20.05.2013 19:45 Merkliste 0

ESM-Vetrag: Kein finnisch-niederländisches Veto

03.07.2012 | 18:15 |  Von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

Nur Deutschland, Frankreich und Italien können Notmaßnahmen des Euro-Währungsfonds wie zum Beispiel Stützungskäufe von Staatsanleihen blockieren.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Drohung der finnischen und niederländischen Regierungen, den Euro-Währungsfonds ESM am Kauf von Staatsanleihen zu hindern, wird so gut wie sicher als Theaterdonner verpuffen. Denn das Prinzip der Einstimmigkeit für Entscheidungen in den Gremien des ESM gilt nicht bei akuter Gefahr für den Euro. Dann reichen 85 Prozent der Stimmen für einen Beschluss. Finnland hat rund 1,8 Prozent der Stimmrechte, die Niederlande haben rund 5,7 Prozent. Für eine Sperrminorität reicht das nicht. Diese haben nur Deutschland, Italien und Frankreich.

Wenn also die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank meinen, dass der Kauf von Anleihen eines Eurolandes auf den Märkten „in aller Eile“ erforderlich ist, um die „wirtschaftliche und finanzielle Stabilität des Euro-Währungsgebietes“ zu sichern, können die Vertreter Finnlands und der Niederlande das nicht verhindern. Das ergibt sich aus Artikel 4 des ESM-Vertrages.

Diese Regelung ist der Erfahrung mit den bisherigen Euro-Rettungsaktionen geschuldet. Man wollte Situationen wie jene im Oktober 2011 vermeiden, als ganz Europa gebannt auf die Meinungslage eines Juniorpartners in der slowakischen Koalition starrte. Im Notfall sollen innenpolitische Befindlichkeiten nicht die Währungsunion infrage stellen können.

 

ESM hat nur begrenzte Mittel

Davon abgesehen ist die Debatte darüber offen, ob man mit dem Aufkaufen von Staatsanleihen die Lage an den Märkten dauerhaft besänftigen kann. Die Europäische Zentralbank hat in den vergangenen beiden Jahren rund 210 Milliarden Euro dafür ausgegeben, um griechische, irische, portugiesische, spanische und italienische Anleihen auf dem Sekundärmarkt zu kaufen. Diese zusätzliche Nachfrage nach den Wertpapieren sollte die Zinsen drücken. Bleibende Wirkung hat das nicht erzielt; die Zinsen schossen bald wieder nach oben, und die EZB hat einen Haufen Bonds in ihren Büchern, die an Wert verloren haben.

Insofern traf der amtsführende niederländische Regierungschef Mark Rutte am Freitag nach dem EU-Gipfeltreffen in Brüssel einen wunden Punkt, als er kundtat, die derzeit höchstens 500 Milliarden Euro des ESM sollten nicht für Operationen verwendet werden, deren Wirkung zweifelhaft ist.

Die deutsche Kanzlerin, Angela Merkel, wand sich am Dienstag auf die Frage nach der finnisch-niederländischen Vetodrohung um eine konkrete Antwort: „Konkrete Anträge liegen nicht vor, insofern gibt es im Augenblick auch keinen Handlungsbedarf“, sagte sie in Berlin bei einer Pressekonferenz. Und sie spielte auch die unverhohlene Drohung ihres Koalitionspartners CSU herunter, die Regierungskoalition wegen der Euro-Rettungspolitik zu beenden. Der belgische Wirtschaftswissenschaftler Paul De Grauwe von der Universität Löwen, einer der scharfsinnigsten Beobachter der Eurokrise, warnt jedenfalls davor, dass der ESM auf dem Sekundärmarkt für Staatsanleihen tätig wird.

 

„Nur EZB kann stabilisieren“

„Sobald er zu intervenieren beginnt, wird er den Markt für Staatsanleihen rasch destabilisieren“, schreibt De Grauwe in einem Beitrag für das Centre for Economic Policy Research. „Die Investoren werden dann nämlich den Moment berechnen, wann dem ESM das Geld ausgeht. Dann werden sie tun, was man von schlauen Leuten erwartet: Sie werden ihre Anleihen eher früher als später verkaufen.“ Als einzige Lösung sieht De Grauwe etwas, was in Deutschland, Finnland und den Niederlanden ein Tabu ist: „Nur die EZB kann die Anleihenmärkte stabilisieren, entweder direkt oder indem man den ESM eine Banklizenz gibt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

13 Kommentare
Gast: Gast 2012
07.07.2012 17:41
1 0

Finnland pfeift auf den Euro

bevor es eine Schuldenunion akzeptiert. Eine klare Aussage der finnischen Regierung. Es gibt also doch noch Länder, wo die Interessen der Bürger und nicht jene des Geldadels vertreten werden. Bravo Finnland!

estland hats geschafft und irland hats geschafft

italien, spanien, griechenland ?
vielleicht wollen die es gar nicht schaffen...

Raus aus diesem

EURO-Totalitarismus.

Leider bekommt man die Informationen immer nur Häppchenweise. Ich z.B. hab gar nicht gewusst dass Frankreich und schon gar nicht der Pleitestaat Italien mehr im Euroraum zu reden haben als andere.

Nicht dass ich dass nicht wüsste ich wohn ja nicht hinter dem Mond. Aber die "demokratische" Aufteilung der Stimmen"mehrheit" ist doch lächerlich. Einfach ekelhaft dass Rot,Grün,Schwarz dem zu gestimmt haben. Dr.Karl Renner, Leopold Figl und Co drehen sich im Grab um.

Gast: trader1
04.07.2012 10:43
1 0

märkte sind wie wasser ..

wasser bewegt sich immer auf den tiefsten punkt hin .. in dem fall dort wo der meiste profit ist ..
mann kann es eine zeitlang daran hindern, indem man mauern baut, nur der druck hinter der staumauer wird halt immer grösser, bis sie bricht ..

gescheite leute, sorgen für gräben und überschwemmungsbebiete (gesunde betriebe mit gut ausgebildeten leuten, hohem eigenkapital und unternehmer, die für ihr risiko auch angemessen entlohnt werden)

dumme leute bauen halt dämme (schulden, ungerechtfertigte soziallieistungen, immer mehr regeln und bürokratie, und ein bisserl schmiergeld dort, ein parteiposterl dort usw. )

dumm deshalb, weil es eben nur eine zeitlang gut geht :-):-)

Re: märkte sind wie wasser ..

... und dass es anders geht zeigt ESTLAND!

http://www.welt.de/wirtschaft/article107771232/Estland-zeigt-Suedlaendern-den-Weg-aus-der-Krise.html

3 0

Selten dämlich

"....können die Vertreter Finnlands und der Niederlande das nicht verhindern..."

Nein, das kann nur Frau Glawischnig mit ihren "europaweit einzigartigen" Mitbestimmungsrechten.

Gast: gladiolus
03.07.2012 23:52
1 0

foisch

Ok, das Prinzip der Einstimmigkeit für Entscheidungen in den Gremien des ESM gilt nicht bei akuter Gefahr für den Euro. Das kann aber nicht heißen, dass ALLES gleich als akute Gefahr gewertet wird, und die 85%-Quote gilt. Das wäre absurd, das Argument, dass Finnen und Niederländer nur Theaterdonner veranstalten, ist daher falsch. Der Rat wäre äußerst schlecht beraten, gleich beim Antritt die akute Gefahr auszurufen. Dann schaffen sie nämlich auch keine 85% mehr.

Die Grünen werden das hoffentlich noch bedauern

Das schuldbewußt-verlogene Lächeln Glawischnigs in ihrem ZIB-Auftritt war recht aufschlußreich. Vordergründig haben die Grünen einen geschickten Schachzug getan, indem sie sich mit der Beihilfe zum Ruin Österreichs ihre Regierungsbeteiligung und gleichzeitig (gloria, victoria!) Strache-Verhinderung erkauft haben. Das dürfte allerdings bei der Bevölkerung nicht gut ankommen, sodaß der spätere Einfluß im Parlament (nachdem der Mohr seine Schuldigkeit getan haben wird) nahe Null sein wird. Mein schönster Tag wäre es, wenn alle drei Österreich-Ruinierer miteinander keine Mehrheit mehr hätten. Leider nicht allzu realistisch, aber verdient hätten sie es sich.

Man muss sich ja wirklich bei den Grünen

bedanken für diese tollen "Mitbestimmungsrechte". Nachdem der Euro immer in Gefahr sein wird, wird uns nach der morgigen Unterschrift nie mehr wieder jemand fragen, was wir wollen. Dann werden wir nur noch zahlen.

Gast: Hans im Glück
03.07.2012 20:06
0 0

Wer soll die Finnen zum Zahlen zwingen???

Das wird nie was.

Eher fress ich einen Besen.

Antworten Gast: FUP
03.07.2012 21:05
0 0

Re: Wer soll die Finnen zum Zahlen zwingen???

Kannst dir schon mal einen schönen Besen aussuchen.
Er soll dir ja auch schmecken, wenn du ihn schon freiwillig "frist":
http://www.buerste.at/content-26-buersten.html" target="_blank">http://www.buerste.at/content-26-buersten.html

Die Grünen verkaufen uns das aber, mit der Abstimmung im Parlament!


Antworten Gast: dfff
03.07.2012 21:33
0 0

Re: Die Grünen verkaufen uns das aber, mit der Abstimmung im Parlament!

...