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Ägypten: „Militär will mit Mubaraks Krankheit ablenken“

20.06.2012 | 18:34 |  Von unserem Mitarbeiter MARTIN GEHLEN (Die Presse)

Der abgesetzte Präsident soll im Sterben liegen. Doch viele Ägypter trauen diesen Meldungen nicht. Weitere Proteste gegen den Militärrat und dessen jüngste Selbstermächtigung bei der Auflösung des Parlaments.

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Kairo. Plötzlich schallte Jubel über den Tahrir-Platz. Aus tausenden Kehlen waren die Schreie zu hören, Feuerwerksraketen jagten in den schwülen Nachthimmel. Einige der Menschen auf dem Platz vollführten kurze Freudentänze, andere lagen einander in den Armen, wieder andere dagegen reagierten still und betreten. Hosni Mubarak sei klinisch tot – wie ein Lauffeuer verbreitete sich am Dienstag eine Stunde vor Mitternacht die Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Mena auf dem legendären Kreisverkehr im Herzen der ägyptischen Hauptstadt. Mehrere Zehntausend hatte sich dort eingefunden, überwiegend Muslimbrüder und Salafisten, um gegen die Auflösung des Parlaments, gegen den Obersten Militärrat und dessen jüngste Selbstermächtigung per Dekret zu protestieren. „Nieder mit der Militärherrschaft“, skandierte die Menge und „Das Parlament ist rechtens“. Andere schworen „beim Blut der Märtyrer, wir werden eine neue Revolution machen“. Zahlreiche Eltern hatten ihre Kinder mitgebracht, viele ließen sich die Farben der ägyptischen Flagge auf die Backen malen, andere trugen Fotos von Mohammed Mursi, dem wahrscheinlichen Sieger im Rennen um das Präsidentenamt.

 

Herzinfarkt und Blutgerinnsel im Gehirn

Nach Mitternacht sahen sich Militärrat und Innenministerium genötigt, die Meldungen zu Mubaraks „klinischem Tod“ zurechtzurücken. „Alles Unsinn“, sagte General Said Abbas. Sein Kollege General Mamdouh Shaheen erklärte, der 84-jährige Ex-Präsident habe einen Herzinfarkt erlitten und ein Blutgerinnsel im Gehirn. Am Mittwochnachmittag gaben die behandelnden Ärzte dann vorerst Entwarnung. Der Ex-Präsident sei nicht in einem tiefen Koma, seine Organe funktionierten, ließen sie durchsickern. Und so wächst bei den verunsicherten Bürgern Ägyptens wieder einmal der Verdacht, das Drama sei inszeniert worden, um Mubarak nach 17 Tagen Haft ohne öffentliche Proteste aus dem Toragefängnis herauszubekommen, in dem er seit 2.Juni inhaftiert ist.

„Alles nur ein Medienspektakel, um die Aufmerksamkeit von den neuen Verfassungsartikeln des Militärs abzulenken“, meinte eine Demonstrantin. „Wir werden den Tahrir erst wieder verlassen, wenn der Oberste Militärrat ohne Wenn und Aber zurückgetreten ist.“ Denn die Aktivisten der Demokratiebewegung fürchten, von den Generälen um die Früchte ihrer Revolution betrogen zu werden. Die Muslimbruderschaft dagegen sieht sich vor einer totalen Konfrontation mit den Militärherrschern und Netzwerken des alten Regimes. Diese nämlich sehen nun ihre Chance gekommen, endlich mit dem „revolutionären Spuk“ aufzuräumen und scharen sich fest um den Gegenkandidaten der Muslimbrüder, Ex-Premier Ahmed Shafik. Dessen Sprecher beharrte darauf, „General Shafik“ habe die Wahl mit 51,5 Prozent gewonnen. Die von den Muslimbrüdern vorgelegten Resultate seien „definitiv falsch“. Die Muslimbrüder dagegen verteilten auf einer Pressekonferenz ein ganzes Kompendium, in dem die Kopien der offiziellen Schlussbilanzen aus allen 27 Gouvernoraten nebst Stempel und Unterschrift der zuständigen Richter zusammengeheftet waren. Am Mittwoch hörte die Hohe Wahlkommission die beiden Kontrahenten persönlich an. Heute, Donnerstag, will sie offiziell den Sieger bekannt geben.

 

Carter: „Einschüchterung durch Armee“

Erklärt sie Shafik zum Präsidenten, haben die Kräfte des alten Regimes wieder die Oberhand. Ägypten wird in neue Turbulenzen stürzen, auch Gewalttaten radikaler Islamisten wie in den Neunzigerjahren sind nicht mehr ausgeschlossen. Wird Mursi Staatschef, steht Ägypten eine schier endlose Zerreißprobe bevor.

Der frühere US-Präsident Jimmy Carter erklärte, er sei tief beunruhigt über „die undemokratische Wende, die Ägypten genommen hat“. Anders als bei der ersten Runde, seien internationale Beobachter bei der Stichwahl „Einschüchterungen durch Militärangehörige ausgesetzt gewesen“. Die Restriktionen diesmal widersprächen „den Grundprinzipien einer glaubwürdigen und effektiven Wahlbeobachtung“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)

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8 Kommentare
Gast: gerd778
21.06.2012 02:35
0 0

Kriegslügen

@from another point of view

Sieh dir mal die Doku. Srebrenica-A town betrayed an.

Gemacht von einem Muslimischen Bosnier.

Gast: gutioma
20.06.2012 15:16
1 0

muserak

Da bundesheinzi liegt auch im koma im geistigen koma

Machtverlust größte Strafe für Mubarak!

Krankheit durch Machtverlust! Ein "diktatorisches Phänomen", das Despoten unter die Erde bringt, soferne es nicht irgendwann vorher die politischen Gegner (Gaddafi und Co.) getan haben. Das Schlimme und für mich so ungerechte an der Sache scheint nur, dass Despoten im Stile eines Gaddafi oder Mubarak eigentlich nie die Konsequenzen für ihre Gräueltaten tragen müssen. Können sie sich nicht mehr halten, werden sie halt krank oder um die Ecke gebracht, was natürlich das Aufarbeiten der Vergangenheit umso schwerer macht. So gesehen kann ich nur hoffen, dass der Machtverlust an sich so tiefgreifend und erschütternd ist, dass gerade dieser der Grund für die Krankheit der Machthaber verantwortlich gemacht werden kann und das wäre dann ja vielleicht auch eine Form der Strafe.....

number4 - ein Hausmeister?


Gast: tc_t
20.06.2012 07:53
5 0

no auch kein problem

sie stopfen ihn halt aus und sperren ihn dann ein

Schicksalsregie

Das unergründbare Schicksal spielt Regie. Bringt Gnade für die EINEN und Bitternis den ANDEREN.

Gast: from another point of view
20.06.2012 07:20
0 1

"Präsidenten" und kranke Welt

Weltweit können sogenannte "Präsidenten" mit ihrem Volk machen, was sie wollen. Vermögensentzug bis Mord und Völkermord. Dann entweder krank und Koma oder mit Milliarden ins Exil. Vor den Augen der UNO, EU, etc. Warum gibts hier keinen Straf- und Sanktionskatalog? Mit klaren Punkten, die exekutiert werden. Oder ist die "Hohe" Politik so weit mit diesen Leuten verhabert, für alle Fälle?!
Es ist eine historische Schande, was in Srebrenica mit Billigung der UNO geschah, und diese Verbrechen werden sich wiederholen bzw sind schon real. Die "First Ladies" werden weiterhin auf der Titelseite von Vogue, etc, sein. Eine kranke Welt!!!

Gast: Henker45
20.06.2012 06:36
0 1

Der Galgen hätte diesem Diktator gebührt

Hat er Glück, wenn er verreckt.

Im Fadenkreuz der Terroristen