Der Ersatzdienst, der „unersetzlich“ wurde

11.01.2013 | 18:24 |  IRIS BONAVIDA UND MARTIN FRITZL (Die Presse)

Mit der Wehrpflicht würde auch der Zivildienst abgeschafft werden. Das Gesundheitswesen müsste ohne billige Kräfte auskommen. Könnte ein Sozialjahr die Zwangsverpflichteten ersetzen?

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Wien. Eigentlich ist der Zivildienst nur ein Ersatzdienst. Sozusagen eine Erfindung für Burschen, die den Dienst mit der Waffe verweigern, aber trotzdem der Gesellschaft dienen sollen. Früher wurde ihnen vorgeworfen, „Drückeberger“ zu sein, bis 1991 mussten sie sich dafür auch noch vor einer „Gewissenskommission“ rechtfertigen. Jetzt, gut 20 Jahre später, sieht die Lage anders aus: Ausgerechnet diejenigen, die sie damals noch als verweichlicht bezeichnet hatten, feiern die Zivildiener nun als unentbehrliche Stütze für das Gesundheitssystem und Grundstein für das ehrenamtliche Engagement in Österreich. Was hat sich verändert?

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Am 20.Jänner entscheidet sich die Zukunft des Bundesheeres – und damit auch die Zukunft des Zivildienstes. Denn eine Beibehaltung eines Sozialdienstes abseits der Wehrpflicht ist laut Menschenrechtskonvention nicht möglich.Berufsheerkritiker und Zivildienst-Befürworter machen sich diesen Punkt zunutze. Sie warnen: Sollte es keine Zivildiener mehr geben, werde das Gesundheitssystem geschwächt. Die Arbeitsplätze würden nicht ersetzt werden können – und wenn, dann nur auf eine sehr kostspielige Art und Weise. Außerdem: Gebe es keinen Zivildienst mehr, würden den Trägerorganisationen auch ehrenamtliche Mitarbeiter fehlen. Denn ein großer Teil der jungen Burschen bleibt auch nach dem Zivildienst bei der Organisation – freiwillig und unbezahlt.

Laut Sozialminister Rudolf Hundstorfer ist es nicht nur wegen der bevorstehenden Volksbefragung wichtig, Alternativen zu finden. Durch die geburtenschwachen Jahrgänge dürfte die Zahl der Zivildiener ohnehin zurückgehen. Er hat dafür sein Modell des bezahlten Freiwilligen Sozialjahres präsentiert: 8000 Plätze für Männer und Frauen aus EU-Ländern ab 18 Jahren (Pensionsbezieher ausgenommen) sind vorgesehen.

Zum Vergleich: Im Vorjahr gab es 14.963 Zivildiener – allerdings dienen sie neun Monate und auch in Bereichen wie im Umweltschutz, für die das Hundstorfer-Modell nicht vorgesehen ist. Das Sozialjahr (das nur für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen geöffnet ist) soll hingegen 12 Monate dauern. Hundstorfer befürchte demnach keinen Engpass bei den Rettungsdiensten. Genügend Interessenten für den Sozialdienst werde es geben, so der Minister: Denn derzeit beginnen jährlich 92.000 Menschen ein Angestelltenverhältnis im Sozialbereich, 60.000 davon kommen aus anderen Berufen. Da sei es kein Problem, 8000 Personen für diese Schiene zu bekommen. Das neue Modell sei allerdings etwas teurer als der Zivildienst (211 Millionen statt 208 Millionen Euro). Mit ein Grund: Die Freiwilligen bekommen 1386 Euro im Monat, 14 Mal im Jahr. Ein junger Zivildiener hingegen verdient 301 Euro Pauschalvergütung im Monat. Hinzu kommen eventuell Verpflegungsgeld (12 Euro am Tag) und eine Fahrtkostenrückerstattung.

 

Mikl-Leitner: Sozialjahr viel teurer

Den Rechnungen aus dem Sozialministerium glaubt Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) allerdings nicht. Dafür hat sie sich wissenschaftliche Unterstützung geholt und an der Uni Wien eine Studie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Das Freiwillige Sozialjahr sei viel teurer als von Hundstorfer angegeben, da versteckte Kosten nicht mitgerechnet wurden. Hundstorfer kontert: Er bleibe bei seinen Zahlen und lädt die Experten zum Nachrechnen zu sich ein.

Bleibt immer noch die Befürchtung, dass Rettungsorganisationen die Freiwilligen ausgehen könnten. Spricht man mit den ehemaligen Zivildienern, geben die meisten zu: Ohne Zivildienst wären sie nicht zu der Organisation gekommen. Ob das Freiwillige Sozialjahr dies ersetzen kann, bleibt offen. Und: Die Organisationen außerhalb des Gesundheits- und Sozialbereichs müssten sich eigenständig um Alternativen kümmern.

Pro Berufsheer

Bezahlung. Das Freiwillige Sozialjahr ist nicht nur Männern und Frauen ab 18Jahren aus allen EU-Ländern geöffnet, es bietet Interessenten auch eine – im Vergleich zum Zivildienst – faire Bezahlung: 1386 Euro gäbe es 14-mal im Jahr, Zivildiener bekommen 301 Euro im Monat (plus Verpflegung).

Pro Wehrpflicht

Ehrenamtlichkeit. Viele Organisationen wie das Rote Kreuz bekommen einen großen Teil ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter über den Zivildienst. Gibt es diesen nicht mehr, fürchten sie, dass es nicht mehr genügend Freiwillige geben könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)

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67 Kommentare
 
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Wie war denn das früher?

Nach den Äusserungen verschiedener Wehrpflichtbefürworter gibt es bei Abschaffung der Wehrpflicht keine Rettungsdienste u.s.w. mehr.
Ich frage mich, wie war denn das vor Einführung des Zivildienstes, gegen dessen Einführung die ÖVP Sturm gelaufen ist?
Um nur bei den Rettungsdiensten zu bleiben, jetzt gibt es mehrere Organisationen, welche sich mit dem Krankentransport beschäftigen und offenbar zufolge billiger Mitarbeiter aus dem Zivildienst Gewinne erzielen.

Für mich sind das Märchen

Nahezu jedes Land hat bereits auf Berufsheer umgestellt und es gibt folglich auch keinen Zivildienst.
In meiner Klasse sind alle außer mir zum Zivildienst gegangen, weil sie hofften es besser zu erwischen. Mehr braucht man nicht mehr sagen...
Und die Zwei-Klassen-Dienerschaft, dass man sich quasi schon als Verbrecher bezeichnen lassen muss, weil man sich für das Bundesheer entschieden hat. Jawohl wie gut ihr nicht alle seid und wie böse nicht ich bin...
Wanderer kommst du nach Österreich!

eh klar

zuerst mal....

bis zu den 80er gabs keine....und wurden da keine menschen gepflegt?

topfen

und nun bricht österreich zusammen?
klar so billig wirds nimmer.

wer eine profi leistung will, muss auch was zahlen

schon mal gehört?

wer bananen zahlt, wird affen ernten?

ich will nicht von wem zwangsgepflegt werden, der gar nicht dafür geeignet ist.
ders nur macht, weil er muss....

und wer der es nur ein paar monate macht, ist 100% net so geübt wie einer der es jahrelang macht.

und es bewußt als lebensberuf wählte?

es geht nur ums geld

in fast allen europäischen ländern ist es umgestellt worden, auch österreich wird das überleben.

wenn für die pleitiers milliarden da sind, muss es fürm professionelle pflege von österreich umso mehr da sein

Ist das nicht Sozialdumping?

Menschen werden zu Konditionen eingestellt, die der Markt nicht hergibt. Wird nicht dadurch, dass man Organisationen Arbeitskräfte zum Fast-Null-Tarif überlässt, verhindert, dass eventuell wenig ausgebildete Hilfskräfte eine Arbeit bekommn?

Re: Ist das nicht Sozialdumping?

ja und nein, man kann auch Steuern zahlen als Frondienst sehen aus einem gewissen Blickwinkel. Die Hilfskräfte die Sie meinen - und das kann ich Ihnen jetzt schon weissagen - werden "fehlen" egal wie viele Arbeitslose wir bereits haben. Was weiter geschehen wird sehen Sie selbst.

Leider

sieht man an der ganzen Diskussion wie unsere Gesellschaft tickt.
Absolute Egogesellschaft wo es nur darum geht wieviel man selbst bekommt. Keine Bereitschaft über den eigenen Tellerrand zu blicken, könnte ja mit Arbeit verbunden sein.....

Re: Leider

Sie verwechseln Zwang mit Freiwilligkeit.

Re: Re: Leider

dann nennen wir es einfach freiwilliger zivildienst. das freiwillige soziale Jahr,das es bereits seit Jahrzehnten gibt,hört sich in der roten neuerfindung auch nicht mehr so freiwillig an wie bisher.

Zwangsarbeit für alle

Jede Staatsbürgerin und jeder Staatsbürger sollten bis zum 60. Lebensjahr pro Jahr 2 Wochen gratis (und ohne Lohnausgleich) für die Republik arbeiten. So könnte der Staat das gesamte Spektrum an Bedarf abdecken und müsste nicht nur auf die nicht so gut ausgebildeten jungen Männer zurückgreifen. Prost!

Ersatzdienst ????

Bei der Zivildienstleistung wird eigentlich meistens die Aufgabe der Angehoerigen ersetzt. Und warum sollte das in Friedenszeiten nicht die Wehrpflichtigen durchführen bei Einhaltung des Staatsvertrages.Das ist sicher die beste Variante.Ein Berufsheer und desse Folgen kommt uns viel zu teuer(es wird uns bald gar nichts mehr,bei diesen Steuern,im Geldboersel bleiben).Und die Jugendlichen lernen doch ein bisschen sozialen Umgang und nicht nur Computer,Fernsehen und Video.

Re: Ersatzdienst ????

hm. Bergung, erstversorgung und nottransport bei (Verkehrs-)Unfällen obliegt Familienangehörigen? mir neu.
ich hab noch ne Idee zur nationalen plastikschwerterschlacht:
freiwilligenheer! es gehen nur noch Freiwillige zum Heer (psychologischer Eignungstest und Gewissensprüfung vorausgesetzt).

Re: Ersatzdienst ????

ok
aber vergessen´S den Quotenanteil unserer Damen nicht,
dann stehn gleich doppelt soviele Helfer bereit....

Re: Re: Ersatzdienst ????

ja,das gilt fuer Frauen und Maenner.

Kommission

Wenn die Parteien konsequent ihrer aktuellen Argumentation folgen würden (haha!), dann müssten sie bei einem allfällige Ergebnis FÜR die Wehrpflicht die Kommission wieder einführen - aber umgekehrt: Wer zum Heer will muss sich dieser stellen, da ja der Zivildienst für die Gesellschaft viel wichtiger ist.

Wenn der Sozialdienst als Begründung. ..

... für die Wehrpflicht gilt, handelt es sich lt. obigem Artikel um die Umgehung einer Menschenrechtsverletzung.
Eine Mauschelei halt.

Ich hätte nie...

...Zivildienst verrichtet. Sind wir uns doch ehrlich, das ist nur was für Luschen. Leute die keine Luft im Sack haben gehen zum Heer. Wer nur über etwas Herz, Anstand, Stolz und Hirn verfügt, der weiß, dass er seinem Land etwas schuldet.

Re: Ich hätte nie...

ich war beim Zivildienst, und ja, es stimmt: ich hab was anderes im Sack als bloß heiße Luft... :-)))
sind wir doch ehrlich: das Heer ist eine saufbruderschaft für spätpubertierende, testosterongeschüttelte, die keiner braucht und nur einen Haufen Geld kosten und sowas von gar nix bringen. Variante Drei: Abschaffen.

Re: Ich hätte nie..., ehrlich, das ist nur was für Luschen:

Die Luschen - La Legion Drückeberger oder Chuzpe à la ÖVP`?

Wolfgang Schüssel
Wilhelm Molterer
Werner Fasslabend
Martin Bartenstein
Karl Heinz Grasser FPÖ
(Jo) Hannes Rauch
Manfred Juraczka
Andreas Khol
Erhard Busek
Franz Morak
Gerhard Hirschmann

Liste ist unvollständig, bitte ergänzen.

Re: Re: Ich hätte nie..., ehrlich, das ist nur was für Luschen:

da waren die meisten auch nicht beim Zivildienst.

Re: Re: Ich hätte nie..., ehrlich, das ist nur was für Luschen:

den obersten Soldaten nicht vergessen - Norbert Darabos :o))

Re: Re: Re: Ich hätte nie..., ehrlich, das ist nur was für Luschen:

an die Rotstrichler
Darabos als Verteidigungsminister hat Zivildienst geleistet 87/88, da hat er noch vor die Ethikkommission müssen und darlegen, warum er den Dienst mit der Waffe ablehnt.
Ist er nun als typischer Politiker ein Wendehals oder ergeht im Ernstfall die Weisung ans BH den Feind totzustreicheln???

Also mit Verlaub den Zivildienst als Begründung des Wehrdienstes heran zuziehen ist mehr als gewagt.

Ich möchte hier einmal die Frage stellen, als was die Sozialjährlinge eingesetzt werden sollen? Es ist eine Entlohnung vonm 14 mal 1.400 € vorgesehen und jetzt machen sie sich die Mühe die Kollektivverträge in der Pflege anzusehen bzw. die Stellenausschreibungen wo Heimhilfen mit immerhin 210 h unter 1.200 € brutto und Pflegehelfer um die 1.400 brutto bezahlt werden und diese haben zumindest eine 210 bzw. 1.600 h Ausbildung gleiches gilt im Rettungsdienst.
Aus Angst vor dem Falken aus Skagen wurde ein verbindlicher Kollektivvertrag eingeführt mit etwa 1.550 € Brutto der gleich durch den "Un"Sozialminister ausgehebelt wird.

... für das ehrenamtliche Engagement in Österreich?

"Ehrenamtlich"?

Das Rote kreuz, zum Beispiel, verkauft die Leistung der Zivildiener für gutes Geld:

Wenn "die Rettung" mit diesen kostengünstigen jungen Männern besetzt ist, unterscheidet sich "die Rechnung" in der Summe keinesfalls?
.

Zivildienst

Die Menschen die heutzutage einen sozialen Beruf erlernen werden immer weniger! Die Zivildiener ersetzen die fehlenden Arbeiter im sozialen Bereich.
Außerdem, was ist daran so schlimm sich nicht einmal ein Jahr seines Lebens sozial für den Staat zu engagieren?
Warum sollte man in den Zeiten der Krise billige Arbeiter durch teure ersetzen, die für Hilfsorganisationen überlebenswichtig wären?
Ich bin der Meinung dass Frauen auch Zivildienst machen müssen! und die die wollen sollen die Möglichkeit auf Wehrdienst haben!

Re: Zivildienst

die zivildiener haben auch das lohnniveau gedrückt, was den beruf unattraktiver machte. ich denke man sollte sich auch über lohndumping gedanken machen und im sozialen bereich verdienen die leute zu wenig.

Re: Zivildienst

Die Menschen, welche heute soziale Berufe erlernen werden höchstens weniger, weil Zivildiener einerseits die Arbeitsplätze besetzen, und andererseits das Lohniveau für die Sozialarbeiter drücken. Glaube jedoch, dass es sich dennoch um einen wachsenden Sektor handlt.
Engagement ist immer ehrenhaft, jedoch gibt es einen unterschied zwischen Dienstpflicht und Engagement. Ausserdem übersehen Sie die für die Volkswirtschaft unwiederbringlich verlorene Arbeitsleistung, welche die Zivildiener in ihrem Beruf erbringen würden.
Die Kriese welche wir haben beruht auf Mangel - insbesondere wenn es um Kostenwahrheit der konsumierten Güter geht - hier hilft planwirtschaftliche Arbeitszuteilung wenig, siehe DDR.
Weiters geht es nicht um die Hilfsorganisationen, sondern wenn schon, dann um die Hilfbedürftigen.

 
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