Als Anas Schakfeh am Nachmittag des 11.September 2001 einen Anruf entgegennahm, war ihm nicht bewusst, dass für ihn nun härtere Zeiten anbrechen würden. In seinem Büro hatte der damalige Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich keinen Fernseher – und so erfuhr er von seiner Tochter am Telefon, dass gerade zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center gekracht waren. „Ich habe das zuerst in keinster Weise mit uns Muslimen in Zusammenhang gebracht.“
Erst später am Abend, als klar wurde, dass die Attentäter im Namen des Islam gehandelt hatten, wurde Schakfeh die Tragweite der Ereignisse richtig bewusst. „In erster Linie war natürlich erschütternd, wie viele Menschen umgekommen sind.“ In zweiter Linie habe er aber auch schon darüber nachgedacht, welche Folgen das für die Muslime auf der Welt haben könnte – und auch für die Muslime in Österreich.
Tatsächlich habe es in den nächsten Tagen Reaktionen in der Öffentlichkeit gegeben – Muslime seien beschimpft und verdächtigt worden. „Es gab keine Handgreiflichkeiten“, sagt Schakfeh, „aber verbale Angriffe hat es gegeben.“ Immerhin, die Politik in Österreich habe sehr gut reagiert. So habe sich etwa der damalige Bundespräsident Thomas Klestil sehr schnell gemeldet und Hilfe angeboten, um die Folgen für Österreichs Muslime zu minimieren. Es kam zu einem Treffen mit Spitzen der Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Hofburg, um den Zusammenhalt im Land zu demonstrieren. Der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel lud die religiösen Vertreter zu einem Treffen, zu dem auch alle Botschafter der EU-Länder geladen waren. Und auch aus dem Wiener Rathaus habe es Unterstützung gegeben. „Die Politik hat dazu beigetragen, dass die Folgen nicht so heftig ausgefallen sind.“
Unter Generalverdacht. Und dennoch, für die Muslime des Landes wurden die Zeiten härter. „Wir datieren mit der Zeit vor und nach 9/11“, meint Schakfeh. Denn seit damals stünden Muslime unter Generalverdacht. Seit damals mussten Schakfeh und die anderen Repräsentanten der Glaubensgemeinschaft ständig zur Rechtfertigung ausrücken, wenn irgendwo auf der Welt ein Terroranschlag verübt wurde.
„Die Lage war recht gut unter Kontrolle“, meint Schakfeh. „Wirklich hart ist es erst nach den Anschlägen von Madrid 2004 und London 2005 geworden.“ Denn während es im Fall von 9/11 ausländische Terroristen waren, die einen Angriff auf die USA gestartet hatten, ging es plötzlich um Bürger, die in ihrem eigenen Land Anschläge durchführten. „Da gab es einen Umschwung in der Bevölkerung“, sagt Schakfeh. Plötzlich seien alle Muslime verdächtig gewesen. Auch in Österreich. „Die Bevölkerung hatte plötzlich Angst vor Muslimen als Nachbarn.“
Der Austro-Jihadist. Auftrieb bekamen solche Ängste, als plötzlich auch erste Terrorbotschaften an Österreich gerichtet wurden. Und erst recht, als am 12.September 2007 Mohamed Mahmoud verhaftet wurde. Der gebürtige Wiener mit ägyptischen Wurzeln wurde 2008 wegen Unterstützung und Bildung einer terroristischen Vereinigung zu vier Jahren Haft verurteilt – er und seine Lebensgefährtin Mona S. hatten diverse Texte für islamistische Organisationen übersetzt. Österreich hatte seine ersten Austro-Jihadisten. Und Schakfeh musste sich wieder ans Rechtfertigen machen.
Dass man die Motive des jungen Mannes verurteile. Dass man mit ihm keinen Kontakt gehabt habe. Und dass man von Einzelgängern wie ihm nicht auf alle Muslime des Landes schließen dürfe. „Für mich“, sagt Schakfeh, „war er ein Lausbub. Aber vielleicht wäre er ohne 9/11 gar nicht auf solche Ideen gekommen.“
Und, klagt Schakfeh, es seien nicht nur einzelne Hitzköpfe von muslimischer Seite gewesen. Rechtspopulistische Parteien hätten 9/11 optimal für ihre Zwecke ausgenützt, um Muslime als neues Feindbild aufzubauen. Das Resultat: „Als in den 70ern und 80ern Moscheen errichtet wurden, gab es keinen Widerstand“, meint Schakfeh. „Bei der Eröffnung des Islamischen Zentrums an der Donau hat es sogar in der „Kronen Zeitung“ positive Meldungen gegeben.“
Nachbarn auf den Barrikaden. Diese Zeiten sind vorüber. Keine Neugründung einer Moschee, bei der nicht sofort eine Initiative auf die Barrikaden steigen würde. „Daran ist sicher nicht nur 9/11 schuld“, sagt Schakfeh. „Aber der Anschlag hat die Welt verändert – sehr zu Ungunsten der Muslime.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)
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