Jannis Gkovas ist unterwegs, jeden Tag, unermüdlich. Er kämpft für die Hoffnung. Für die Hoffnung, die für ihn „nur Syriza bringen kann“, die radikale Linksallianz, die bei der Wahl vom 6.Mai erdrutschartig zur zweitstärksten Kraft geworden ist.
Die Kraft, die die Verträge mit den Kreditgebern aufkündigen, die Hilfszahlungen und den Euro aber dennoch beibehalten will. Die Kraft, die die sozialistische Pasok fast zerschlagen hat. Auch Gkovas, 57, hat ihr den Rücken gekehrt – nach mehr als dreißig Jahren Parteizugehörigkeit. „Wie Glücksritter hat die Pasok-Spitze habgierig die ganze Gesellschaft in die Katastrophe geführt“, kritisiert er seine Kampfgefährten von gestern. Im Wechsel mit der konservativen Nea Dimokratia hätten sie das Land mit ihrem Klientelsystem in die Schuldenkrise geführt und dann an die Kreditgeber verkauft: „Das Ergebnis ist Verzweiflung, Verelendung, Depression und eine zerstörte Zukunft für die Jugend“, sagt Gkovas.
Seine Heimat Patras, eine Hafen- und Industriestadt, war eine Pasok-Hochburg. In den Arbeitervierteln erzielten die Sozialisten zu besten Zeiten 80 Prozent. Am 6.Mai rutschten sie auf Platz drei, Syriza kam auf Platz eins.
Das Land stürzt immer weiter in die Rezession, Gehälter und Pensionen sind bis zu 30 Prozent gekürzt worden, die Arbeitslosigkeit ist über die 20-Prozent-Marke gestiegen, bei der Jugend gar auf mehr als die Hälfte. Täglich schließen Geschäfte und Kleinfirmen.
33 Betriebe hat Steuerberater Gkovas im vergangenen Halbjahr abgewickelt. In Taraboura, dem Arbeiterviertel von Patras, wissen viele Menschen nicht ein noch aus. Ihnen versprechen Syriza und ihr junger Chef Alexis Tsipras vor allem Hoffnung. Hoffnung, dass es irgendwie wieder besser wird. Hoffnung, dass es wieder so wird wie früher.
Nicht zuletzt das dürfte der Grund dafür sein, dass führende Gewerkschafter der Pasok scharenweise überlaufen. Gerade die, die dreißig Jahre in einem Filz von Seilschaften den Staatsapparat aufgebläht, jede Reform verhindert und vom Klientelsystem gelebt haben: „Ein Rettungsversuch“, mutmaßt Adonis Karakousis, Chefredakteur der Zeitung „To Vima“: „Sie denken, dass sie so eine neue Pasok schaffen können. Damit verweigern sie die Mitverantwortung an dem, was passiert ist.“
Diese im Grunde rückschrittlichen Kräfte seien es, die alle Warnungen, eine Aufkündigung der „Memoranden“ mit den Kreditgebern führe in den Staatsbankrott und damit zur Rückkehr zur Drachme, als „verlogene Erpressung“ in den Wind schlagen.
Rückfall um 50 Jahre. „Diejenigen, die von einer Aufkündigung sprechen, sind wie Kinder, die mit Streichhölzern in einem Munitionslager spielen“, sagt Antonis Samaras, Chef der konservativen Nea Dimokratia. Er hat versucht, den Wahlkampf auf die Formel „mit uns im Euro oder mit Syriza zurück zur Drachme und in die Katastrophe“ zuzuspitzen. Der Lebensstandard würde um zwei Drittel fallen, das Land 50 Jahre zurückgeworfen, warnte er eindringlich am Freitagabend zum Abschluss des Wahlkampfes.
Tatsächlich werden wohl viele, die um den Euro besorgt sind, für Samaras stimmen. Jene Unternehmerin etwa, die „diesen unfähigen Opportunisten“ wählen wird, weil sie die „gefährlichen Positionen“ der Syriza nicht unterstützen kann. Samaras hatte aus taktischen Gründen erst die Unterschrift unter die Memoranden verweigert, im November 2011 aber eine Kehrtwende gemacht. Bei der Wahl im Mai brach seine Nea Dimokratia ein, es kam nicht einmal eine Regierung zustande. Deshalb wird heute nochmals gewählt. „Samaras hat weder eine Vision noch ein wirkliches Programm“, meint die Unternehmerin: „Aber er verschafft uns vielleicht eine Atempause.“
Ohne milliardenschwere Hilfskredite wäre Griechenland bereits Ende Juni zahlungsunfähig. Die Folge wäre der Zusammenbruch des Bankensystems, Gehälter und Pensionen könnten nicht mehr bezahlt werden, die Versorgung mit Energie, Treibstoff, Medikamenten, aber auch Nahrungsmitteln wie Fleisch wäre nicht mehr garantiert. Am Samstag kündigte die deutsche Pharmafirma Biotest an, Griechenland wegen ausstehender Zahlungen in Millionenhöhe nicht mehr zu beliefern. Auch die Gewalt nimmt rapide zu. Von Überfällen bedrohte Bürger greifen immer öfter zur Selbstjustiz, wie ein Student, der einen Einbrecher mit dem Messer an der Kehle seiner Mutter ertappte und erschoss.
Lukas Tsoukalis, Leiter der griechischen Stiftung für europäische Politik war immer ein Verfechter der Strukturreformen: „Aber was können die Reformen, die ohnehin erst mittelfristig greifen, ausrichten, wenn kein Geld mehr da ist, wenn nichts mehr produziert werden kann? Wenn das BIP bis Ende 2012 um 20 Prozent im Vergleich zum Beginn der Krise eingebrochen sein wird?“ Wenn diese Entwicklungen so weitergingen, „wird Griechenland den Weg in die Hölle vorzeichnen, auch für das übrige Europa“. Unabhängig davon, wer heute die Wahl gewinnt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)
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