Ausschreitungen in Tunis: Polizeiposten attackiert

12.06.2012 | 20:34 |   (DiePresse.com)

Kriminelle und Salafisten griffen Verwaltungsgebäude an, dutzende Menschen wurden verletzt. Die Regierung vermutet eine "organisierte" Aktion.

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Bei mutmaßlich gelenkten Ausschreitungen in der tunesischen Hauptstadt Tunis sind insgesamt mehr als hundert Menschen verletzt und rund 90 festgenommen worden. Mehrere Gruppen von Randalierern, darunter Salafisten, attackierten in der Nacht zum Dienstag öffentliche Gebäude und Polizeiwachen, wie das Innenministerium mitteilte.

Im Westen der Hauptstadt seien ein Gerichtsgebäude angegriffen und Büros der Staatsanwaltschaft angezündet worden, erklärte das Innenministerium. Im Norden von Tunis wurden demnach mehrere Polizeiposten attackiert. Die Sicherheitskräfte hätten Tränengas gegen die Angreifer eingesetzt. Unter den Verletzten seien 65 Polizisten, sagte ein Ministeriumssprecher. Betroffen waren mehrere Stadtteile und Vorstädte. Der schwerste Vorfall ereignete sich in Essijoumi, wo das Gericht angegriffen wurde und das Büro der Staatsanwaltschaft vollständig niederbrannte.

Unter den Randalierern seien sowohl "Kriminelle" als auch radikalislamische Salafisten gewesen, teilte das Ministerium weiter mit. Justizminister Nourredine Bhiri verurteilte den Angriff auf das Gerichtsgebäude als "terroristischen Akt". Generalstaatsanwalt Amor Ben Mansour sagte, der Angriff auf das Gericht sei besonders schwerwiegend, weil er sich gegen die Souveränität des Staates richte. Innenministeriumssprecher Khaled Tarrouche sagte, der etwa zeitgleiche Ausbruch der Gewalt an mehreren Orten lassen eine "organisierte" Aktion vermuten.

Im Westen der Stadt beobachtete ein AFP-Fotograf, wie Randalierer versuchten, in den Palast Abdellia einzudringen. Dort wird die Ausstellung "Frühling der Kunst" gezeigt, die von Islamisten als islamfeindlich und blasphemisch betrachtet wird. Bereits in der Nacht zum Montag waren Unbekannte in den Palast eingedrungen und hatten mehrere Bilder zerstört. Die Mauern des Museums waren mit Parolen wie "Allahu Akbar" und "Ungläubige haben hier keinen Platz" beschmiert.

Die radikale salafistische Bewegung Ansar Al Scharia bestritt jede Verwicklung in die Ausschreitungen. Zugleich rief sie "alle Tunesier" nach dem Freitagsgebet zu Protesten gegen Verunglimpfungen der Religion auf. Der radikale Imam Abou Ayoub forderte im Online-Sozialnetzwerk Facebook einen "Aufstand". Ayoub hatte 2011 für Aufsehen gesorgt, als er zum Angriff auf den Fernsehsender Nessma aufgerufen hatte, weil dieser einen ihm unislamisch erscheinenden französisch-iranischen Film ("Persepolis") gesendet hatte.

Die islamistische Ennahda-Partei, die in der verfassunggebenden Versammlung die Mehrheit hat, nutzte die Gelegenheit für die Ankündigung, sich für einen Verfassungspassus stark zu machen, der Verletzungen des "Heiligen" verbietet.

(Ag.)

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