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Ausschreitungen in Kairo: "Hängt den Feldmarschall auf"

04.02.2012 | 14:10 |  Von unserem Korrespondenten MARTIN GEHLEN (Die Presse)

Auch zwei Tage nach dem Gewaltexzess mit 74 Toten im Fußballstadion von Port Said, will sich die Empörung über die Untätigkeit der Sicherheitskräfte nicht legen. Erneut Tote bei Demos.

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Kairo. „Weg mit dem Militärrat– hängt den Feldmarschall auf“, skandierte die Menge und: „Wir haben von einem Umbruch geträumt, sie aber haben uns zum Narren gehalten.“ Seit der blutigen Tragödie im Stadion von Port Said entladen sich in Ägypten Wut und Empörung gegen die Herrschaft des Militärrates und dessen Chef, Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi.

Bereits den zweiten Tag lang versuchten am Freitag tausende aufgebrachte Demonstranten, mit Gewalt zu dem durch Beton und Stacheldraht abgeriegelten Innenministerium in Kairo vorzudringen. Gleichzeitig versammelten sich Zehntausende auf dem Tahrir-Platz, die in Sternmärschen aus allen Stadtteilen in das Zentrum gezogen waren.

„Das Ministerium könnt ihr schützen, warum dann nicht ein Fußballstadion“, schrie die Menge in der Mohamed-Mahmoud-Straße. Viele schwenkten Fahnen der Ultra-Fanklubs von Ahly und Zamalek, den beiden Erstliga-Vereinen aus Kairo. „Diesmal werden wir nicht mehr zurückweichen“, schwor einer der Ahly-Ultras, die bekannt sind für ihre Härte im Straßenkampf mit der Polizei.

Polizeistation gestürmt

Nur während des Freitagsgebets hielten die Kämpfer kurz inne, dann gingen die Krawalle bis in den Abend unvermindert weiter. Vereinzelt waren Schüsse zu hören, schwarzer Rauch von brennenden Autoreifen waberte durch die Straßen. Die hinter Stacheldraht verbarrikadierte Sonderpolizei antwortete mit Salven von Tränengas. Mindestens ein Mann starb – ihn traf eine Kugel in die Brust.

Am Abend geriet ein Gebäude der Steuerbehörde in Kairo in Brand. Und bewaffnete Angreifer haben nach Angaben von Sicherheitskräften eine Polizeistation im Osten der Stadt gestürmt. Gefangene wurden befreit, anschließend setzten die mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer die Polizeistation in Brand.

Bis zum Abend wurden allein in Kairo rund 1500 Menschen verletzt. Immer wieder brachen Demonstranten plötzlich zusammen und verfielen in schwere Krämpfe, ausgelöst durch das eingesetzte Tränengas. Andere haben gebrochene Arme oder Augenverletzungen durch die eingesetzten Gummigeschosse. Auch in anderen Teilen Ägyptens kam es am Freitag zu Unruhen. In Suez gab es zwei Tote und über 200 Verletzte, als die Menge versuchte, eine zentrale Polizeistation zu stürmen, und die Beamten das Feuer eröffneten. Zahlreiche Geschäfte wurden geplündert. In Port Said dagegen, wo sich am Mittwochabend das Drama mit 74 Toten und über tausend Verletzten abgespielt hatte, verliefen die Kundgebungen zunächst ohne Zwischenfälle.

Unterdessen verteidigte Innenminister Mohamed Ibrahim, gegen den im neu gewählten Parlament ein Misstrauensantrag gestellt worden war, die Sicherheitskräfte von Port Said. Die Katastrophe im Stadion sei ausgelöst worden durch gegenseitige Provokationen der beiden Fanblöcke, sagte er.

Schlachtenbummler aus Kairo hatten während des Spiels ein Transparent entfaltet mit der Aufschrift „Port Said ist eine Schrottstadt, und hier gibt es keine echten Männer“. Dagegen zeigten Fernsehbilder nach dem Schlusspfiff, wie die Polizisten untätig in der Arena herumstanden, während um sie herum der rasende Mob aufeinander losging. Auch wurden die Ultras der Heimmannschaft vor dem Spiel nicht auf Messer und Knüppel durchsucht, obwohl sie im Vorfeld von einem „Tag der Abrechnung“ getönt hatten. Und so kursierten auch am Freitag immer neue Theorien über die Hintergründe der Tragödie.

 

„Werk des Teufels“

Manche Demonstranten auf dem Tahrir-Platz sind überzeugt, das Ausland stecke dahinter, weil es die ägyptische Revolution zerstören wolle. Andere halten alte Kader des Mubarak-Regimes sowie den Militärrat für die Drahtzieher. Parlamentspräsident Saad Katatni von der Muslimbruderschaft dagegen nannte die Gewalt einfach nur „ein Werk des Teufels“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)

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36 Kommentare
 
1 2
statusquo
04.02.2012 05:54
1 4

Wendehälse

Da veranstalten die Jungen eine Revolution um eine Demokratie zu installieren und dann sitzen die alten Mubarak-Schergen wieder an den Hebeln der Macht. Ich kann sie verstehn, die Ägypter.

4 1

"Verstehen"

Verstehen? Die Unzufriedenheit ja. Die Gewalt nein.

Gast: xxxx
03.02.2012 18:45
4 7

Die Israelis sind natürlich auch nicht unschuldig. So wie alle die nicht Moslembrüder oder Salafisten sind!

Und bezahlt habens auch nichts!
Glauben die alle, dass der arabische Frühling umsonst ist????????

5 3

Re: Die Israelis sind natürlich auch nicht unschuldig. So wie alle die nicht Moslembrüder oder Salafisten sind!

Ich verstehe nicht was sie meinen, könnten sie das bitte ein wenig genauer ausführen?!

Antworten fss100
03.02.2012 21:19
4 3

Re: Die Israelis sind natürlich auch nicht unschuldig. So wie alle die nicht Moslembrüder oder Salafisten sind!

wirr.

makaberich
03.02.2012 18:31
9 4

Ja, ja, jugendliche Revolutionäre ...

... wie alle Marxisten wollen sie als Minderheit die absolute Macht im Staat für den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft.
Sozialismus endet immer in einer Diktatur - das ist systemimmanent.

Krash
03.02.2012 18:26
13 5

Interessiert nicht wirklich jemanden was "da unten" so abgeht. Wichtig ist nur, dass keiner dieser Prossimiane den Weg nach Europa findet!


Sprachrohr
03.02.2012 17:18
10 5

Sollen sie sich

doch die Köpfe einschlagen wenn ihnen leichter ist.

Ich finde es sehr grotesk wenn das Volk aufeinander offenbar los geht und dann der Polizei oder dem Militär dafür die Schuld in die Schuhe schiebt und sich dann als Opfer dafür ausgibt weil diese nichts gegen den aufgebrachten Mob unternommen haben.

Gast: Hans Berger
03.02.2012 16:52
15 4

Die Freiheit die sie meinen heißt: "Ich will mich nicht an Gesetze halten"

Der ganze arabische Raum wird im Chaos versinken, bis sich wieder Dikdatoren finden, die Ordnung schaffen.

Klingt hart, ist es aber auch.

Gast: Kibietz
03.02.2012 14:05
1 13

Mitschuld sind auch Europa und die USA! Die haben bisher zu wenig Milliarden Euro oder Dollar geschickt!


Antworten makaberich
03.02.2012 18:32
3 4

Machen wir gerade ...

... am zahlenden Volk vorbei gehen gerade Milliarden EURO in den nordafrikanischen Raum ....

Antworten Antworten fss100
03.02.2012 21:21
0 3

Re: Machen wir gerade ...

Begründung?

Gast: Be-obachter
03.02.2012 13:07
19 6

Was heisst "Militärmassaker"???

Schuld sind diejenigen, welche randaliert haben, nicht das Militär.

Gast: hmm
03.02.2012 11:29
12 11

wer dreht da am Rad?

Es ist ganz offenkundig, dass jegliche Modernisierung in der arabischen Sphäre mit jeglicher Gewalt hintan zu halten versucht wird.

Relativ "moderne" Regime wie die Baathregimes in Syrien und im Irak (die für sich gesehen natürlich Schmarren, aber verglichen mit Regimen wie in Katar, Saudischarabien oder den Emiraten wahre "Ausbünde des Progresses" sind) oder das durch Natoterrorbomber zerstörte libysche Regime, das eine Art von arabischem Sozialstaat zu schaffen imstande war, wurden und werden durch systematische Destabilisierung von außen beseitigt.

Gleiches geht in Ägypten, Tunesien und Jemen vor sich. Wobei die dortigen Regime sowieso rückständig und inferior waren/sind. Dennoch muss auch dort - wie in allen anderen arabischen Ländern - von außen systematisch destabilisiert werden.

Die Sache stinkt total! Die sogenannten "Islamisten" sind ganz offensichtlich vom (nicht arabischen) Ausland bezahlte und gesteuerte miese Kreaturen mit Horrorinszenierungen a la Hollywood...

Antworten fss100
03.02.2012 21:22
2 4

Re: wer dreht da am Rad?

Verschwörungstheorie?

Gast: NPT
03.02.2012 10:53
18 5

Wie...

...von jedem halbwegs intelligenten Beobachter, auch im arabischen Raum, vorhergesehen (europäische Politiker gehören offenbar nicht zu dieser Kategorie), geht der "Arabische Frühling" nahtlos in den "Arabischen Winter" über. Nordafrika wird im Mittelalter versinken - und Europa ist nicht weit!

7 2

Die Freiheitskämpfer des letzten Jahres

werden nun die neuen Terroristen sein. Die Ultras als Freiheitskämpfer. Das sag einmal den Ultrakollegen aus Europa.

Die Zeitungen werden sich dem neuen Regime unterordnen, die Geschäfte sollen ja darunter nicht leiden.

Oder waren sie eigentlich schon immer Terroristen, Aufständische, Rebellen?

Kommt immer auf die Sichtweise drauf an. Ich möchte unbedingt wissen, was man sich eigentlich vorgestellt hat, als man vom Westen her diese ganze Sache medial unterstützt hat. Freiheit für Ägypten. Als ob die islamischen Kräfte in Agypten nicht vorhanden gewesen wären. Haben sie vielleicht ihre Hoffung in die Kopten gesetzt?

Na ja, das Geld wird es richten.

Dann werden wir es wissen, was am Tahir-Platz passiert ist. Terror oder der gerechtfertigte Ruf nach Freiheit.

12 6

Traurig

dass die Ägypter sich nicht eingestehen, worin die wahren Gründe für das Massaker liegen. Stattdessen geben sie dem völlig unbeteiligten Militärrat die Schuld und massakrieren munter weiter.

1 0

Re: Traurig

was sind denn "die wahren Gründe" ihrer Meinung nach? Und woher kennen sie diese?

0 0

Re: Re: Traurig

Dass es eine breite Schicht Unzufriedener gibt, einen Haufen Arbeitsloser, die keine Zukunftsperspektive haben. Woran nicht der Militärrat schuld ist.
Die Revolutionäre haben es schlicht verabsäumt, nach der Wende für schnelle Verbesserungen zu sorgen (insb. wirtschaftliche).
Der Militärrat wird sich nicht mehr lange halten können, bloß besser gehen wird es den Ägyptern deshalb nicht.

Gast: Dankwart
03.02.2012 10:29
8 3

Ägypten

Dort versteht man unter Freiheit das man sich nicht an Gesetze und Vorschriften halten muß. Es wird noch eine ganz traurige Geschichte, wie in ganz Nordafrika.

persil 4.0
03.02.2012 10:07
20 8

Wenn man sich

das durchliest ...
http://www.dereckart.at/?p=874

Alles friedlich...


2 4

Re: Wenn man sich

Sehr interessant, hat aber leider nichts mit dem Thema zu tun!

Antworten fss100
03.02.2012 21:33
1 4

Re: Wenn man sich

Abgesehen davon, dass das nichts mit Ägypten zu tun hat, kann man nur feststellen:

Wenn man sich "Den Eckart" durchliest, ist man mitten in einer Propagandaschrift. Das Problem für die Herausgeber ist allerdings, dass die Leserschaft sowieso nicht überzeugt werden muss.

Besonders gut gefällt mir übrigens die Geschichte mit der blinden Dame und dem Herrer mit dem Herzinfarkt, der dann doch keine Anzeige erstattet hat;-)

Antworten Gast: fragwürdige "tatsachenberichte"
03.02.2012 10:48
5 23

Re: Wenn man sich

.. und was hat der WKR Ball mit den aufständen in ägypten zu tun?

diese "tatsachenberichte" erscheinen mir sehr fragwürdig. wenn es so war, wie sie meinen, dass es war, wo sind die bilder? heute kann man mit jedem handy fotos und filme machen. kann mir nicht vorstellen, dass niemand der ballbesucher auf die idee kam ... also bitte, beweise statt phantasiegeschichten ... diese berichte klingen ziemlich unglaubwürdig ... zb wer fährt schon im winter mit offenen fenster durch eine angekündigte demo? herzattacke und danach noch auf den ball gegangen etc. etc. ...

Antworten Antworten persil 4.0
03.02.2012 13:12
16 4

Re: Re: Wenn man sich


Nur ein Beispiel http://www.youtube.com/watch?v=-i6TYdt1GEc&feature=player_embedded

Alles gaaanz frieeedlich.....


 
1 2