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"Wollen nicht, dass sich libysches Szenario wiederholt"

10.02.2012 | 06:20 |  Von Jutta Sommerbauer (Die Presse)

Russlands Botschafter in Österreich, Sergej Netschajew, verteidigt russische Waffenlieferungen an Syriens Armee. Gegenüber Anna Netrebko als Wahlhelferin für Wladimir Putin hat er "keine Bedenken".

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Die Presse: Gibt sich der russische Außenminister Lawrow für „Propagandaeinsätze des syrischen Regimes" her, wie sein deutscher Amtskollege Westerwelle gestern sagte?

Sergej Netschajew: Kategorisches Nein. Wir bemühen uns, Frieden in Syrien herzustellen.

Allerdings nicht sehr erfolgreich - auch nach Sergej Lawrows Besuch ging der Militäreinsatz weiter.

Aber in viel geringerer Intensität. Es gibt auf Assads Seite Bereitschaft, die Gewalt zu beenden. Aber die Oppositionellen zeigen keine Bereitschaft dasselbe zu tun. Die Appelle der Weltgemeinschaft sollten an alle Parteien in diesem Konflikt gerichtet werden. Wir können nicht nur Assad die Schuld zuschreiben. Es gibt keine schuldlosen Lämmer in diesem Konflikt.

Wo sehen Sie Assads Bereitschaft einzulenken?

Er ist bereit mit der Opposition zum Verhandlungstisch zurückzukehren. Er ist willens, dass die Mission der Arabischen Liga zurückkommt. Er ist bereit Änderungen in die Verfassung aufzunehmen, mit denen es aus unserer Sicht keine Vorzüge mehr für die Baath-Partei gibt. Es sollte ein Referendum abgehalten werden. Die Entscheidung über die Zukunft des Landes sollen die Syrer selbst treffen. Keinesfalls sollte sie von außen aufgezwungen werden. Die Erfahrung zeigt, dass sich die aufgezwungene Demokratie nicht rentiert.

Wie lange noch wird Russland auf Assads Einlenken hoffen?

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Das ist sehr philosophisch. Was hat der Besuch Lawrows konkret gebracht?

Lawrows Besuch hat zu konkreten Versprechen und Schritten geführt.

Vor allem Versprechen.

Jetzt müssen wir darauf beharren, dass diese Versprechen umgesetzt werden. Dafür werden wir arbeiten.

Agiert der Westen zu hitzig?

Manchmal scheint es mir, den westlichen Kollegen fehlt es an objektiver Information. Die Abberufung der Diplomaten aus Damaskus kommt zur falschen Zeit - damit verliert man den Überblick über die Situation.

Zurück zur „aufgezwungenen Demokratie": Eine solche war im Fall der UNO-Syrien-Resolution gar nicht geplant. Es ging um eine Verurteilung.

Aber nur einer Seite. Der UN-Sicherheitsrat darf sich nicht auf eine Seite dieses Bürgerkriegs stellen. Wir wollen nicht, dass sich das libysche Szenario wiederholt.

Damals haben Sie sich in der UNO allerdings enthalten.

Wir bedauern sehr, wie diese Resolution später ausgehöhlt wurde.

Russland hat damals einen strategischen Fehler begangen?

Hätten wir gewusst, dass diese Resolution zu einem realen Krieg führt, hätten wir uns anders entschieden.

Derzeit spricht niemand von einer militärischen Intervention.

Das werden wir auch nicht zulassen.

Ist das nicht eine schwache Position, die Ihre Führung einnimmt: einfach nur „Nein" zu sagen?

Das kann man unterschiedlich interpretieren. Wir werden erst am Ende wissen, wer stark oder schwach agiert hat.

Menschenrechtsorganisationen zählen seit März 2011 über 6000 Tote. Beunruhigt Sie das nicht?

Doch. Aber: Beunruhigt die Menschenrechtsorganisationen nicht die Situation in Libyen und Ägypten? Nun werden Gaddafi-Anhänger brutal verfolgt. Und all das passiert nahe an Russlands Grenzen.

Und an den Grenzen der Türkei. Der türkische Außenminister Davutoğlu hat Moskau kürzlich mit nicht sehr feiner Klinge kritisiert. Er sagte, Russland denke im „Schema des Kalten Krieges".

Man kann verschiedene Klischees bedienen. Es gibt keine Konfrontation zwischen Ost und West, Russland und Amerika. Wir haben grundsätzlich eine gute Zusammenarbeit, in manchen Fragen eben Differenzen - das ist normal.

Syrien ist Ihr letzter Verbündeter in der arabischen Welt - und ein wichtiger Kunde der Rüstungsindustrie. Lassen Sie Assad deshalb nicht fallen?

Syrien ist ein strategischer Faktor im Nahen Osten und ein strategischer Partner für Russland.

Die syrische Armee ist mit russischen Waffen ausgerüstet, gerade ist ein millionenschwerer Waffendeal im Gange. Sie müssen sich die Frage gefallen lassen, dass der Konflikt, den Sie vorgeblich zu lösen versuche, mit Ihren Waffen verlängert wird.

Es gibt kein Waffenembargo und wir liefern keine strategischen Waffen. Wir halten uns strikt an die internationalen Gesetze. Die Lieferungen kann uns niemand vorwerfen. Wenn es legal ist - warum nicht? Woher hat die Opposition eigentlich die Waffen? Fragen Sie das unsere ausländischen Partner!

Es ist vielleicht kein gesetzwidriger Handel, aber noch einmal: Der Konflikt wird dadurch doch verlängert.

Dann kommen andere und füllen mit anderen Waffen diese ökonomische Nische.

Wie würde Russland reagieren, wenn sich der Westen dazu entschließt, die Oppositionellen mit Waffen zu unterstützen?

Meinen Sie, das passiert noch nicht? Woher haben sie ihre Waffen?

Es gibt viele Deserteure.

Ach wo. Das Ausmaß der Waffenverbreitung ist sehr groß, da gibt es wohl verschiedene Kanäle.

Der Westen unterstützt die Aufständischen also mit Waffen?

Ich möchte kein Land konkret beschuldigen.

Die EU plant Sanktionen gegen Syrien, man will den Export von Phosphat und Gold verbieten. Ist das sinnvoll?

Wir sind grundsätzlich sehr vorsichtig, was Sanktionen betrifft. Die Erfahrung zeigt, dass sie nicht effektiv sind.

Russland hat sich bei den arabischen Umbrüchen stets skeptisch gezeigt. Fürchtet man innenpolitische Auswirkungen?

Da gibt es keine Parallelen. „Bunte" Revolutionen sind bei uns absolut unmöglich. Die politische Situation ist stabil. Die aktuellen Demonstrationen zeugen nur davon, dass die Menschen politisch aktiver geworden sind. Sie wollen weitere Reformen. Ich respektiere das.

Die Menschen sagen „Nein zu Putin".

„Nein zu Putin" sagen drei bis fünf Prozent. Putin würde, fänden heute Wahlen statt, schon im ersten Durchgang souverän siegen.

Aber die Demonstrationen haben eine neue Qualität erreicht. Ist Putins System in der Krise?

Die Menschen haben eine Wirtschafts- und Finanzkrise überstanden. Viele haben darunter gelitten. Es gibt viele Unzufriedene, viele haben die Arbeit verloren, die Einkommen haben sich negativ entwickelt. Daher die Diskrepanz zwischen Putins Popularität vor zehn Jahren und heute. Sie ist von 70 Prozent auf 50 Prozent gesunken. Das ist absolut normal.

Was aber, wenn sich diese Entwicklung fortsetzt?

Das erwarte ich nicht. Putin hat ein riesiges Reformprogramm ausgearbeitet, und das findet Unterstützung. Wir verschweigen auch nicht unsere Probleme: Die Korruption müssen wir bekämpfen, auf Leben und Tod.

Kampf gegen Korruption ist das eine, politische Mitbestimmung das andere: Wie viel davon verträgt Putins System?

Man will die Partizipation jetzt erweitern: Gouverneure müssen gewählt werden, die Zulassung politischer Parteien wurde erleichtert, die Präsidentschaftskandidaten müssen weniger Stimmen sammeln als früher.

Warum erst jetzt? Nun sieht es wie ein Zugeständnis an die Opposition aus.

In den Neunzigern waren wir erst am Anfang der Demokratie, eine schwierige Zeit. Die Regionen begannen, die Souveränität zu missbrauchen. Es bestand die Gefahr, dass Russland zerfällt. Deshalb musste man die Zentralmacht stärken. Diese Stabilisierung ist Putins Verdienst. Jetzt, wo diese Gefahr nicht mehr besteht, kann man die Umverteilung der Kompetenzen wieder in Angriff nehmen.

Die politische Führung hätte dies aber nicht von sich aus gemacht. Es ist ein Zugeständnis.

Wenn das so aussieht, bitte, dann nennen Sie es so.

Die Opernsängerin Anna Netrebko ist Teil des Unterstützerkomittees für Putin. Eine geglückte Entscheidung?

Ich habe keine Bedenken. Diese 499 russischen Bürger haben keine Angst, ihre politische Meinung auszudrücken.

Aber Frau Netrebko ist auch österreichische Staatsbürgerin.

Das war ein Ausnahmefall, aber als Besitzerin des russischen Passes wird sie bei uns als russische Staatsangehörige betrachtet.

Hier wird sie als österreichische Staatsbürgerin gesehen und man wundert sich, dass sie sich für einen ausländischen Politiker engagiert. Können Sie das nachvollziehen?

Für Russland bleibt Sie russische Staatsbürgerin. Sie bezeichnen sie als Österreicherin, wir freuen uns sehr, dass sie weiter Russin ist. So leben wir beide gut.

Ist es gut, wenn Künstler sich so offen politisch engagieren?

Bei uns ist es ganz normal. In Putins Stab gibt es viele Intellektuelle, Künstler und Sportler.

Könnte Netrebkos Image in Österreich Schaden nehmen?

Das glaube ich nicht. Ich habe in Österreich nie kritische Äußerungen gegen Putin oder Medwedjew gehört. Wir haben einen wolkenlosen politischen Dialog, einen sehr intensiven wirtschaftlichen und kulturellen Austausch.

Stichwort politischer Dialog. Gehört für Sie da auch die FPÖ-Delegation bei Herrn Kadyrow dazu?

Das war eine ziemlich selbstständige Aktion. Aber grundsätzlich ist es normal, dass es interregionale Kontakte gibt.

Es ist eine Oppositionspartei, die einen Ihrer Republikspräsidenten besucht.

Wir haben Kontakte zu allen legitimen politischen Kräften Österreichs. Ich wusste nichts von der Reise. Ich weiß nicht, wie sie zustande kam.

Wieso nicht?

Die Abgeordneten haben Diplomatenpässe, die Einreise ist Visa-frei. Wenn die Delegation bestätigt, dass sich die Situation dort normalisiert, dann ist es nicht mehr als das, was die offizielle Mission des Innenministeriums im Herbst 2011 ebenfalls festgestellt hat.

Was sagen Sie zum Fall von Suliman E., mutmaßlicher Chefagent Kadyrows, dem vor Kurzem der Flüchtlingsstatus aberkannt wurde?

Lassen Sie diese Märchen von den Kadyrow-Agenten in Österreich! Ich habe darüber nie offizielle Informationen erhalten.

Österreichs Behörden sprechen von 300 Kadyrow-Agenten im Land.

Ich kann dazu nichts sagen, weil ich darüber nichts weiß. Ich betrachte diese Angaben als Science Fiction.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2012)

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11 Kommentare
ariadna63
11.02.2012 19:18
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Die Demokratisierung des Irak kostete 162000 Menschen das Leben.

Die Demokratisierung des Irak kostete 162000 Menschen das Leben.
Heutzutage ermordet man in Gefängnissen die Gaddafi – Anhänger sowie früher ermordete man seine Gegner. Und niemand weiß, wie viel Menschen töten die syrischen „Demokraten“ nach ihrem Sieg? Wer sagt den Journalisten, die weder in Afghanistan noch in Irak oder Libyerin waren, dass diese Länder sind demokratisch geworden? Angeblich diejenigen, die ihnen Honoraren geben.
Es gibt 300 Kadyrow – Agenten in Wien… Ich hätte ganz gerne gewusst, wie wurden sie gezählt?
Netrebko unterstützt Putin. Sie spricht nicht nur Russisch, sondern lebte lange Jahre in Russland. Ich nehme an, sie kennte sich mit russischer Politik viel besser als die österreichischen Journalisten. Trotz der höheren Honorare im Westen hat sie das Gewissen nicht verloren.
Hass der Journalisten auf Putin würde pathologische erscheinen, wenn ich nicht wüsste, dass sie gute Honorare bekommen.

Gast: Ruskibeobachter
10.02.2012 12:19
2 0

Seltsame Welt

Mir sind heute die Russen lieber als alle Westler. Schon 1914 haetten wir an der Seite der Russen sein sollen.

Arabischer Frühling, Ja - Aber

• Dass Gaunerregime gestürzt werden und Demokratie Einzug hält ist gut, auch für Syrien, aber:
• Man muss annehmen, dass der Westen sich nur dann engagiert, wenn es wirtschaftliche Vorteile, v.a. Öl zu holen gibt. Die Öleinnahmen sollten lieber der Bevölkerung dieser Staaten zu Gute kommen, und nicht westlichen Ölmultis.
• Die Wahlergebnisse (Ägypten, Tunesien) sind bedenklich mit den Siegen islamistischer Parteien. Da kann man nur hoffen, dass die gemäßigt und demokratisch sind/bleiben
• Russland ist selbst um nichts besser als die arabischen Gaunerdiktaturen. Putin wird hoffentlich früher oder später das gleiche passieren wie Gaddafi.

cougar
09.02.2012 23:19
4 2

Ist es gut, wenn Künstler sich so offen politisch engagieren?

Ein ÖSTERREICHISCHER Journalist fragt das! Fällt die Ironie sonst noch jemandem auf?

Angesichts des Vernetzungsgeflechts gewisser ö. Parteien in der sogenannten "Kultur-Szene" ist diese Frage eine Frechheit!

Das gesamte Interviewe machte mir einen recht aggressiven Eindruck, man konnte den Unterton förmlich rauslesen.

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Re: Ist es gut, wenn Künstler sich so offen politisch engagieren?

standard qualitaet eben ....

Gast: Ernst Holt
09.02.2012 22:40
6 4

Erstaunlich vernünftig

Es ist erstaunlich, wie vernünftig der russische Botschafter das Problem in Syrien sieht. Tatsächlich gibt es dort keine absolut Guten und absolut Bösen.
Nur die linken Gutmenschen reden sich ein, dass die Oppositionellen die Guten sind. In Wirklichkeit sind die auch nicht besser oder schlechter als die Regierung. In Libyen hat sich ja gezeigt, wie demokratisch und gut die Aufständischen sind. Da hat es den Gutmenschen die Rede verschlagen.
Mit Syrien steht die Stabilität einer ganzen Region am Spiel und da darf man nicht nur gutmenschlichen Illusionen nachhängen, die dazu führen dass die Sache ausser Kontrolle gerät.

Gast: Nennen wir das Kind beim Namen....DIE WELT HAT ANGST VOR RUSSLAND!
09.02.2012 22:39
2 5

Typisch Diplomat..........

....KEIN WORT von den TAUSENDEN TOTEN in Syrien...aber wenn man am Botschafterkamin im Warmen sitzt, dann interessiert das höchstwahrscheinlich nicht!

Antworten cougar
09.02.2012 23:26
4 2

Re: Typisch Diplomat..........

"Menschenrechtsorganisationen zählen seit März 2011 über 6000 Tote. Beunruhigt Sie das nicht?

Doch. Aber: Beunruhigt die Menschenrechtsorganisationen nicht die Situation in Libyen und Ägypten? Nun werden Gaddafi-Anhänger brutal verfolgt. Und all das passiert nahe an Russlands Grenzen."

Unabhängig von den vielen Toten während der "Befreiung" - Glauben sie, nur weil man in Lybien aufgehört hat die Toten zu zählen, dass die Situation dort jetzt besser ist?

9 7

Den "Point of no Return" schon lange überschritten!

Genau so wie Gaddafi und Mubarak durch ihr brutales Durchgreifen gegen Regimegegner den Punkt verpaßten, ab denn noch ehrliche Verhandlungen mit der Opposition möglich gewesen wäre, hat auch Assad viel zu lange darauf gebaut, durch fortgesetzte Massaker an unschuldige Menschen die Lage in SEINEM Sinn berhuigen zu können! Aber wer in regelrechten Planquadrataktionen Soldaten alles nieder metzeln läßt, was gerade um die Ecke kommt, darf auch auf keine Gnade hoffen, wenn sich das politische Blatt endgültig zu wenden beginnt! Und wenn die Russen hernach auf der falsche Seite stehen, dann wird´s auch für sie kaum ein großes "Geschäft". Der Westen kann ja ebenfalls mehr als nur ein Lied davon singen, wie schnell man wo raus geworfen wird, wenn die neuen Machthaber jene sind, die gegen die alten, vom Westen unterstützten Herrscher gewonnen haben. Die Sowjetunion hat sich vor Jahrzehnten in Afrika auch öfters gewaltig verkalkuliert...

Antworten jerry91
09.02.2012 19:51
6 9

Re: Den "Point of no Return" schon lange überschritten!

wirklich interessant wieviele Sozialromantiker es noch gibt, die glauben die Nato wäre an der Verteidigung der Menschenrechte interessiert. Schon auf die 100 tausenden Toten im Iraq u. Afghanistan vergessen, aber da herrscht ja jetzt Demokratie nicht wahr?in Lybien werden die Schwarzen nach der Reihe von "Alquaida" die man im Iraq + Afghanistan bekämpft hat abgeschlachtet, macht nix solange man davon nix mehr ließt in den Medien oder?

Antworten avbd
09.02.2012 19:41
7 8

Re: Den "Point of no Return" schon lange überschritten!

Und zum Glück haben sich die Demokratiebringer aus dem Wilden Westen nicht in Vietnam, Irak, Afghanistan verkalkuliert.
Uuups, fehlen ja noch Libyen, Syrien und der Iran.