Abuja/Ag/Red. Auf das Entsetzen und die Trauer über die blutigen Anschläge gegen Christen in Nigeria am Weihnachtstag folgten am Montag die Schuldzuweisungen: Oppositionsführer Mohammadu Buhari warf der Regierung im Umgang mit den Anschlägen, bei denen die islamistische Sekte Boko Haram mehr als 40 Menschen getötet hatte, Versagen vor: „Wie kann es sein, dass der Vatikan und Großbritannien sich äußern, bevor die Regierung Worte findet?“, kritisierte Buhari, der bei der letzten Präsidentschaftswahl mit 32 Prozent der Stimmen auf Platz zwei gelandet war. Die Regierung müsse, um das Terrorproblem zu lösen, mehr tun als einfach nur die Ausgaben für Sicherheit zu erhöhen.
Terroristen der Boko Haram hatten am Weihnachtstag mehrere Anschläge verübt, den folgenschwersten auf die St.-Theresa-Kirche in Madala, einem Vorort der Hauptstadt Abuja. Dort wurden zum Ende des Weihnachtsgottesdienstes bei der Explosion einer Bombe mindestens 35 Menschen getötet. Das Gotteshaus wurde zum Teil zerstört, auch umliegende Gebäude wurden in Mitleidenschaft gezogen. Wenige Stunden später explodierten weitere Sprengsätze in der Stadt Jos – einem notorischen Hotspot der Unruhen zwischen Muslimen und Christen – und in Gadaka im nördlichen Staat Jobe. Bei einem Selbstmordanschlag wurden schließlich vier Beamte der Staatssicherheit getötet. Boko Haram bekannte sich noch am 25. Dezember zu den Attentaten und kündigte weitere Anschläge an.
Überraschend kamen die Attacken nicht: Bereits das Weihnachtsfest im vergangenen Jahr war von Anschlägen der Sekte überschattet gewesen, damals fielen 86 Menschen dem Terror der Islamisten zum Opfer. Erst eine Woche vor Weihnachten hatten die Sicherheitskräfte eine Bombenbauwerkstatt der Islamisten ausgehoben.
Religiös geteiltes Land
Die Gruppe, deren Name sinngemäß „westliche Bildung ist Sünde“ bedeutet, wurde 2002 in Maiduguri, im Nordosten des Landes gegründet. Sie richtet sich gegen westlichen Einfluss und will im muslimisch dominierten Norden – in dem großteils ohnehin bereits die Scharia gilt – einen islamischen Staat errichten. Zusehends setzte sie zur Verfolgung ihrer Ziele auch Gewalt ein, was sie in den letzten Jahren auch international bekannt machte.
Nigeria ist ein geteiltes Land: Im Norden dominieren Muslime, im Süden Christen. Besonders in dem Landstrich dazwischen kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu interreligiöser Gewalt. Nicht immer steckt Boko Haram dahinter. Mitunter ist der religiöse Konflikt Ausdruck ethnischer oder sozialer Auseinandersetzungen. In jedem Bundesstaat Nigerias gibt es dominierende Ethnien, die bevorzugt werden. Da die Stämme oft religiös homogen sind, richtet sich der Hass auch gegen religiöse Einrichtungen. In der Mehrzahl der Fälle sind Christen die Opfer, gelegentlich kommt es auch zu Übergriffen auf Muslime.
Papst Benedikt XVI. verurteilt Anschläge
Die jüngsten Anschläge wurden international scharf verurteilt: Papst Benedikt XVI. sprach beim Mittagsgebet am Stefanitag von „absurden“ Anschlägen: „Mögen die Hände der Gewalttäter, die Tod säen, innehalten.“ US-Präsident Barack Obama verurteilte die Attentate ebenso wie Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy. „Auch am Weihnachtstag bleibt die Welt leider nicht von der Feigheit und dem Schrecken des Terrorismus verschont“, sagte Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2011)
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