Die Rolle des deutschen Bundespräsidenten ist klar umrissen: Sie dürfen langweilig, müssen aber unter allen Umständen untadelig sein. Sonst taugen sie nicht zur moralischen Instanz, zum Hohepriester der Republik.
Christian Wulff ist zwar langweilig, aber trotzdem keine gute Wahl. Im Vergleich zu seinem Gegenkandidaten, dem ehemaligen DDR-Dissidenten Joachim Gauck, fehlte dem streberhaften CDU-Parteisoldaten von Anfang an das Format. Dieser Eindruck bestätigt sich nun. Wulff ist nicht ins Amt gewachsen, sondern darin weiter geschrumpft.
Es widerspricht dem allgemeinen Amtsverständnis, dass ein Staatsoberhaupt (vergeblich) den Chefredakteur der „Bild“ anruft, um zu verhindern, dass eine für ihn unangenehme Geschichte erscheint. Und es ist auch kein Ausweis für präsidentielle Intelligenz, Drohungen gegen einen Journalisten auf einem Anrufbeantworter, gut dokumentiert für die Nachwelt, zu hinterlassen.
Der Kern der Affäre ist auch insofern interessant, als sie in Österreich vermutlich überhaupt keine Wellen geschlagen hätte. Wulff wird vorgeworfen, als niedersächsischer Ministerpräsident einen zinsenlosen Kredit von einem befreundeten Geschäftsmann erhalten zu haben und dies bei einer Anfrage im Landtag verschwiegen zu haben. Geschenkannahme? Vorteilsannahme im Amt? Hierzulande wäre die Causa wohl schnell mit einer Gegenfrage beendet: Was wollt ihr? Der Präsident hat das Geld eh zurückgezahlt.
So leicht haben es Politiker in Deutschland nicht. Dort gelten andere Standards, und das ist besser so.
christian.ultsch@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2012)
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