Wer mit seinem Hang zur Verkleinerungsform selbst die mythologische Personifikation des russischen Winters noch „Väterchen Frost“ nennt, hat offenbar ein entspanntes Verhältnis zur klirrenden Kälte. Das kann praktisch so aussehen, dass junge Leute bei minus 19 Grad vereinzelt sogar in Trainingshosen und Turnschuhen drei Stunden lang gegen Wladimir Putin und sein autoritäres Regime protestieren. Gewiss, die meisten Teilnehmer am gestrigen Massenprotest in Moskau und in anderen Städten hatten sich buchstäblich warm angezogen. Thermosflaschen mit Tee wurden von den autoritären Behörden kurzfristig verboten. Aber selbst solche Schikanen konnten die Leute genauso wenig vom Protest abhalten wie der oberste Amtsarzt des Landes, der am Freitag plötzlich vor der gesundheitsschädigenden Kälte warnte.
Die neue Mittelschicht hat sich am Samstag ihrer selbst vergewissert. An die hunderttausend haben auf dem größten Aufmarsch seit 20 Jahren demonstriert, dass sie ihren Widerstand gegen die Fälschungen bei den Parlamentswahlen vom Dezember auch dann aufrechterhalten, wenn die äußeren Umstände dies nicht begünstigen. Und sie haben einen Monat vor den Präsidentenwahlen untermauert, dass sie Putin abermals im Kreml nur dann akzeptieren werden, wenn der Urnengang am 4.März fair verläuft.
„Wir haben etwas zu verlieren.“ „Russland ohne Putin“, hieß es in den Sprechchören, „Putin, tritt ab!“. „Hier sind Menschen mit völlig unterschiedlichen politischen Ansichten versammelt – Linke, Rechte, Nationalisten, alle“, sagte der talentierteste Oppositionspolitiker Alexej Nawalni, ohne freilich darauf einzugehen, dass diese Heterogenität auch der Pferdefuß der Opposition auf dem Weg zu einer integrativen Führungsmannschaft ist. Aber schon bald werde man aus diesen Leuten einen neuen jungen Präsidenten wählen, rief etwa die auch international renommierte Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja.
Das kann allerdings dauern. Gleich wie Putins Gegner nämlich marschierten gestern auch Putins Anhänger auf der anderen Seite des Flusses Moskwa auf und malten ein Schreckensszenario an die Wand, das eintreten würde, wenn Putin nicht mehr wäre. „Wir haben was zu verlieren“, lautete da vielsagend die Losung derer, die vielfach im Staatsdienst stehen. Gewiss, allemal bemerkenswert, dass auch Putins Befürworter die Fehlentwicklungen wie Korruption und Wahlfälschungen einbekennen. Aber obwohl dies alles unter zwölf Jahren Putin grassiert ist, wird wieder Putin als Heilmittel propagiert. Er habe das Land geeinigt und sei der Garant, dass es nicht zerfällt, meinte der TV-Moderator Maxim Schewtschenko.
Unverhülltes Spannungsverhältnis. Es ist dieses Spannungsverhältnis, das in Russland seit zwei Monaten immer unverhüllter zur Schau gestellt wird. Es sind die schier unüberbrückbaren Gräben, die kurz vor der Weichenstellung für das dritte postsowjetische Jahrzehnt zur nationalen Nervosität führen, weil demokratische Mechanismen für einen Interessenausgleich fehlen. Abstruser Ausdruck der Unruhe sind derzeit etwa die Zahlenspiele, was die Anzahl der Demonstrationsteilnehmer auf beiden Seiten betrifft – die Schätzungen divergieren bis zu 100.000. Obwohl auch die politisch Unzufriedenen alles andere als eine Revolution, sondern nur die Überwindung von Beamtenwillkür und Staatskapitalismus wollen, wird ihr Ansinnen als destruktiv und revolutionär diskreditiert.
Auch am Samstag waren wieder renommierte Vermittler zwischen beiden Lagern unterwegs, um die Emotionen zu kanalisieren und sich selber für jeden Fall von Umschwung abzusichern: So Ex-Finanzminister Alexej Kudrin oder der Multimilliardär Michail Prochorow, der offenbar mit dem Segen des Kremls als Präsidentschaftskandidat Stimmen in der unzufriedenen Mittelschicht abfangen soll. Putin selbst versucht ihre Forderungen immer mehr in seinen Programmen zu platzieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2012)
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