Kopenhagen/Oslo. Der Reichsalarm funktionierte nicht, entscheidende Zeugenaussagen wurden verschlampt, der Polizeihubschrauber war nicht einsatzfähig und das Polizeiboot havarierte: In ihrem Evaluierungsbericht, den sie am Donnerstag in Oslo vorlegte, räumt die norwegische Polizei erstmals ein, dass ihre Versäumnisse nach den Terroranschlägen vom 22. Juli Menschenleben gekostet haben könnten. Er beklage, dass es nicht gelungen sei, den Täter früher zu ergreifen, sagte Polizeidirektor Øystein Mæland. „Jede Minute Verspätung war eine Minute zu viel, und es ist hart zu wissen, dass ein rascheres Eingreifen wohl Leben gerettet hätte.“
Norwegen sei für einen Terrorakt, wie er das Land an jenem Freitag mitten in der Urlaubszeit traf, nicht vorbereitet gewesen, erkennt die Polizei. So wird das bleiben: trotz zahlreicher Verbesserungen im Alarm- und Kommunikationssystem könnten die Geschehnisse vom 22. Juli „nicht das Drohbild sein, für das wir uns landesweit rüsten“. Der Rapport gibt der Polizei gute Zensuren für die Reaktion nach dem Bombenanschlag auf das Regierungsgebäude. Innerhalb einer Stunde seien die Opfer versorgt, die Brände gelöscht und die Gebäude durchsucht gewesen. Doch dann versagten die Routinen. „Wir rechneten mit einem zweiten Attentat im Zentrum der Hauptstadt“, sagte Oslos Polizeichef Anstein Gjengedahl.
„Viel zu spät“ Daten ausgewertet
Wenige Minuten nach der Bombenexplosion hatte ein Zeuge den Täter als bewaffneten Mann mit falscher Polizeiuniform beschrieben und dessen Autonummer genannt. Doch erst „viel zu spät“, wie Gjengedahl zugab, wurden diese Aussagen verwertet. Das System, das landesweit Alarm schlagen sollte, funktionierte nicht, und als endlich die Ausfahrtstraßen aus Oslo gesperrt wurden, war der rechtsradikale Attentäter Anders Breivik längst auf dem Weg nach Utøya. Dort konnte er ungehindert mit der Fähre zur Insel übersetzen. Um 17.30 Uhr erhielt die lokale Polizei erste Meldungen über Schüsse. Erst mehr als eine Stunde später trafen die ersten Polizeitruppen ein, denen sich Breivik ergab.
Die Bereitschaftstruppe war mit dem Auto unterwegs, weil der Polizeihubschrauber nicht einsatzbereit war und ein Angebot für Militärhilfe zunächst ausgeschlagen wurde. Die lokalen Bediensteten warteten am Ufer auf die Spezialisten aus Oslo, obwohl sie hörten, wie auf der Insel geschossen wurde. Zum Übersetzen wählte die Polizei einen 3640 Meter entfernten Kai, statt die drei Kilometer nähere Mole zu nehmen. Das überladene Gummiboot bekam Motorstopp, erst mit zwei herbeigeeilten Zivilbooten konnten die Truppen die Insel erreichen. So dauerte die Überfahrt 20 Minuten. Der direkte Weg in einem funktionierenden Boot hätte eine theoretische Zeitersparnis von 16 Minuten bringen können, sagte die lokale Polizeichefin Sissel Hammer. Während dieser Zeit ermordete Breivik zumindest 14 Jugendliche.
Vertreter der Hinterbliebenen der Terroranschläge äußerten sich erleichtert, dass die Polizei endlich eingestand, dass sie rascher hätte handeln müssen. Beim Bombenanschlag in Oslo und dem Massaker auf Utøya starben insgesamt 77 Menschen. Der Prozess gegen den Attentäter beginnt am 16. April.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2012)
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