Wien. „Die Eurokrise spitzt sich weiter zu“, tönt es seit zwei Jahren beinahe täglich aus dem Radio. Im Schatten der schlechten Nachrichten um Rettungsschirme, Schuldenvergemeinschaftung und Kontrollmechanismen haben viele vergessen, dass sie der EU auch Positives zu verdanken haben. Die Mitgliedschaft zur Staatengemeinschaft hat unser Leben und unseren Alltag verändert, sie bietet Chancen und Möglichkeiten, die es vorher nicht gegeben hat.
Besonders für junge Menschen bringt die Union zahlreiche Vorteile: Unvergleichbar höhere Mobilität genießen Studenten dank des von der EU initiierten Erasmus-Programms. Wenn eine WU-Studentin aus Wien ein Auslandssemester an der Pariser Universität Dauphine absolvieren möchte, ist das heute leicht realisierbar. Erasmus ermöglicht es Hochschülern, in einem beliebigen EU-Mitgliedstaat oder sechs weiteren teilnehmenden Ländern zu studieren. Als das Programm 1987 startete, waren es 3000 junge Menschen, die quer über den Kontinent reisten, um sich an einer anderen Uni fortzubilden. Heute sind es 250.000 jährlich.
Doch nicht nur die Uni-, auch die Arbeitswelt ist durch die EU internationaler geworden. Möchte ein Paar unterschiedlicher Herkunft – etwa aus Belgien und Rumänien – gemeinsam in einem weiteren Mitgliedstaat leben und arbeiten, gibt es dafür schon lange keine Hürden mehr: Aus der Personenfreizügigkeit, einer der vier Grundfreiheiten des gemeinsamen Binnenmarkts, leitet sich dieses Recht für jeden EU-Bürger ab. Mehr als 15 Millionen haben ihren Arbeitsplatz in einem anderen EU-Land oder verbringen dort ihre Pension.
Vielfalt an Produkten hat zugenommen
Auch die Warenverkehrsfreiheit bringt dem Einzelnen im Alltag Vorteile: Die Palette an Produkten des täglichen Gebrauchs ist seit dem EU-Beitritt Österreichs im Jahr 1995 stark angestiegen. So hat etwa ein Käsehändler auf dem Naschmarkt heute ein vielfältigeres Angebot zu günstigeren Preisen. Gleichzeitig hat die Einführung gemeinsamer Normen Produkte wie Nahrungs- und Arzneimittel sicherer gemacht.
Die Öffnung der internationalen Märkte hat im Dienstleistungsbereich zu entscheidenden Verbesserungen für die EU-Bürger beigetragen: Mehr Qualität zu günstigeren Preisen ist die Folge der Marktliberalisierung und des damit einhergehenden verstärkten Wettbewerbs. Besonders im Reise-, Telekommunikations- und Energiesektor hat sich das Angebot bei sinkenden Kosten stark verbessert. Auch die Roaming-Gebühren für Handytelefonierer im Ausland werden ab Juli ein weiteres Mal gesenkt. Und die EU-weite Bahnliberalisierung hat die Gründung der beliebten Westbahn von Wien nach Salzburg möglich gemacht.
Apropos Reisen: Wenn zu Ferienbeginn die erste Blechlawine Richtung Süden rollt, bleiben den Autofahrern Horrornachrichten über kilometerlange Staus an den Grenzen größtenteils erspart. Mit dem Beitritt Österreichs zur EU fielen nämlich zunächst die Zollkontrollen nach Deutschland und Italien weg; später, 1998, durch die Zugehörigkeit zum Schengener Abkommen auch die Personenkontrollen in die beiden Nachbarländer. Seit Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Slowenien im Jahr 2004 Mitglieder der EU und drei Jahre später des Schengen-Raums wurden, gibt es auch an den Grenzübergängen in die östlichen Nachbarstaaten keine Kontrollen mehr – und damit auch kaum Wartezeiten.
Strenge Umweltstandards
Doch auch andere positive Aspekte der europäischen Staatengemeinschaft, die nicht unmittelbar im täglichen Leben von Bedeutung sind, wollen erwähnt werden: Sie betreffen etwa die ehrgeizigen Umweltstandards, die sich die EU zum Ziel gesetzt hat: Die Erhaltung der Artenvielfalt, der Luftqualität und die Reduzierung der europaweiten Abfallmengen sind nur einige Beispiele. Auch die Wasserqualität ist der EU ein Anliegen. Jedes Jahr vor den Sommermonaten wird ein Badegewässertest durchgeführt, der europäische Gewässer bezüglich Sauberkeit kontrolliert – und den Badehungrigen einen Anhaltspunkt gibt, wo sie ruhigen Gewissens ins kühle Nass springen können.
Das wichtigste Verdienst der EU aber hält ein Großteil der Bevölkerung heute für selbstverständlich: immerwährenden Frieden und Stabilität auf einem Kontinent, auf dem in der Vergangenheit viele blutige Kriege ausgetragen wurden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)
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