Das war ein großer Moment für Dilma Rousseff, einer, den sie genüsslich auskostete. „Meine Damen und Herren, wir haben alle gute Gründe, heute hier zu sein“, sprach sie mit ihrer Altstimme in den Saal in Rio de Janeiro hinein: „Ich bin gekommen, um als erste gewählte Frau in Brasiliens Präsidentenamt mitzuerleben, wie zum ersten Mal eine Frau die Spitze eines Öl- und Gasunternehmens übernimmt.“
Ein Satz voll beladen mit historischem Pathos war das – und doch doppelt untertrieben. Denn María das Graças Silva Foster wurde nicht die Chefin irgendeiner Firma aus dem Energiesektor – nein, sie leitet seit jenem 13.Februar die Geschicke von Petrobras. Das ist nach Umsatz (zuletzt 146Mrd. Dollar) und Firmenaktiva (mehr als 300Mrd. Dollar) der größte Konzern Lateinamerikas, der größte überhaupt mit Hauptsitz auf der Südhalbkugel und dazu einer der größten der Welt. Und Rousseff war keineswegs nur eine bloße Zeugin des Karrieresprungs der 58-jährigen Ingenieurin: Dilma Rousseff hat sie höchstselbst ausgesucht, um die mehr als 80.000 Petrobras-Mitarbeiter zu führen.
Denn Dilma ist der Boss. Daran zweifelt niemand mehr in dem riesigen 195-Millionen-Land Brasilien. 14 Monate nach ihrem Amtsantritt hat es die 64-Jährige geschafft, aus dem Schatten ihres beliebten Vorgängers zu treten. Luiz Inácio Lula da Silva (heute 66) war es, der 2009 entschied, Brasiliens Geschicke in Frauenhände zu legen. Unter Einsatz all seines Charismas schaffte es Lula, dass seine Anhänger einer Frau ihr Vertrauen schenkten, die keine großen Reden schwingt, die keine Schultern klopft und die lieber in Brasilias Planalto-Palast im Hinterland arbeitet, als irgendwo groß aufzutreten. Doch – wer hätte das gedacht – nach einem Jahr im Amt ist die spröde, etwas hantig wirkende „Anti-Lula“ beliebter als das fröhlich-bärtige Original: Hinter Dilma standen zum Jahreswechsel 53Prozent der Brasilianer. Lula hatte nach einem Amtsjahr nur 41Prozent Zustimmung; aktuellste Umfragen beschieden Dilma sogar 59 Prozent Zuspruch im Volke. Es ist Brasiliens Mittelklasse, die heute eine Präsidentin unterstützt, die sie vielfach gar nicht gewählt hat.
Großputz im Kabinett. Dabei ging es in ihrem Regierungskabinett seither turbulent zu: „Faxina“ (Großputz) nennen die Brasilianer die Reinigung desselben, nicht weniger als sieben Minister sind innerhalb der 14Monate bereits zurückgetreten – sechs davon wegen massiver Korruptionsvorwürfe. Und weil die Medien weiter nach Vorwerfbarem buddeln, werden gewiss noch mehr Rücktritte folgen.
Anders als ihr aus der Gewerkschaft stammender Vorgänger war Dilma Rousseff nicht bereit, Durchstechereien und Halbseidenes zu dulden. Als in ihrer Arbeiterpartei PT etwa die Idee aufkam, die mediale Aufklärungswut durch neue Gesetze zu zügeln, entgegnete die Präsidentin barsch: „Die einzige Medienkontrolle, die ich kenne, ist die Fernbedienung meines Fernsehers“ – auf Portugiesisch heißt das Gerät „controle remoto“.
Dass bloß keine Missverständnisse aufkommen: Rousseff ist gewiss keine Wonder Woman, die den ganzen Morast trockenlegen kann in einem Land, in dem Staat und Wirtschaft eng verwachsen und verwuchert sind. Sieben der 23Parlamentsparteien haben Vertreter am Kabinettstisch, der unglaublichen 38 (!) Ministern Platz bieten muss. Ein Opus maior des Kompromisskönigs Lula war das, der bewerkstelligte, dass viele mitmachen, weil viele auch etwas abkriegen. Rousseff kann es nicht riskieren, dieses geerbte System total zu demontieren, denn ihre Arbeiterpartei ist zwar die stärkste Kraft im 513Sitze zählenden Kongress, aber sie hat darin nur matte 88Abgeordnete. Sie braucht also ihre Koalitionspartner – und das ist teuer. Regieren ist extrem mühsam in Brasilien.
Das Verhandeln war das Metier des langjährigen Gewerkschaftsführers Lula, aber es gehörte nicht unbedingt zum Portefeuille der brüsken Brünetten – der Tochter eines emigrierten bulgarischen Kommunisten, die einst Gewehre hortete und Safes ausräumte im Guerillakampf gegen die einstige Militärdiktatur. Die 1970 bis 1972 in Haft saß und nach eigenen Angaben auch gefoltert wurde. Die nach dem Wirtschaftsstudium eine steile Verwaltungskarriere machte – bis hinauf an die Spitze des Energieministeriums im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Die im Jahr 2003 von Lula ins Kabinett geholt wurde und die schnell zu dessen Kabinettschefin aufstieg, nachdem herausgekommen war, dass die PT Abgeordnete anderer Parteien mit monatlichen Überweisungen kaufte.
Rousseff, die Technokratin, die erst anno 2000 PT-Mitglied wurde, organisierte Brasiliens Fortkommen, koordinierte die Arbeit der Ministerien und die gigantische Infrastruktur-Initiative „PAC“, und das mit Fleiß, Disziplin und Effizienz. Die politischen Mehrheiten dafür sicherte Lula.
Die schroffe Sparmeisterin. Ob sie das auch so hinkriegt? Die Schroffe, die Ungeduldige, die Perfektionistin. Mehrere ihrer Vorhaben hängen in den beiden Parlamentskammern fest, etwa eine Pensionsreform, ein Regelwerk, das die Abholzung des Regenwaldes beenden soll, und ein Abkommen über die föderale Verteilung der künftigen Einnahmen der riesigen Tiefsee-Erdölfelder im Südatlantik vor der Küste des großen Landes.
Allerdings hat sie es geschafft, drei – in diesen wirtschaftlich höchst unsicheren Zeiten unerlässliche – Sparpakete für die öffentliche Hand zu schnüren und durchs Parlament zu peitschen. Das bisher Letzte dieser Sparpakete umfasst satte 32Milliarden Dollar.
Großer Sprung nach vorn. Unter Lula, der von 2003 bis inklusive 2010 regierte, hatte sich Brasilien grundlegend verändert. Vor gerade mal zehn Jahren gehörten vielleicht 40Millionen Brasilianer zur „unteren Mittelklasse“. Heute besitzen mehr als 100Millionen Menschen dank staatlicher Transfers und Kleinkredite ein Konto, ein Motorrad, viele auch ein Auto.
Doch nun muss sich die Regierung darauf einstellen, dass diese Leute von ihrem Staat ein vernünftiges Schul- und Gesundheitssystem verlangen, eine moderne Infrastruktur – und natürlich Sicherheit: Denn die hohen Verbrechenszahlen, speziell in den Armensiedlungen, hat auch der große Lula nicht wirklich senken können.
„Kein Land der Welt konnte eine hohe Entwicklungsstufe erreichen, ohne seinen öffentlichen Dienst reformiert zu haben“, das ist ein Mantra Rousseffs. Sie hat die Rücktrittswelle der Minister aus der Lula-Zeit genutzt, um Profis in Schlüsselpositionen zu bringen. Darunter sind viele Frauen ihres Vertrauens. Wie die 48-jährige Kabinettschefin Gleisi Hoffmann, die in ihrer spröden Effizienz wirkt wie „Dilma 2.0“; oder wie die Frauenministerin Eleonora Menicucci, Dilmas ehemalige Zellengenossin im Militärgefängnis. Oder wie María das Graças Silva Foster, die neue Petrobras-Direktorin, die ihr Berufsleben vor 50Jahren mit Müllsammeln beginnen musste.
Und der Volksheld schaut still zu. Luiz Inácio Lula da Silva, der Volksheld, der Vortänzer, der Vielflieger, muss derzeit im Stillen beobachten, wie Dilma sich anschickt, jenes moderne Brasilien aufzubauen, das er aller Welt bereits verkauft hat. Der Kampf gegen das Krebsgeschwür in seinem Hals verbietet ihm indes öffentliche Auftritte.
Im jüngsten Karnevalsumzug in der Millionenmetropole von São Paulo marschierten dafür hunderte Lulas mit grauen Perücken und Bärten. Sie lieben ihn wie eh und je. Aber auch Dilma, die mögen sie. Immer mehr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2012)
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