Brüssel/Go. Als sich Herman Van Rompuy Ende Oktober 2010 unter @euHvR beim Kurznachrichtendienst Twitter anmeldete, nahmen nur wenige der rund 1000 in Brüssel akkreditierten EU-Korrespondenten davon Notiz. Das änderte sich spätestens am 4.Februar 2011: Da twitterte der Präsident des Europäischen Rates während eines laufenden Gipfeltreffens, dass sich die Staats- und Regierungschefs auf einen Pakt zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit geeinigt haben. Das hatte Nachrichtenwert, und in Diplomatenkreisen war man über die schnelle 140-Zeichen-Meldung, gelinde gesagt, weniger erfreut.
Seither sind die „Tweets“ Van Rompuys (die ohnehin zumeist von seinem Pressesprecher verfasst werden) braver und damit auch langweiliger geworden. Am Interesse der berufsmäßigen EU-Institutionenbeobachter, seien sie nun Journalisten, Lobbyisten oder Diplomaten, ändert das aber nichts: Knapp 70.000 Follower hat Van Rompuy, mehr als jeder andere Akteur der Brüsseler „EU-Blase“. Und Van Rompuy ist auch jener politische Entscheidungsträger, der in einer neuen Studie der Lobbyagentur Burson-Marsteller den meisten anderen politischen Führern folgt.
Die Unmittelbarkeit der Meinungsäußerung, ungefiltert und nicht von besorgten Pressesprechern zensuriert, macht den Nutzen von Twitter im schnelllebigen Brüsseler Politikgeschäft aus. Interessanterweise sind es vor allem zwei EU-Kommissarinnen, die Twitter besonders geschickt zur Meinungsmache nutzen. Cecilia Malmström (@MalmstromEU) nimmt sich kein Blatt vor den Mund (beziehungsweise vor die Tasten ihres Smartphones), um zum Beispiel am 13. Juli ihre Besorgnis über die drakonischen neuen Mediengesetze in Russland auszudrücken; ein offizielles Statement der Kommission dazu gab es nicht. Und die sehr kritischen Tweets von Viviane Reding (@VivianeRedingEU) zur Staatskrise in Rumänien haben Martin Schulz (@MartinSchulz), den Präsidenten des Europaparlaments und einen ihrer politischen Gegner, neulich zum verärgerten Kommentar animiert: „Kommissare, die twittern, vertreten nicht die Kommission, sondern sich selbst.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)
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