26.05.2013 05:17 Merkliste 0

Regierungschef unter Plagiatsverdacht

19.06.2012 | 18:12 |  Von unserem Korrespondenten THOMAS ROSER (Die Presse)

Rumäniens neuer Premier ist in einen Plagiatsskandal geschlittert. Der Jurist Victor Ponta soll ein Drittel seiner Dissertation abgeschrieben haben. Doktorvater der Arbeit war der einflussreiche Expremier Nastase.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Belgrad/Bukarest. Lange galten akademische Weihen für ehrgeizige Politiker als unerlässliches Sesam-öffne-Dich auf dem zielstrebigen Weg nach oben. Inzwischen entpuppt sich der mühsam erworbene Doktortitel für populäre Würdenträger zunehmend als tückische Karrierefalle. Nach Deutschlands wegen Abschreibens gestrauchelten Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Ungarns aus dem Präsidentenamt verstoßenen Pál Schmitt ist nun auch noch Rumäniens neuer Premier Victor Ponta in einen Plagiatsskandal geschlittert.

Laut Recherchen des Wissenschaftsmagazin „Nature“ soll der 39-jährige Jurist ein Drittel seiner 2003 an der Universität Bukarest eingereichten Dissertation über den Internationalen Strafgerichtshof aus britischen Publikationen abgeschrieben und fast wortwörtlich ins Rumänische übersetzt haben. Von „überwältigenden Beweisen“ für ein Plagiat spricht bereits Marius Andruh, der Präsident des rumänischen Rats zur Anerkennung von Universitätsdiplomen. Der erst Anfang Mai vereidigte Regierungschef der sozialdemokratischen Partei PSD räumt zwar mittlerweile ein, nicht alle verwendeten Autoren mit Fußnoten erwähnt zu haben, doch habe er sie im Literaturverzeichnis seiner Arbeit aufgeführt – und werde sich allen Vorwürfen stellen.

 

Prominenter Förderer

Der Doktorvater von Ponta war sein damaliger Chef: Als Staatssekretär des damaligen Premiers Adrian Nastase hatte der heutige Regierungschef vor neun Jahren sein 432 Seiten starkes Werk mit dem Titel „Der Internationale Strafgerichtshof, Geschichte und Realität“ im Nebenjob geschnitzt. Nastase gilt nach wie vor als „Graue Eminenz“ der Sozialdemokraten, Ponta als sein Zögling.

Obwohl Ponta beteuert, dass er bereit sei, für mögliche Fehler zu „bezahlen“, wittert er hinter dem durch einen anonymen Informanten enthüllten Plagiatsskandal ein „politisches Manöver“ seines Gegenspielers, dem konservativen Staatschef Traian Basescu.

Sollte auch Ponta, der zuletzt in Meinungsumfragen kräftig zugelegt hat, über Schummeleien bei der Dissertation straucheln, wäre er mit diesem Schicksal in seiner Heimat zumindest nicht allein. Wegen Plagiatsvorwürfen hatte Mitte Mai Bildungsminister Ion Mang den erst eine Woche zuvor übernommenen Amtssessel frühzeitig wieder räumen müssen.

Noch kürzer war die Karriere der ursprünglich für das Amt vorgesehenen Corina Dumitrescu. In ihrem mit zahlreichen Schreibfehlern gespickten Lebenslauf hatte die designierte Ministerin sich mit falschen Federn der renommierten Stanford University geschmückt – und musste noch vor ihrer Vereidigung auf ihr noch gar nicht angetretenes Amt verzichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web