Frankreich: Der fliegende Hollande

26.05.2012 | 17:45 |  von RUDOLF BALMER (PARIS) (Die Presse)

Die französischen Medien überschütten den neuen Staatspräsidenten mit Lob. François Hollande hat in den ersten Tagen einen raschen Start hingelegt. Doch die wirklichen Probleme stehen ihm erst bevor.

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Berlin, Washington, Camp David, Chicago, Brüssel, Kabul... François Hollande sammelte in den ersten zehn Tagen seiner Präsidentschaft Meilen mit seinem diplomatischen Reiseprogramm. Dieser „Fliegende Holländer“ mit französischem Pass versucht offenbar, Politik mit Düsenantrieb zu machen. Die Gegner und Kritiker zu Hause in Frankreich können gar nicht glauben, dass dieser linke und scheinbar linkische Provinzpolitiker aus der ländlichen Corrèze, dem alle einen geradezu peinlichen Mangel an internationaler Erfahrung nachgesagt hatten, sich zumindest bisher noch überhaupt nicht danebenbenommen hat.

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel musste ihm bei seinem Besuch in Berlin zwar diskret seinen Platz auf dem roten Teppich bei der Abnahme der Ehrengarde weisen, aber sonst war das Debüt frei von Patzern und Pannen. Die französischen Medien waren so wie die Auslandspresse fast durchwegs voll des Lobs.

Hollande wird in Frankreich als „Pudding“ bezeichnet. Der deutschen Kanzlerin gegenüber blieb er aber hart und bemühte sich, andere europäische Partner für seine Idee einer Wachstumsstimulierung zu begeistern. Er zwang Merkel, sich plötzlich für eine Politik zu rechtfertigen, die kurz zuvor noch als Konsens galt. Sogar für die Griechen wird Hollande, der sich von Merkels Sparpolitik absetzt, dem Vernehmen nach zum Hoffnungsträger.

Außenpolitik à la Sarkozy. Frankreichs Fernsehen zeigte ihn auch in kumpelhafter Kameradschaft mit US-Präsident Barack Obama, der seinen Freund Sarkozy schon vergessen zu haben scheint. Bei den Nato-Verbündeten sorgte Hollande zu Beginn zwar für Irritationen, als er ankündigte, die französischen Kampftruppen bis Ende des Jahres aus Afghanistan abzuziehen. Das Thema war aber wieder rasch vom Tisch und zumindest öffentlich wurde Hollande nicht lange gezürnt.

Hat eigentlich niemand bemerkt, dass Hollande in mancher Hinsicht seinen Vorgänger kopiert, vom dem er sich sonst so deutlich abgrenzen will? Die Partner mit solchen „faits accomplis“ vor vollendete Tatsachen stellen zu wollen, das war doch die Hausmarke von Nicolas Sarkozy. In der Außenpolitik kann sich Hollande zudem auf dieselben Experten im Ministerium am Quai d'Orsay stützen. Mit dem Ex-Regierungschef Laurent Fabius hat er zudem einen sehr erfahrenen Außenminister an der Seite, der ihm seine Unerfahrenheit auf dem internationalen Parkett auszugleichen hilft.

Hohn über Lobeshymnen. „Kein Misston. Bisher fehlerfrei“, attestiert dem Präsidenten zu seinem rasanten Auftakt respektvoll auch der immer sehr kritische Chefredakteur des Magazins „Le Point“, Franz-Olivier Giesbert. Er macht sich aber gleichzeitig über die naiven Journalistenkollegen lustig. Ihren Lobeshymnen zufolge könnte man meinen, Hollande schwebe (wie ein Heiland) übers Wasser und verheiße allerhand Wunder, spottet Giesbert. „Wie wenn es genügen würde, auf die Resultate des Hollande-Effekts zu warten, damit die Eurozone wieder zum Wachstum zurückfindet.“ Doch in Wirklichkeit dürften da diese Gutgläubigen lange warten. Der „Albtraum“ der Realpolitik werde nämlich für Hollande erst beginnen, wenn er angesichts der Sachzwänge – sprich Finanzprobleme – die Umsetzung seiner innenpolitischen Wahlversprechen verschieben und zuletzt wohl darauf verzichten werde müssen.

Vertrösten auf später. Als ihn seine Mitstreiter während der Wahlkampagne auf einige seiner schwer realisierbaren Versprechen ansprachen, erwiderte Hollande stets: „Das werden wir später sehen. Zuerst müssen wir gewinnen.“ Dieses Etappenziel hat er erreicht. Als Nächstes packte er die leichten Dinge an, die seiner Popularität keinen Abbruch tun können: Für die Senkung der Ministergehälter um 30 Prozent war ihm Applaus der Bevölkerung sicher. Bei der Regierungsbildung schaffte er es, nicht nur die Geschlechterparität einzuhalten. Er achtete auch auf Ausgewogenheit bei kultureller Herkunft und politischen Strömungen in der Sozialistischen Partei.

Ein geschickter Schachzug war die Nominierung von Jean-Marc Ayrault, der als ehemaliger Deutschlehrer vor allem in Deutschland geradezu mit Vorschusslorbeeren überschüttet wurde. Hollandes einzige wirkliche Rivalin, die bei den Nominierungen übergangene sozialistische Parteichefin Martine Aubry, muss ihm aber Loyalität schwören. Denn Mitte Juni stehen die Parlamentswahlen bevor, und ohne Mehrheit stünde Hollande machtlos da, wenn die wirklichen Schwierigkeiten – und damit die eigentliche Bewährungsprobe – beginnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2012)

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14 Kommentare
Gast: meidlinger12
28.05.2012 10:36
5

Hollande sieht man seine Unsicherheit an.

Hollande ist ein armes Würstchen, ohne seiner Lebensgefährtin, die ihn mit Brachialgewalt über die Zeitung "Match" und ihrer eigenen Politsendung, zum Präsidenten herbeischrieb und lauthals rief, bleibt er doch in Wahrheit ein kleiner, eitler Provinz-Politiker.

politics is show business

for ugly people!

Er hat 100 Tage

Jedem eine Chance !

Gast: Brennstein2
27.05.2012 17:11
4

Neuer Mesias

Wie schon derHhr. Obama gezeigt hat - alles Bla Bla - wird auch der Hr. H. von der Realität entzaubert werden. Leider sind die Menschen so dumm dass sie immer wieder auf Dampfplauderer und Visionäre oder einfach auf Scharlatane reinfallen. Der Tanz ums Goldene Kalb ist einfach schöner als die brutale Realität.

Re: Neuer Mesias

Und wenn schon ... ist doch nichts verloren.

Hauptsache der Schein bleibt gewahrt, wir hätten Demokratie.

Gast: M a g d a l e n a
27.05.2012 14:22
0

Er soll seine Chance bekommen.

Er soll seine Chance bekommen. Eines muss aber bedenklich stimmen. Er soll ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare angekündigt haben. Wenn damit nicht nur die Stiefkindadoption sondern auch die gemeinschaftliche Adoption von "fremden" Kindern gemeint sein soll - sowie beispielsweise von der SPÖ / Grünen in Österreich vehement gefordert - dann gehört dieser Herr zur Schar von linken Politikern die kein Problem damit haben die Rechte von Kindern zu beschneiden damit homosexuelle Erwachsene mehr "Rechte" haben dürfen. Dies mag zwar von vielen nur als Randthema wahrgenommen werden, zeigt aber gut wie Personen trotz mangelnder moralischer Integrität es schaffen höchste Ämter zu bekleiden. In Österreich müssen wir derzeit damit leben, das der Gesundheitsminister und die Frauenministerin nicht über ausreichend moralische Substanz verfügen um bedingungslos für die Rechte und Bedürfnisse von schutzbedürftigen Kindern einzustehen sondern sich lieber auf der Seite homosexueller Erwachsener stellen. Im Falle vom Hollande bleibt abzuwarten ob auch er beabsichtigt die völlige "Gleichstellung" mit der Ehe umzusetzen auf Kosten der Kinderrechte.

Gast: hugermoser
27.05.2012 12:48
1

das schmerzt das schwarze

Kämpferherz, der über Jahre mühsam aufgebaute
Rufmord erweist sich als schlicht erlogen. Na ja, so sind sie halt,die Christlichen.

Gast: daswars
27.05.2012 12:35
0

Beurteilung

Also, ich wuerde da doch erstmal abwarten bevor ich in Lobhudeleien ausbreche.
Versprechen kann man viel und verlangen von anderen Steuerzahlern noch mehr. Aber aus Erfahrung weiss ich, dass die meisten dieser "hochgejubelten Wunderkinder" an der Realitaet zur richtigen Groesse schrumpfen.

Man wird ja sehen, was er wirklich bewegen kann, ohne den Scherbenhaufen groesser zu machen. Es ist doch so, dass 2 +2 =4 gilt. Wenn man dann von den 4 3 abzieht, bleibt 1 uebrig. Und das ist wohl das Resultat der Aufweichung des Sparkonzepts.

"Er macht sich aber gleichzeitig über die naiven Journalistenkollegen lustig."

über journalisten MUSS man sich ja lustig machen, sie verlangen richtiggehend danach.

wie wäre es, wenn man zb. nochmals die 'journalisten'beiträge in diePresse aus der zeit vor der wahl drucken würde?
der darin prognostizierte weltuntergang ist noch immer nicht eingetreten!

ok, sorry liebe journalisten, ich vergaß: ihr schreibt ja auch nur, was euch aufgetragen wird.
nur weiter so. und tragt vollbart, denn der blick in den spiegel wird täglich schwieriger.

Gast: realis
27.05.2012 07:29
0

reformer

eine linker aparatschik dem die schulreform wirklich am herzen liegt, tausende neue jobs... nur wer soll das bezahlen. frankreich ist mit dem herren endgueltig am ende.

Gast: Gut informiert
27.05.2012 00:30
0

einmal die Parlamentswahlen abwarten

Die sozialistische Partei ist nicht sicher, die Mehrheit zu bekommen. Lustig waere, wenn die Rechte die Mehrheit bekommt, dann muss die neu ernannte Regierung zuruecktreten und Hollande einen Rechtspolitiker mit der Regierungsbildung beauftragen. Und wenn die Partei von Marine Lepen obendrein viele Abgeordnete bekommt, wird vielleicht sogar eine Koalition zwischen UMP und FN regieren. Das waere noch lustiger. Das wuerde bestaetigen, dass die Franzosen nicht Sarkozy moegen, als Person, aber seine Rechtspolitik schon

hochmut

kommt vor dem fall!

Ein rotes Schaf im weißen Schafspelz

macht viele graue Schafe glücklich.

Das Ende wird jenes aller Sozis sein:
"Es wird ihnen das Geld anderer Leute ausgehen."

Gast: Lukas
26.05.2012 19:07
6

die Linken haben noch ihre helle Freude an Hollande

das Erwachen ist aber unausweichlich. Wirtschaftswachstum auf Pump war die Ursache der Wirtschaftskrise. Mit Methoden von vorgestern wird die Zukunft in einer veränderten Welt nicht zu meistern sein.

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