftliches.

Unzählige YouTube-Quellen, von denen die Mehrzahl nicht mehr abrufbar ist, endlosschleifenartige Auflistungen dutzender Historiker, (Ex-)Politiker und Wikipedia-Artikel und ein Who's who der rechten Bloggerszene ergeben in Summe nicht mehr als ein Konglomerat der Wirrnis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)

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