Kairo. „Weg mit dem Militärrat– hängt den Feldmarschall auf“, skandierte die Menge und: „Wir haben von einem Umbruch geträumt, sie aber haben uns zum Narren gehalten.“ Seit der blutigen Tragödie im Stadion von Port Said entladen sich in Ägypten Wut und Empörung gegen die Herrschaft des Militärrates und dessen Chef, Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi.
Bereits den zweiten Tag lang versuchten am Freitag tausende aufgebrachte Demonstranten, mit Gewalt zu dem durch Beton und Stacheldraht abgeriegelten Innenministerium in Kairo vorzudringen. Gleichzeitig versammelten sich Zehntausende auf dem Tahrir-Platz, die in Sternmärschen aus allen Stadtteilen in das Zentrum gezogen waren.
„Das Ministerium könnt ihr schützen, warum dann nicht ein Fußballstadion“, schrie die Menge in der Mohamed-Mahmoud-Straße. Viele schwenkten Fahnen der Ultra-Fanklubs von Ahly und Zamalek, den beiden Erstliga-Vereinen aus Kairo. „Diesmal werden wir nicht mehr zurückweichen“, schwor einer der Ahly-Ultras, die bekannt sind für ihre Härte im Straßenkampf mit der Polizei.
Polizeistation gestürmt
Nur während des Freitagsgebets hielten die Kämpfer kurz inne, dann gingen die Krawalle bis in den Abend unvermindert weiter. Vereinzelt waren Schüsse zu hören, schwarzer Rauch von brennenden Autoreifen waberte durch die Straßen. Die hinter Stacheldraht verbarrikadierte Sonderpolizei antwortete mit Salven von Tränengas. Mindestens ein Mann starb – ihn traf eine Kugel in die Brust.
Am Abend geriet ein Gebäude der Steuerbehörde in Kairo in Brand. Und bewaffnete Angreifer haben nach Angaben von Sicherheitskräften eine Polizeistation im Osten der Stadt gestürmt. Gefangene wurden befreit, anschließend setzten die mit Maschinenpistolen bewaffneten Männer die Polizeistation in Brand.
Bis zum Abend wurden allein in Kairo rund 1500 Menschen verletzt. Immer wieder brachen Demonstranten plötzlich zusammen und verfielen in schwere Krämpfe, ausgelöst durch das eingesetzte Tränengas. Andere haben gebrochene Arme oder Augenverletzungen durch die eingesetzten Gummigeschosse. Auch in anderen Teilen Ägyptens kam es am Freitag zu Unruhen. In Suez gab es zwei Tote und über 200 Verletzte, als die Menge versuchte, eine zentrale Polizeistation zu stürmen, und die Beamten das Feuer eröffneten. Zahlreiche Geschäfte wurden geplündert. In Port Said dagegen, wo sich am Mittwochabend das Drama mit 74 Toten und über tausend Verletzten abgespielt hatte, verliefen die Kundgebungen zunächst ohne Zwischenfälle.
Unterdessen verteidigte Innenminister Mohamed Ibrahim, gegen den im neu gewählten Parlament ein Misstrauensantrag gestellt worden war, die Sicherheitskräfte von Port Said. Die Katastrophe im Stadion sei ausgelöst worden durch gegenseitige Provokationen der beiden Fanblöcke, sagte er.
Schlachtenbummler aus Kairo hatten während des Spiels ein Transparent entfaltet mit der Aufschrift „Port Said ist eine Schrottstadt, und hier gibt es keine echten Männer“. Dagegen zeigten Fernsehbilder nach dem Schlusspfiff, wie die Polizisten untätig in der Arena herumstanden, während um sie herum der rasende Mob aufeinander losging. Auch wurden die Ultras der Heimmannschaft vor dem Spiel nicht auf Messer und Knüppel durchsucht, obwohl sie im Vorfeld von einem „Tag der Abrechnung“ getönt hatten. Und so kursierten auch am Freitag immer neue Theorien über die Hintergründe der Tragödie.
„Werk des Teufels“
Manche Demonstranten auf dem Tahrir-Platz sind überzeugt, das Ausland stecke dahinter, weil es die ägyptische Revolution zerstören wolle. Andere halten alte Kader des Mubarak-Regimes sowie den Militärrat für die Drahtzieher. Parlamentspräsident Saad Katatni von der Muslimbruderschaft dagegen nannte die Gewalt einfach nur „ein Werk des Teufels“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)
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