26.05.2013 04:08 Merkliste 0

Deutschland im Euro-Blues: Merkel als Verliererin

29.06.2012 | 18:47 |  KARL GAULHOFER (Die Presse)

Dass die Kanzlerin mit dem Wachstumspakt „erpresst“ werden konnte, verdankt sie ihrem treuen Mitstreiter Pofalla.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Berlin. Es war für Millionen Deutsche ein trauriger Abend: Wieder einmal hat Italien sie aus einem Fußballturnier geworfen. Italien und Spanien stehen im Finale der Euro 2012. Die Morgennachrichten über den EU-Gipfel klangen nach einer ähnlichen Niederlage: Angela Merkel beugte sich dem Druck der Italiener und Spanier. Das Ergebnis auch hier: ein 2:1. Das Veto der Kanzlerin gegen Eurobonds „solange ich lebe“ hat dieses Reizwort vorerst verbannt. Dem stehen zwei überraschende Treffer der „Südländer“ gegenüber: direkte Bankenhilfe aus dem Rettungsschirm ESM und aufgeweichte Bedingungen für Hilfen an Problemstaaten.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles kommentierte fast mit Genugtuung, dass die Regierung ihre „rote Linie“ überschritten habe, womit sie leben könne. Tatsächlich hatte die Union gebetsmühlenartig wiederholt: „Haftung und Kontrolle gehören zusammen.“ Deshalb kam auch Freitagabend Fiskalpakt und ESM zusammen zur Abstimmung, die Stabilität der Finanzen mit der Solidarität für Krisenländer. Und deshalb war eine direkte Unterstützung von Banken aus dem Rettungsschirm ein Tabu, weil die Verträge ja zwischen Staaten und nicht mit Geldinstituten verhandelt wurden.

Vergeblich bemühte sich die Regierung nun zu versichern, auch mit den Banken würden „Konditionalitäten festgelegt“. Selbst die Einrichtung einer Bankenaufsicht bei der EZB, bei der die Vertreter der Bundesbank regelmäßig überstimmt werden, schafft in Deutschland wenig Vertrauen. Dass Staaten ohne zusätzliche Sparauflagen den ESM anzapfen können, verstärkt den Eindruck in der Öffentlichkeit: Die Krisenländer kommen leichter ans Geld der Deutschen und müssen weniger dafür tun. Für die „Welt“ ist das ein „bestürzendes Ergebnis“. Der liberale Abgeordnete Frank Schäffler spricht von einem „erneuten Dammbruch“. Die „FAZ“ sieht den „Weg in die Schuldenunion“ geebnet. Nur für die „Süddeutsche“ ist dieser Weg noch ein weiter.

 

Bundestag stimmte zu spät ab

Womit aber konnten die Premiers mit den leeren Taschen Merkel „erpressen“, wie es ein Brüsseler Diplomat formulierte? Sie drohten damit, den „Wachstumspakt“ platzen zu lassen, den Monti selbst vor einer Woche mit Merkel und Frankreichs Präsident Hollande beschlossen hatte. Wie so oft ist Deutschland dabei der größte Zahler, die Problemstaaten sind die größten Profiteure.

Deshalb ist der Pakt auch alles andere als ein Steckenpferd von Merkel. Erst auf Druck von Hollande und der deutschen Opposition, die auf den Zug aufsprang, hatte sich Berlin die ungeliebten Pläne zu eigen gemacht – und so abgeschliffen, dass von einem Konjunkturprogramm keynesianischen Umfangs wenig übrig blieb. Dass Monti und Rajoy dennoch Druck machen konnten, verdankt Merkel ausgerechnet ihrem getreuen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla. Ihn hatte sie beauftragt, an der Heimatfront Fiskalpakt und ESM rasch unter Dach und Fach zu bringen, um beim nächsten Krisengipfel mit gestärktem Rücken verhandeln zu können. Doch Pofalla „vergaß“ darauf, SPD und Grüne einzubinden, die er für eine Zweidrittelmehrheit beim Fiskalpakt brauchte. Endlich saß man an einem Tisch und fand die gesichtswahrenden Zugeständnisse: den Wachstumspakt und die Finanztransaktionssteuer.

Doch Pofalla plauderte aus, dass die Steuer noch lange nicht kommen werde. Den Eindruck, man habe sie über den Tisch gezogen, ließen Rot und Grün nicht auf sich sitzen. Sie schraubten den Preis hoch und zogen die Verhandlungen in die Länge. Die Folge: Der Bundestag konnte nicht mehr rechtzeitig abstimmen. Beim Gipfel musste die Kanzlerin ein Debakel vermeiden: Ohne Wachstumspakt wäre auch der Fiskalpakt durchgefallen. Denn das Mantra der Opposition lautet: „Sparen und Wachstum müssen Hand in Hand gehen.“ Immerhin war nun die Zweidrittelmehrheit gesichert. Auch für den ESM: Die erwarteten 20 bis 30 „Abweichler“ unter den Abgeordneten sollten den Beschluss nicht gefährden können.

Beim Rettungsschirm ist das letzte Wort damit nicht gesprochen: Mehrere Verfassungsklagen, unter anderem von der Linkspartei, sollen unmittelbar folgen. Karlsruhe dürfte den ESM nach allgemeiner Einschätzung nicht kippen, aber die Einführung verzögert sich um mehrere Wochen. Erst nach dem Sanktus der Richter will Präsident Gauck das Gesetz unterschreiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

34 Kommentare
 
12
1 2

endlich

Statt Banken Geld um 1% zu geben, damit die dann Italien am nächsten Tag!! um 6% abzocken, ist endlich Vernunft eingekehrt und es gibt direkt Geld. Statt Staaten hoch zu verschulden, damit die die Banken retten, endlich direkt Geld an jene. Chinas Wirtschaftswachstum funktioniert so. Merkel spart Europa in die Depression und schützt die Reichen auf Kosten der Steuerzahler. Hoffentlich hat das jetzt ein Ende.

Antworten Gast: Es wird schlimmer werden
30.06.2012 22:20
0 0

Re: endlich

„[ ...] Es bietet sich ein Vergleich aus der deutschen Föderalgemeinschaft an, den der Münchner Max-Planck-Forscher Kai Konrad kürzlich präsentiert hat.
Bremen hat in den frühen neunziger Jahren beim Bund eine extreme Haushaltsnotlage geltend gemacht. Angesichts einer Verschuldung von 13.000 Euro pro Kopf erhielt der Stadtstaat zehn Jahre lang vom Bund außergewöhnliche Sanierungshilfen („Bailout“) von insgesamt mehr als 15.000 Euro pro Kopf. Am Ende war für jeden Bremer aber nicht etwa ein Überschuss angespart, sondern die Schulden hatten sich auf 17.000 Euro vermehrt (heute sind es sogar 27.000 Euro). Die Rettung Bremens war die pure Geldverschwendung, eine dauerhafte Insolvenzverschleppung, obwohl das Geld an strenge Auflagen („Konditionalisierung“) gebunden war. Leider, so die Bremer Politiker, sei die wirtschaftliche Entwicklung immer hinter den Erwartungen zurückgeblieben [...].“
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.6.2012

Gast: pummelchens milliarden
30.06.2012 18:40
0 1

wer erpressbar ist

hat vorher meist etwas angestellt.

Das Europa der

Mißwirtschaften führt Krieg gegen die Nettozahler und da besonders gegen das reiche Deutschland!! Alles wie gehabt!

Gast: Unbeteiligter
30.06.2012 09:03
1 0

Der verfassungsputsch nimmt seinen..

Lauf und wird erst durch einen Volksaufstand zu fall gebracht werden.in Spanien und Italien gaert es und da helfen auch keine Wachstumspakete.

2013 werden wir mit der ent-eufizierung beginnen und die Verfassungsbrecher und Mitläufer in den medien zur Verantwortung ziehen ,

Tod der Eu!

Antworten Gast: kleiner fall
30.06.2012 13:13
0 0

Re: Der verfassungsputsch nimmt seinen..

Dieses Gärungsnebenprodukt könnte man auch als Fuselöl bezeichnen.

Gast: Vogel Strauss
30.06.2012 08:28
0 0

Aha, der Herr Redakteur liest auch den Spiegel ...

Denn der Absatz über den Pofalla stammt von dort ... haben Sie hoffentlich eh gegengecheckt?

Antworten Gast: boris87
30.06.2012 09:47
0 0

Re: Aha, der Herr Redakteur liest auch den Spiegel ...

Ja was soll Dr sonst schreiben abschreiben oder schreiben was die genossen sagen prosst.

Seltsam ,Frau Merkel

Frau Merkel hat doch laut von sich gegeben: " Nur über meine Leiche !" Dann gibt es bald neue Wahlen , denn loaut ihren eigenen Worten,muß sie dann ja, jede Minute Tot Umfallen !

Gast: Joe Ackermann
29.06.2012 23:55
0 2

Wenn man bedenkt, das Deutschland durch die Vorteile der Bildung einer europäische Union

bis dato ca. 550 Milliarden Euro zusätzlich verdient hat, könnten in so manchen Mitgliedsstaat berechtigte Zweifel daran aufsteigen, ob Deutschland unter dem Strich wirklich ein Nettozahler ist.

Für diese Behauptung bleiben Sie jeden Beweis schuldig!

Die deutsche Wirtschaft ist eben effizientern als die Staaten des Club Mediterranee. Ihr das zum Vorwurf zu machen ist lächerlich. Übrigens sind die Exporte in die Eurozone in den letzten Jahren massiv gesunken, dh. Deutschland ist einfach im weltweiten Export besser.

Gast: Schulden-Inferno
29.06.2012 23:19
0 0

Wie Lämmer lassen sich die Citoyens von Versagern wie Merkel+Bilderberger-Faymann+Grabesritter-Spindelegger zur Schlachtbank führen anstatt für Wohlstand, Freiheit, Demokratie, Selbstbestimmungl aufzustehen und zu kämpfen!

Nicht nur diese Polit-Versager,
auch diese passive Bürgerschaft
wird zukünftigen Generationen
verhaßt sein!

Gast: Get
29.06.2012 22:38
4 0

Na man schafft es doch immer wieder die Deutschen zur Kasse zu bitten bis der Haß der deutschen Bürger auf die Erpresser grenzenlos wird.

Hat ja schon einmal super geklappt mit den Verträgen von Versailles.
Na dann auf ein Neues..............

Was heißt Deutschland?...


...wir Österreicher haften mit 30 Mrd!!!!

Antworten Antworten Gast: Get
30.06.2012 08:04
2 0

Re: Was heißt Deutschland?...

Aber wir Österreicher sind selbst Schuld - wählen wir doch immer die dümmsten und korruptesten Politiker ins Amt...

Gast: speibender regenbogen
29.06.2012 22:24
2 0

also DAS MUSS einer volksabstimmung unterzogen werden!

wenn dem nicht so ist, kann ich die legislative und die ihr von ihr ermöchtigte exekutive leider nicht mehr als verfassungskonform handelnd betrachten, womit die verfassung außer kraft gesetzt ist. ich kann dann tun und lassen, was ich will. und das werde ich auch tun. und ich kann es auch nur allen anderen österreichern raten, weil sonst werden wir diese diktatoren nie los.

Gast: Hans im Glück
29.06.2012 22:23
0 0

Alles nur Zeitungsenten.

Es ist alles anders als man denkt.

Laut Fayman ist eh alles super...


....Eurobonds, höhere Zinsen, Bankenzugriff auf ESM, usw.

Ein BK, der im eigenen Land nichts weiterbringt, die höchste Staatverschuldung zu verantworten hat, redet blauäugig von Dingen über die er anscheinend überhaupt keine Ahnung hat.

Aber hatten die Sozis schon jemals Ahnung vom wirklichen Leben??

Re: Laut Fayman ist eh alles super...

ZIB II - also ich musst abdrehen, ich habe diese widerliche Muppet-Show einfach nicht mehr ausgehalten

Wernerle im Schuldensandkisterl, alles super, Eurobonds, klar, und eine Banklizenz für den ESM, klar, Finanztransaktionssteuer, selbverständlich, ein Erfolg, "Wachstumspaket für Arbeitsplätze", auf welchem Planeten lebt der Typ eigentlich

und die Dittelbacher beim Hölzerlwerfen, braaav, balli balli

ich hoffe die Wähler erinnern sich, wenns soweit ist

Antworten Antworten Gast: E.T.
01.07.2012 11:51
0 0

Re: Re: Laut Fayman ist eh alles super...

Herr Faymann ist ein Optimist und nimmt von allen Menschen nur das Beste an. Dass die Mehrheit der Menschen und auch Staaten aber absolut nicht nur positiv agieren und mehr oder weniger nur den eigenen Vorteil suchen, das sieht Faymann einfach nicht, oder will es einfach nicht glauben.
Was auf den ersten Blick gerecht und sozial aussieht, ist im Endeffekt oft genau das Gegenteil.
Frau Merkel steht auf verlorenem Posten. Einerseits kann sie das deutsche Modell nicht auf alle umlegen, andernseits geht es auch nicht an, dass Deutschland künftig alle mitschleift und Österreich, Benelux mitgefangen.
So wie ein Leserschreiber hier meint, dass möglicherweise Deutschland auch viel Geld verdient hat, ja, ich glaube das auch. Bloß ist dieses Geld nur bei Reichen und Konzernen und Banken gelandet, also die Bevölkerung selbst hat wenig bis nichts davon - siehe Hartz IV.

2 0

Zuerst schimpfen alle über die Angie...

...aber sie wird das schon noch hinbekommen.

wenn nicht sie - dann keine(r)!

PS: Angie: Es ist schwierig gutes personal zu finden!!!!

Antworten Gast: Baur4
29.06.2012 21:54
1 0

Re: Zuerst schimpfen alle über die Angie...

Wir schließen uns der Meinung Deutschlands an meinten in einer Debatte Fischler (ÖVP) und Scholten (SPÖ) über die Tätigkeit von Faymann und Außenminister Spindelegger. Merkel macht das schon für uns...

Ja ja gewonnen

100:0 für die Banken gegen die Bürger aber es wird eine Revanche geben das versprech ich euch ihr Ackermanns/Treichls/Draghis...

Und die Abgeordneten insbesondere auch in Österreich wenn sie dem ESM zustimmen, das sind die Nachfolger von denen die in März 1933 das Ermächtigungsgesetz beschlossen haben.

Gast: EFF EFF
29.06.2012 20:12
1 0

Das multiplikative Kreditsystem I

Vor dem technischen Entwicklungssprung durch die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung wurde Geld auf  Giro- und Sparkonten bis zu 20 mal verliehen, da das Geld sonst nur auf der Bank liegen würde. Wenn beispielsweise ein Kredit über € 1000000 für ein Haus vergeben würde, wäre das Geld per Überweisung von einem Girokonto auf ein anderes verschoben. Auch der Bauunternehmer überweist Ausgaben für Baumaterial und Löhne für Bauarbeiter nicht in bar, sondern bequem per Überweisung. Die € 1000000  hat die Bank also nie wirklich verlassen. So könnte die Bank oder der Bankenverbund die € 1000000 immer wieder verleihen. Bei jeder Verleihung geht jedoch ein geringer Teil als Bargeldumlauf der Kontrolle der Bank verloren. Daher beschränkte sich der Multiplikator auf das 20fache des eigentlich vorhandenen Kapitals.

Der technische Fortschritt reduzierte den Bargeldverkehr, sodass mehr Geld von einem Konto auf der Bank auf ein anderes verschoben wird. Der Multiplikator für Kreditvolumen im Verhältnis zum vorhandenen Kapital wurde auf das 50fache erhöht. Die Bilanzen der Banken blähten sich mit der Verbreitung der EDV unverhältnismäßig auf. Dieses System funktioniert solange, solange sich Banken bei Bedarf gegenseitig aushelfen und der Interbankenverkehr ausgeglichen ist.

Gast: EFF EFF
29.06.2012 20:06
1 0

Bankenaufsicht bei der EZB

Was hat die Politik denn mit der unabhängigen EZB zu tun? Wenn die Banken ständig Mist bauen und drauf sitzen bleiben, dürfen die Bankster das unter sich ausmachen. Der gewandelte ESM unterstreicht doch bloß die Pleite des Zentralbankensystems. Die sind aber auch UNABHÄNGIG.

12 0

Nur ein Narr freut sich, so er Österreicher ist, über Eurobonds!

Kommentar zum Gipfelergebnis seitens des BK Faymann: am Ende des Tages wird es auch Eurobonds geben. Dies mit breitem Grinsen als statement zum Gipfel zu verkünden (ZIB 2) überschreitet jede Vorstellung von einem Staatsfunktionär, der seiner Sinne noch mächtig ist. Offenbar versteht der Herr BK vom Thema gar nichts oder er kann nicht rechnen oder beides.
Eurobonds würden natürlich die Zinsenlast von Staatsanleihen für Deutschland wie Österreich erhöhen, gleichzeitig müßten wir für die von den Club Med Staaten aufgenommenen Kredite haften. Grinsen und frohe Erwartung von Eurobonds sind daher überhaupt nicht am Platze. Es zeigt sich, intellektuell nicht gerade auf der Höhe befindliche provinzielle Funktionäre in Spitzenpositionen zu hieven ist tödlich.

 
12