Russland: Der Widerstand gegen Putin lebt

12.06.2012 | 18:08 |  Von unserem Korrespondenten EDUARD STEINER (Die Presse)

Trotz massiver Einschüchterungsversuche seitens der Behörden gingen am Dienstag 100.000 auf Moskaus Straßen. Der Kreml-Chef sieht einem heißen Herbst entgegen. Putin ist die Proteste alles andere als los.

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Moskau. Der Wettergott der Orthodoxen Kirche, die ihrerseits ja immer hinter den jeweils aktuellen Machthabern steht, schlug sich am Dienstag offensichtlich auf die Seite der Putin-Gegner: Am Vormittag regnete es, am späten Nachmittag schüttete und blitzte es gar. Nur für die Zeit des Protestmarsches dazwischen brannte die Sonne vom Moskauer Himmel und verwandelte die Feuchtigkeit in ein städtisches Treibhausklima mit gefühlten 35 Grad.

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Vor allem die 12.000 Sicherheitskräfte schwitzten schlimm in ihren Uniformen. Unter ihnen kokettierende Jungabsolventen der Polizeischule, die den Anschein sanfter Gewalt verströmen sollten. Die „härteren Jungs“ der Sondereinheiten, zuletzt wiederholt aktiviert, hielten sich im Hintergrund.

Zu eindrucksvoll gefüllt war offenbar der Vordergrund. Zehntausende Demonstranten wälzten sich den Boulevard entlang bis zur Straße des Sowjetdissidenten Andrej Sacharow. „Wir trainieren die Muskeln der Zivilgesellschaft“, erklärte ein 48-jähriger Teilnehmer namens Oleg, der mit seiner fünfjährigen Tochter gekommen war: „Die Kinder sollten von klein auf lernen, was es heißt, Bürger zu sein.“

 

Kontraproduktive Härte

Dass am Dienstag nicht 18.000 Menschen auf der Straße waren, wie die Behörden behaupteten, sondern bis zu 100.000, wie nicht nur die Organisatoren, sondern auch der weniger fälschungsverdächtige Menschenrechtsbeauftragte des Kreml festhielten, ist ein klares Statement dafür, dass Putin die Proteste alles andere als los ist. Dabei schien, dass von der heterogenen Zusammensetzung der seit der Parlamentswahl im Dezember 2011 laufenden Proteste nur noch die radikaleren Gruppen am linken oder rechten Rand übrig geblieben waren, und sich bei den übrigen Apathie breit macht.

Letztlich kam es anders. Das Wiedererstehen der Proteste gegen zwölf Jahre Demokratieabbau verdankt sich freilich nicht so sehr einer Dynamik in der Protestbewegung selbst, sondern vielmehr dem ungelenken Verhalten einer Elite, in der der kompromisslose Flügel die Oberhand gewonnen hat. Im Eiltempo nämlich wurde in der Vorwoche ein Gesetz verabschiedet, das drastische Strafen für Verstöße gegen die Demonstrationsordnung vorsieht.

Am Montag legten die Behörden nach und durchsuchten die Wohnungen von mehreren Oppositionsführern. Am Dienstag wurden Internetseiten unabhängiger Medien durch Cyberattacken lahmgelegt. „Die Machtelite glaubt, die Proteste mit harten Schlägen abwürgen zu können“, sagt der Politologe Alexej Makarkin: „Aber sie spürt nicht, dass sie den gegenteiligen Effekt erzielt und die Opposition eint.“

 

Protest erhält soziale Dimension

In der Tat: Ein Blick auf den Demonstrationszug von Dienstag zeigte, dass neben den radikaleren Gruppen die gemäßigte Mittelschicht mit ihren Repräsentanten aus der Schriftsteller-, Wissenschafts- und Unternehmerzunft zurückgekehrt ist. Im „Manifest eines freien Russland“ fordern sie ein neues Wahlgesetz und kündigen die Gründung eines überparteilichen Rates zur Organisation künftiger Proteste an. Schon im Herbst könnte es laut Makarkin heiß für Putin werden, weil der Protest aufgrund von Sparmaßnahmen einen zunehmend sozialen Charakter erhält.

„Ich bin extra vom Land gekommen“, erzählt ein 75-jähriger Pensionist. Der Grund sei aber nicht das Soziale gewesen, sondern der zunehmende Druck von oben. „Wie heißt das Sprichwort? Das Tote hält das Lebendige im Griff.“ Das „Tote“ sei die ängstliche Rückwärtsgewandtheit des Establishments, dessen Psychogramm in der instabilen Zeit der Perestroika vor 25Jahren gebildet worden sei, erklärt Makarkin. Nicht zufällig wiederholte Putin anlässlich des gestrigen Nationalfeiertages sein Mantra, Russland müsse den Weg der Evolution und nicht der Revolution gehen.

„Eben“, meinte Gleb Jakunin, Priester, Sowjetdissident und Abgeordneter der Wendezeit, auf der Demonstration: „Sehen Sie die viele Jugend hier. Wenn Putin keinen Dialog mit ihr findet, ist sein Regime dem Untergang geweiht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2012)

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22 Kommentare
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Sehnsucht nach Besuffski

offentsichtlich haben die sog.Demonstranten alle Sehnsucht nach Besuffski! vergessen ,wie das Land und seine Reichtümer unter Besuffski verhökert wurden und eine Handvoll Gauner innerhalb kürzester Zeit Milliarden scheffelten. Vielleicht wollen die alle einen neuen Besuffski???

Gast: Gerhard Schröder
13.06.2012 09:57
1 0

Trotz massiver Einschüchterungsversuche

Aber geh, Blödsinn !

Mein Männerfreund ist ein lupenreiner Demokrat.

Der Widerstand

gegen Putin wird vom Westen finanziell am Köcheln gehalten. Die diktatorische EU-Presse hetzt unisono gegen Russlands legitime Regierung.

Antworten Gast: ido
13.06.2012 10:09
1 0

Re: Der Widerstand

ah ja, die diktatorische EU, und der lupenreine Demokrat Putin, so lob ich mir das.

Medien zu hinterfragen ist eine Sache, ohne irgendwelche Belege einfach davon auszugehen das alles was nicht passt erlogen ist, eine andere. Oder hast du seriöse Quellen für das Gesagte? Denn alle Zeitungen ankreiden, und einem speziellen x-beliebigen Medium bzw. Blogger im Internet zu mehr Glauben zu schenken, wäre sehr unseriös....

Re: Re: Der Widerstand

Man kann natürlich auf diese Weise die Fakten ignorieren und den Kopf einfach in den Sand stecken. Was Sie treiben, ist pure Dialektik: "die diktatorische Eu und der lupenreine Demokrat Putin".

Antworten Antworten Antworten Gast: ido
13.06.2012 13:55
0 0

Re: Re: Re: Der Widerstand

Was ich hier betreibe ist vor allen Dingen Sarkasmus. Hast du dein eigenes Posting nicht mehr im Kopf, die "diktatorische EU" kommt von dir...

PS: wenn du Fakten hast solltest du sie auf den Tisch legen, und nicht hier (anscheinend?) ahnungslos polemisieren.

Gast: Wum&Wendelin
13.06.2012 02:11
1 0

Das o.g. Foto zum Artikel scheint mir klug gewählt

Runder Wohlstandsbauch (Kein am Hunger-und Dursttuchnagender sehr wahrscheinlich) und die drohende Kommunistenfaust, die uns auf immer mehr Bildern rund um den Globus entgegengestreckt wird. Da weiß man doch gleich, woher der Wind weht. Von "rechts" oder bürgerlicher Seite jedenfalls nicht.

Gast: großeTochter
12.06.2012 23:06
2 1

Der Widerstand gegen die EU Diktatoren lebt auch!

Aber leider bis jetzt nur im Internet.

Antworten Gast: ido
13.06.2012 07:59
1 1

Re: Der Widerstand gegen die EU Diktatoren lebt auch!

Ein paar frustierte, pöbelnde EU-Verlierer in div. Foren als Widerstand zu bezeichnen, halte ich ehrlich gesagt für übertrieben.

Gast: Gut informiert
12.06.2012 22:56
3 2

eine Luege

Es waren nicht einmal 20 000. Warum luegt der Westen dauernd ueber Russland. Wahrscheinlich waren mehr Auslaender und Journalisten als Russen.

Antworten Gast: ido
13.06.2012 08:00
1 0

Re: eine Luege

ich wette du warst dort und hast gezählt?

Re: Re: eine Luege

das geht auch einfacher...

z.B. die Parteilinie verlassen und sich von anderen Quellen Informationen besorgen...

Guckst du!

http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-demonstration-gegen-putin-in-moskau-a-838485.html

oder

http://www.focus.de/politik/ausland/massenproteste-in-moskau-zehntausende-fordern-russland-ohne-putin-_aid_766199.html

oder

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-06/putin-demonstration-razzien

oder ganz anders...

http://www.aktuell.ru/russland/panorama/marsch_der_millionen_endet_ohne_zwischenfaelle_3534.html

aber ich bin mir sicher, DU bist einer der "300.000" die gestern gegen den Graf demonstriert haben... :D

Antworten Antworten Antworten Gast: ido
13.06.2012 10:19
0 0

Re: Re: Re: eine Luege

Nein bin ich nicht. Du gehst nicht auf das ein was ich gesagt habe, sieh dir dazu den Originalpost an.

Versteh mich nicht falsch, man kann viel anzweifeln, und das die 100000 lt. Presse nicht stimmen, glaub ich gerne, besonders leicht Dank deiner Links.

Wenn sich aber jemand wie "Gut informiert" herstellt und sagt "Es waren nicht einmal 20 000. Warum luegt der Westen dauernd ueber Russland. Wahrscheinlich waren mehr Auslaender und Journalisten als Russen.", ist das einfach nur uninformiert und an den Haaren herbeigezogen, wie auch deine Links wieder bestätigen.

Man kann Dinge wiedergeben, mit Quellen belegen, und eine Diskussion starten. Aber sich herstellen und herumlügen was einem gerade passt, und weil man im Forum polemisieren will, ist lächerlich und unterdrückt jede sinnvolle Diskussion.

Daher mein eher sarkastisch zu verstehender Kommentar...

der Widerstand lebt ... aber nur von einer Minderheit

fast alle Medien berichten (wider besseren Wissens) negativ über Putin. Ich selbst war erst einige Tage in Russland und habe mich bei verschiedensten RussInnen über Präsident Putin erkundigt.
Jede Person bestätigte mir, dass er (wenn es vielleicht nicht 65% waren) JEDENFALLS über 50% Befürwortung der russischen Bevölkerung bekommen hat.
Putin hat extrem viel Positives in diesem Land durchgesetzt und in einem Land mit so hoher Korruption braucht es einfach einen starken und (so hoffe ich wirklich sehr) ehrlichen Mann, der sein Land und seine Landsleute liebt. Dieses Land wird für die EU noch einen sehr, sehr hohen Stellenwert einnehmen.
Und auch Herrn Gorbatschow werden fast alle Russen (ausser den ewigen, meistens etwas faulen Kommunisten) in 30 Jahren sehr dankbar sein, diesen - sicherlich sehr schweren - Weg beschritten zu haben. Jelzin war leider nur ein dummer Handlager der heutigen Oligarchen.

Re: der Widerstand lebt ... aber nur von einer Minderheit

haha putin und ehrlich? sie haben sich wahr. vertan!^^

Garry Kasparov

nahm am letzten Bilderberg-Treffen teil.

Die Opposition würde Russland ausverkaufen.

Gast: WienerGast
12.06.2012 18:49
2 1

Gefährliche Tendenz !

Wir leben in einer Zeit wo eine tw. gewaltbereite Minderheit über eine Mehrheit bestimmen möchte und ihr das, bei entsprechender Einmischung von Aussen, sogar gelingt, siehe Ägypten, Lybien, usw. !!!
Ich finde das eine gefähliche Entwicklung. So sehr ich Meinungsfreiheit befürworte, so ist es wie in diesem Fall undemokratisch. Das Volk hat Putin gewählt, und zwar ganz eindeutig !!! Einer Minderheit passt das nicht und was soll Putin jetzt machen ? Wegen der kleinen Minderheit die Wahl durch die Mehrheit ignorieren ??? Die Stadt, das Land, durch die Minderheit lahmlegen lassen ? Er kann eigentlich nur hart durchgreifen, dann kommt aber postwendend das Wehklagen der Demonstranten und die Mahnung (Sanktion ?) von aussen !

Gast: Wettbüro
12.06.2012 17:51
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Wetten daß?

Wenn der Putin einem Angriff auf Syrien/Iran zustimmt ist es schlagartig aus mit den Demonstrationen....

Gast: Hammvieh
12.06.2012 17:36
6 1

Klingt ja dramatisch

In einer Stadt mit zehn Millionen Einwohnern ist das aber trotzdem nur ein Zwergenaufstand.

Re: Klingt ja dramatisch

Laut Wikipedia sogar 11,5 Mio. Das ist nochmal Wien dazu :)
Aber ganz ernsthaft: das ist absolut lächerlich, wie diese Demonstrationen von der westlichen Presse gepusht werden.
Und 100.000 ist wirklich maßlos übertrieben.

Gast: Yuri sagt.....Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten!
12.06.2012 17:00
0 0

"Putin ins Gefängnis"???.....

...das wird aber Ba schar al-Assad nicht zulassen:o((

Gemäßigte Staatsmacht in Moskau

Mit dem gewählten Dialog und der Umgangsform erscheint die Russische Staatsmacht gegenüber den Vorgehensweisen der US-Polizeibehörden gegenüber Occupy-Protestanten sehr gemäßigt.

Quelle:
http://www.youtube.com/watch?v=nMCPE-q9XR4&feature=related

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