Bitterer Sieg: Berlusconi verliert Regierungs-Mehrheit

08.11.2011 | 16:44 |   (DiePresse.com)

Die Tage des "Cavaliere" an der Spitze Italiens scheinen gezählt. Der Premier gewinnt zwar die Wahl über das Budget 2010, verliert aber die Mehrheit im Parlament. Derzeit läuft ein Treffen zwischen ihm und Präsident Napolitano.

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Jahrelang hing er in den Seilen, zog seinen Kopf aber immer wieder aus der Schlinge, jetzt scheinen die Tage des Cavaliere an der Spitze des hoch verschuldeten Italiens aber endgültig gezählt: Silvio Berlusconi hat am Dienstag zwar die Abstimmung über den Rechenschaftsbericht für das Haushaltsjahr 2010 gewonnen. Allerdings nur, weil sich die Opposition enthalten hat. 308 der 630 Abgeordneten hielten Berlusconi die Treue, 321 enthielten sich. Die absolute Mehrheit hätte bei 316 Stimmen gelegen. Das Kabinett Berlusconi IV hat damit nach 1278 Tagen im Amt keine Regierungs-Mehrheit mehr im Parlament.

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Nach der Abstimmung wird der Premier nun den italienischen Präsidenten Giorgio Napolitano treffen. Dies berichtete Italiens Verteidigungsminister Ignazio La Russa. Dieser könnte Berlusconi nun auferlegen, die Vertrauensfrage zu stellen. Der Ministerpräsident will danach bekanntgeben, ob er das Handtuch werfen wird. Bisher hatte er sich hartnäckig geweigert zurückzutreten.

Das Berlusconi ein Meister des politischen Überlebenskampfs ist, scheint unbestritten. Dass er eine mögliche 53. Vertrauensabstimmung überleben würde, gilt nach dem heutigen Votum aber praktisch als ausgeschlossen. Berlusconi könnte noch heute zurücktreten, es gilt als unwahrscheinlich, dass er sich überhaupt noch einer Vertrauensabstimmung stellt.

Rücktrittsaufforderungen nehmen weiter zu

Wie schon in den Tagen zuvor wurde er dazu auch nach der heiklen Abstimmung von Oppositionschef Pierluigi Bersani aufgefordert. "Berlusconi soll Präsidenten Giorgio Napolitano die Demission einreichen und ihm die Suche nach einer politischen Lösung anvertrauen", sagte Bersani. Die Opposition sei bereit, die Verantwortung für das Land zu übernehmen.

Die Stunden vor der Abstimmung nutzte Berlusconi für Treffen mit den abtrünnigen Parlamentariern aus, die ihm in den vergangenen Tagen den Rücktritt gekehrt hatten. Er versuchte sie zum Verbleib in der Koalition zu überreden. Auch der Bündnispartner Lega Nord hatte vor der Abstimmung Berlusconi zum Rücktritt aufgerufen.

"Das Haus brennt"

Wie groß die Anspannung in Italien ist, zeigen von der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" veröffentlichte Aufnahmen eines montägigen Telefonats zwischen dem Vize-Verteidigungsminister Guido Crosetto und dem stellvertretenden Chefredakteur der Berlusconi-eigenen Tageszeitung "Libero", Franco Bechis. Im Telefonat bezeichnet der zu Berlusconis Partei gehörende Crosetto den Premier - frei übersetzt - als "Arschloch" ("testa di cazzo").

In Rom geht es zur Zeit aber um mehr als den erwarteten Rücktritt des berüchtigten Premierministers: Schon jetzt herrscht in der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone politisches Chaos, Italien gerät immer tiefer in den Sog der Schuldenkrise. Am Montag schoss die Rendite für zehnjährige italienische Staatsanleihen auf 6,742 Prozent - und damit den höchsten Wert seit 14 Jahren.Der Staat kann sich zu diesen Sätzen eigentlich schon nicht mehr refinanzieren.

Berlusconi: Der Cavaliere hat den Kampf verloren

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Wie die unmittelbare Post-Berlusconi-Ära im unter Aufsicht des IWF und der EU-Kommission stehende Italien aussehen würde, ist unklar. Der Ball läge dann bei Staatspräsident Giorgio Napolitano. Er soll angeblich eine Technokraten-Regierung favorisieren, die in Italien bis zum nächsten regulären Wahljahr 2013 Reformen einleiten soll. Weitere Optionen wären eine politisch besetzte Regierung der Nationalen Einheit oder vorgezogene Neuwahlen. Womöglich würde aber auch ein neuer Kopf an der Spitze der alten Regierung die Partei-Rebellen besänftigen.

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(APA/Red.)

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167 Kommentare
 
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Gast: Gast874
12.11.2011 13:49
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Erschreckend,

dass so eine ahnungslose, niveaulose Substandardjournalistin in der ehemaligen Qualitätszeitung Presse ihren Schwachsinn absondern darf!

P.S. ...Daher ist Berlusconis - vorerst ja ebenfalls nur mutmaßlicher - Abgang ein wichtiger Beitrag zur moralischen Sauberkeit. Wie das ja auch der Rücktritt anderer Regierungschefs wäre, die sich mit Zigmillionen aus öffentlichen Kassen zur Bestechung willfähriger Medien bedient haben....
(Anmerkung: Werner Failman)

Dennoch ist dieser Rücktritt nicht nur eine gute Nachricht. Denn es gibt erstens kaum eine Politikerpersönlichkeit, die nachfolgen könnte. Zweitens ist die Opposition zutiefst gespalten und uneins. Radikalkommunistische, sozialdemokratische, katholische Gruppierungen und diverse bunte Vögel haben ja lediglich eine einzige Gemeinsamkeit: „Weg mit Berlusconi!" Drittens liegt Italiens allergrößtes Problem ja in den radikalen Linksgewerkschaften, die jede Sparmaßnahme bekämpfen. Diese werden wie ihre griechischen Kollegen jedem schwachen Nachfolger nur noch mehr die Hölle heiß machen.

...Berlusconi hat die riesige Staatsverschuldung von seinen jahrzehntelang misswirtschaftenden Centro-sinistra-Vorgängern (= Christdemokraten + Sozialisten) geerbt, aber selbst nicht mehr verschlimmert. Im Jahr 1994 bei seinem ersten Amtsantritt war die Schuldenquote 122 Prozent, heuer liegt sie bei 121 Prozent. Bis zum Ausbruch der Krise hatten er ... sie sogar auf 104 Prozent reduzieren können.
http://mein.salzburg.com/blog/kontroverse/


Gast: Tirolfreund
12.11.2011 08:33
0 0

Wiens Schwierigkeiten mit Rom!

Italien im Chaos! Kein Wunder, dass die Süd-Tiroler Bevölkerung genug hat von dem Staat, zu dem sie ohnehin nie gehören wollte. Kein Wunder auch, dass sie ernsthaft nach Alternativen sucht, wobei die nahe liegendste logischerweise Österreich heißt. Österreich als Urheimat der Süd-Tiroler darf das nicht egal sein! Wien soll sich endlich wieder mehr um Tirol kömmern, Innsbruck und Bozen um ihr Gegenüber! Die Leute wollen das so, kapiert das endlich! Gerdade deshalb ist es auch fahrlässig und unverständlich, warum die Medien (auch die Presse, die sich doch als unabhängige Qualitätszeitung sieht) ihre Süd-Tirol-Berichterstattung noch mehr zurückfahren anstatt sie auszubauen. Umdenken ist angesagt!

Re: Wiens Schwierigkeiten mit Rom!

machts euren eigenen staat, wenns so scharf drauf seid's.

Antworten Gast: Ehrlich gesagt
12.11.2011 13:49
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Re: Wiens Schwierigkeiten mit Rom!

..unabhaengige Qualitaetszeitung..?!?.....
Na ja.

na endlich geht der alte Sack

mir ist er immer auf die Zehen gestanden!
und außerdem hat er immer mehr gelächelt als ich
und ist auch mehr fotografiert worden als ich!
dabei ist der alte Sack eh nicht echt, der hat schon Wochen beim SchönheitsChirurg verbracht!
So jetzt hab ich den BärLust koni auch überlebt!

Differenziertere Betrachtung gefragt!

Es ist schwierig, heute zu beurteilen, wie eine Bilanz der Ära Berlusconi letztendlich aussehen wird. Eine differenzierte Betrachtung wird aber sicher ein anderes Ergebnis erbringen als die aktuelle Darstellung der Dinge – wie im Mainstream der Medien und auch in diesem Artikel. Keine Frage, die (wirtschafts-)politische Arbeit Berlusconis wird vollkommen überlagert vom selbstverschuldeten – und wohl auch berechtigten – Image als sexbesessener Macho und skrupelloser Machtpolitiker, der Gesetze beschließen lässt, um eigene Vergehen straffrei zu stellen.
Man muss aber auch sehen, dass Berlusconi der erste italienische Ministerpräsident war, der im Großen und Ganzen stabile politische Verhältnisse in einem (bis heute bisweilen) chaotischen Land schaffen konnte, das seit 1945 jährlich (!) ein bis zwei Regierungswechsel zu verzeichnen hatte! Gerne übersehen wird auch, dass bei Berlusconis erstem Amtsantritt 1994 die Staatsverschuldung ihren Gipfel erreicht hatte und in Folge deutlich reduziert werden konnte! Erst durch die Wirtschaftskrise seit 2008 stieg der Wert rapide an und liegt heute (noch) knapp unter jenem Wert von 1994!
Wie gesagt: Die politische Bilanz ist zumindest nicht die schlechteste und daher zeugt populistisches Triumphgeheul anlässlich Berlusconis Abgang – wie man es allerorts und phasenweise auch in diesem Artikel liest – nicht unbedingt von Seriosität!

Gast: S-Fart
11.11.2011 19:36
1 1

Das nenne ich eine Aussage!

"Silvio Berlusconi isn’t the problem. Italy’s spending isn’t the problem. It’s not unions or benefits. The euro zone isn’t the problem. Neither are Greece, José Manuel Barroso, Nicolas Sarkozy or Angela Merkel. The problem is the banks."

http://blog.markusgaertner.com/2011/11/11/wall-street-journal-mit-einer-coolen-schlussfolgerung/

Re: Das nenne ich eine Aussage!

ein bisserl sehr verkürzt is das aber schon. aber wie leben in Zeiten der kurzen aufmerksamkeitsspanne, da kann man niemandem mehr als einen Kausalzusammenhang zumuten.

Der Sozialist Berlusconi hat Italien an die

Wand gefahren.


Italien und Österreich: Naja da kommt dem Österreicher einiges sehr bekannt vor!

"...Mit einer Gesellschaft, die reformresistent und von Klientelismus geprägt ist.

Mit mächtigen Gewerkschaften, die noch jeden Liberalisierungsansatz zermalmt haben, mit einem aufgeblähten, ineffizienten Staatsapparat und einer öffentlichen Verwaltung, deren Angestellte vieles tun, nur nicht den Bürgern dienen – und die trotzdem eine riesige Versorgungsmaschinerie für Hunderttausende von Familien ist."

Naja: So viel anders ist Österreich auch nicht, oder?

Rom oder Wien?

Ein ineffizienter Staatsapparat und eine öffentliche Verwaltung, deren Angestellte und Beamte vieles tun, nur nicht den Bürgern dienen – und die eine riesige Versorgungsmaschinerie für Hunderttausende ist.

Eine Politik, die sich als reinen Selbstbedienungsladen versteht.


Antworten Gast: Ehrlich gesagt
11.11.2011 17:17
0 0

Re: Rom oder Wien?

Beide...

Gast: Desaster
11.11.2011 16:55
0 0

Die italienische Krankheit

ist ähnlich der griechischen Krankheit; ein riesiger Selbstbedienungsladen für die Politik und ein ebensolcher Versorgungsladen für die Verwaltungsbeamten und deren Angehörige.

Unintelligente und/oder faule Politiker haben ihren Stäben freien Lauf gelassen und Party gefeiert. Die Stäbe haben es dann weidlich ausgenützt und entsprechende Schweigegelder an die nächst untere Ebene weitergegeben.

Das Volk hat so gut es ging nicht dafür gezahlt, sondern Steuern in großem Ausmaß hinterzogen.

Gast: Leider EU-Bürger
11.11.2011 16:54
0 0

Wer kommt als naechster daran? Frankreich vielleicht? Oder Spanien?


Re: Wer kommt als naechster daran? Frankreich vielleicht? Oder Spanien?

Südeuropa insgesamt!


Gast: nestbeschmutzer
11.11.2011 15:51
1 0

Therapie...

Mei gotal, des oame hascherl, hot se überorbat, ha? Silivi. leg di a bissal ins bettal mit aan hasal und a bissal bungabunga, doun bist glei wieda gsund, wettma?
(Spass muss sein, sprach Wallenstein:-))

Gast: Hans im Glück
11.11.2011 14:41
0 0

Versprechungen dieser Art hören wir zur Zeit oft...

glauben werden es die wenigsten.

Gast: Pensador
11.11.2011 14:14
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Italien wurde von den Linkschaoten abgewirtschaftet

Heruntergewirtschaftet haben Italien jahrzehntelang die chaotischen Linksregierungen, nicht Berlusconi.
Es ist die alte linke Taktik:
Herunterwirtschaften bis geht nimmer. Dann werden die Roten bei den Wahlen zum Teufel geschickt und die folgende Mitte-Rechts-Regierung, soll dann Wunder wirken können, begleitet vom dauernden propagandistischem Heruntermachen der abgewählten Chaoten.

Gast: Trollblume
11.11.2011 12:09
0 0

Krank oder Supermann?

Ach, das bisschen Fieber! Bereits 2009 wollte ihn die Opposition psychiatrisch untersuchen lassen, daraufhin meinte er, er wäre nicht krank, sondern Supermann... LOL - http://www.news.at/articles/0936/15/250136/berlusconi-zweifeln-gesundheit-ich-superman" target="_blank">http://www.news.at/articles/0936/15/250136/berlusconi-zweifeln-gesundheit-ich-superman

Gast: pächter der wahrheit
11.11.2011 11:13
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Bei manchen Textpassagen könnte man fast glauben

die Autorin schreibt über Österreich.

Fürsten, Schulden, Nichtstun, - kommt mir irgendwie bekannt vor.

Bis zuletzt hat sich Berlusconi vor dieser Realität verschlossen und war ausschließlich daran interessiert, seine Haut und seine Macht zu retten.

Es ist unvergessen, wie seinerzeit Schüssel Berlusconi unterstützt und ihm den Wahlerfolg gewünscht hat.

Analogie

Der vorletzte Absatz: Das trifft exakt auf Österreich zu.

"Die zwei verlorenen Jahrzehnte Italiens"

Das geht doch in Wirklichkeit seit bald 2 Jahrhunderten so.
Ein masslos überschätztes Land. Ob Küche, Mode oder Politik.
Zwei Drittel des Landes schnorren vom anderen Drittel, dieses Drittel inflationierte seine Probleme jahrzehntelang einfach hinweg, da brauchte es keinen Berlusconi dafür.
Berlusconi ist Symptom und nicht Ursache.

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Re: "Die zwei verlorenen Jahrzehnte Italiens"

Küche und Mode auch .........

Gast: Bürger 4711
11.11.2011 08:34
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Plötzliche Erleuchtung ?

Jaja, liebe Autorin, Sie haben Recht, aber
1. Wieso kam diese Erkenntnis erst heute
2. Hätten Sie sich das vor einigen Monaten auch schreiben getraut?


 
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