„Genossen, in dieser Frage denke ich so: Ich halte es für völlig uninteressant, wer in der Partei wählen wird, und wen er wählen wird. Aber was außerordentlich wichtig ist, ist dies – wer die Stimmen auszählt, und wie er es tut.“ So überlieferte Stalins Sekretär Baschanow die Stimme seines Herrn, sie ist offenbar auch anderen in Erinnerung geblieben: „In fünf Prozent der Wahlbezirke Russlands wurden bei den Wahlen zur Duma im Dezember 2011 entweder alle Wähler erstens zur Stimmabgabe und zweitens zur Entscheidung für Putins Partei ,Einiges Russland‘ gezwungen, oder die gesamten Ergebnisse sind falsch.“
Das berichtet Peter Klimek vom Zentrum für Statistik, Informatik und intelligente Systeme der Med-Uni Wien, der „Presse“: Er hat gemeinsam mit seinen Kollegen Rudolf Hanel und Stefan Thurner die russischen Daten ausgewertet und sie mit Wahlergebnissen in anderen Ländern verglichen, Österreich, Finnland, Uganda etc. Dabei folgte die Verteilung der Stimmen auf die wahlwerbenden Parteien fast überall dem gleichen Muster, nur in Russland nicht und in Uganda, dort zeigen die Kurven massive Spitzen. In beiden Ländern wurde offenbar massiv „ballot stuffing“ betrieben: „Vollstopfen der Wahlurnen“.
Das kommt in zwei Varianten vor, in der ersten, „inkrementellen“, werden Wähler erfunden, die gar nicht wählen gingen: Dann wird eine Wahlbeteiligung von „100Prozent“ gemeldet. „Welche Informationen hat eine Wahlkommission?“, erklärt Klimek: „Sie hat das Register der Wähler und sieht, wie viele Leute noch fehlen.“ Für diese kann dann die Kommission selbst Stimmzettel ausfüllen, man konnte es bei den Duma-Wahlen auch auf vielen Videos aus Wahllokalen sehen: Da füllen Wahlkommissionsmitglieder Wahlzettel aus, dort sind die Urnen schon vor der Öffnung des Wahllokals gut gefüllt, an einem dritten Ort werden zum Kreuzmachen Bleistifte ausgeteilt, später kann man radieren.
Als ob Fußballspiele 100:0 ausgingen
Aber das gehört schon in die zweite, „extreme“ Abteilung des „ballot stuffing“: Diese hat sich offenbar in fünf Prozent der Wahlbezirke abgespielt, dort gab es 100 Prozent Wahlbeteiligung und 100 Prozent Zustimmung für Putins Partei. „Es ist, als ob eine Fußballmannschaft fünf Prozent ihrer Spiele mit 100:0 gewinnen würde“, erläutert Klimek. Vergleichbares zeigte sich nur bei Wahlen in Uganda, ein Prozent der Wahlsprengel fiel dort so aus dem Rahmen, in 45 Prozent gab es nur 100 Prozent Beteiligung, aber Stimmen für mehrere Parteien.
Und anderswo? Könnte es nicht auch in Österreich zu außergewöhnlich schlagenden Wahlsiegen kommen? „Soweit ich informiert bin, gab es auch bei uns schon Gemeinden mit 100 Prozent für die ÖVP, erklärt der Forscher, „aber das fällt in die natürliche Streuung. Man weiß etwa, dass auf dem Land die Leute eher wählen gehen und eher konservativ wählen.“
In Russland hingegen hat es offenbar Methode, und die wird von Wahl zu Wahl dreister. Die Forscher haben drei Duma-Wahlen analysiert: 2003 zeigte sich das schlichte „ballot stuffing“ in 30 Prozent der Wahlbezirke, das „extreme“ in einem. 2007 lagen die Werte bei 30 bzw. vier Prozent, 2011 waren sie auf 64 bzw. fünf Prozent gestiegen (arXiv: 1201.3087v1, 15.1.).
Das zeigt die Statistik bzw. ihre Auswertung. Beweisen kann sie nichts. „Aber es ist doch ein starker Indikator, dass man genauer hinsehen sollte, wie diese Wahlergebnisse zustande kamen“, schließt Klimek.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2012)
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