25.05.2013 02:16 Merkliste 0

Mario Montis Zwei-Billionen-Frage

15.08.2012 | 18:21 |  von unserem Korrespondenten Paul Kreiner (Die Presse)

Italiens Schuldenberg liegt bald bei 125 Prozent des BIPs. Nach der Haushaltskonsolidierung will die Regierung zumindest die Kuppe abtragen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Rom. Zumindest die letzte Steigerung, die war nicht selbst verschuldet. Und sie war ja mehr oder weniger für einen guten Zweck. Italiens Schulden, so sagte Regierungschef Mario Monti kürzlich dem „Spiegel“, machten dieses Jahr bereits 123,4 Prozent des BIPs aus – aber nur, weil Italien die Hilfen für andere europäische Krisenländer mitfinanziere: „Ohne diese Zahlungen lägen unsere Schulden bei 120,3 Prozent“, sagt Monti. Der Unterschied beträgt knapp 48 Milliarden Euro. „Italien selbst hat nicht einen einzigen Euro erhalten.“

Das Land steht derzeit mit 1960 Mrd. Euro in der Kreide; noch heuer könnte die Zwei-Billionen-Schwelle überschritten werden. In den vergangenen neun Monaten hat die Technokratenregierung um Monti den Haushalt mit Steuererhöhungen und einer Reform der öffentlichen Ausgaben so weit gefestigt, dass nicht nur ein Primärüberschuss in den Büchern steht, sondern – trotz Rezession – die Bilanz nächstes Jahr ausgeglichen sein wird. Jetzt geht es an das Abtragen der Schulden.

Eigentlich wäre alles ganz einfach: Wenn sich auch nur die Hälfte der italienischen Steuersünder zur Ehrlichkeit bekehrte, könnte der Staat mit jährlich 60 bis 70 Milliarden Euro an Zusatzeinnahmen rechnen. Damit ließe sich der Schuldenstand innerhalb von fünf, sechs Jahren schon einmal auf die Höhe des BIPs senken. Noch schneller, nämlich schlagartig, ginge das nach Ansicht von Wirtschaftsprofessoren, wenn Rom sich entschlösse, die Vermögen der Superreichen anzuzapfen. Dann kämen sogar bis zu 500 Milliarden Euro zusammen. Rechnerisch zumindest. Praktisch-politisch haben beide Ideen nicht den Hauch einer Chance.

 

Trennen vom restlichen Tafelsilber

Ein Staat in Geldnot aber, der seine Bürger nicht weiter anzapft, muss sich selbst abschöpfen. Deshalb laufen alle Vorschläge zur Schuldentilgung im Kern darauf hinaus, dass sich Regierung, Regionen und Kommunen von ihrem Immobilienbesitz und ihren Industriebeteiligungen trennen.

Einmal ging das schon gut. Aus der massenhaften Privatisierung staatlicher Unternehmen zwischen 1990 und 2005 erlöste Italien 100 Mrd. Euro, weit weniger, nur vier Mrd. Euro, brachte der Verkauf von Immobilien – damals schon. Weshalb also, fragen sich Wirtschaftsexperten, sollte das heute gutgehen, in der Krise, bei einem eingebrochenen Immobilienmarkt? Und was die Industriebeteiligungen betrifft: So furchtbar viele sind nicht übrig geblieben.

Trotzdem hält Finanzminister Vittorio Grilli im ersten Schritt den Verkauf von 350 staatlichen Gebäuden für möglich – von engen Sozialwohnungen über weitläufige Kasernenanlagen in bester Stadtlage bis zu mittelalterlichen Schlössern. 1,5 Mrd. Euro soll das schon 2013 bringen. Zusammen mit dem Verkauf staatlicher und kommunaler Beteiligungen denkt Grilli, in den nächsten fünf Jahren bis zu 100 Mrd. Euro einnehmen und den Schuldenstand um fünf bis sieben Prozentpunkte drücken zu können.

 

Sommerpause für Minister gestrichen

Den vierfachen Ertrag im selben Zeitraum verspricht Silvio Berlusconis „Volk der Freiheit“. Die Experten der Partei schlagen vor, alles, was im Staate Italien gut und wertvoll ist, einem privaten Fonds zu übertragen. Dieser solle Anleihen ausgeben, die aufgrund der Sicherheiten das allerbeste Rating erhielten. Damit könne der Fonds dem weniger euphorisch bewerteten italienischen Staat unter die Arme greifen.

Wirtschaftsprofessoren um den früheren Regierungschef Giuliano Amato setzen wie Finanzminister Grilli bei den allfälligen Veräußerungen nicht auf private Fonds, sondern auf die „Cassa depositi e prestiti“ (Cdp). Sie spielt eine ähnliche Rolle wie in Deutschland die KfW, die „Kreditanstalt für Wiederaufbau“. Ihre Bilanz steht außerhalb des Staatshaushalts. Erlöse kann sich der Staat nutzbar machen, Verluste werden nicht unter Staatsschulden verbucht. Das heißt: Durch den „Verkauf“ von Immobilien und Beteiligungen an die Cdp könnte Italien seine Schulden bilanztechnisch vermindern, ohne etwas aus der Hand geben zu müssen. Der Plan würde also auch in Krisenzeiten funktionieren.

Eine wochenlange Sommerpause „all'italiana“ gönnt sich diese Regierung nicht. Schon am 24. August tritt sie wieder zusammen. Mit konkreten Vorschlägen. So hat es Monti seiner Mannschaft verordnet.

Auf einen Blick

Italiens Schuldenstand machte bereits 123,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus und könnte heuer noch die Zwei-Billionen-Schwelle überschreiten. Da Sondersteuern für Reiche ebenso unwahrscheinlich sind wie eine spontane Hebung der notorisch schlechten Steuerzahlungsmoral der Italiener, bleibt als wichtigste Maßnahme zur Budgetsanierung der Verkauf von Immobilien und Industriebeteiligungen. Für Immobilien dürfte krisenbedingt allerdings derzeit nicht sehr viel zu holen sein, und viele Firmenbeteiligungen hatte man schon zwischen 1990 und 2005 verkaufen müssen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

7 Kommentare
0 0

Ganz interessanter Beitrag.....

Keiner weiß mehr was eigentlich stimmt, das Volk wird bewusst für dumm verkauft!!!

http://info.kopp-verlag.de/video.html ganz interessante Beiträge zu all den Themen, Monti/Bilderberger lässt grüßen!

Und die Familie Goldman Sachs auch
http://www.format.at/articles/1231/935/337228/der-euro-reissbrettwaehrung

die Figuren sind gesetzt und man wartet nur noch auch die akzeptanz des Volkes (nennen wirs warten)

Gast: Sag's mit Goldman
16.08.2012 20:29
0 0

Italiens Schuldenberg liegt bald bei 125 Prozent des BIPs

Dead Man Walking

Gast: EFF EFF
16.08.2012 02:30
0 0

Monti macht schönes Wetter für den ESM.

Rund 6% auf zwei Billionen macht 12 Milliarden Znisen per anno. Jeder Prozentpunkt, um den italienische Staatsanleihen am Sekundärmarkt fallen, sind rund 2 Milliarden zusätzlicher Verlust der ohnehin wertlosen italienischen Banken, deren Kreditausfälle rezessionsbedingt wachsen. Italien befindet sich bereits im rezessiven Sog des Austeritätsprogramms, das weitere Einnahmeausfälle und steigende Sozialleistungen hervorbringt. Monti weiß das ganz genau.
Ein Staat ist kein Privatunternehmen, das man einfach so durch Massenentlastungen gesund schrumpfen könnte. Viel weiter geht seine Technik jedoch nicht, als dass die superreichen Steuerhinterzieher nun durch den Verkauf von Volksvermögen nicht nur amnestiert, sondern sogar belohnt würden. Dabei sind es genau diese Geldsauger, die die dysfunktionale Kapitallallokation und damit die Staatskrisen forcieren. Dass die Vermögen der Reichen in der Rezession auf Kosten aller geschützt werden oder sogar noch weiter wuchern, ist sicher die schlechteste Strategie zur Lösung der Krise, möchte man ins Extrem getriebene us-amerikanische Verhältnisse vermeiden. Einen Neuwagen für 20 Dollar Anzahlung drei Monate tilgungsfrei als Arbeitsloser im Subprime-Sektor kaufen zu können, ist für den europäischen Geldadel nicht vorstellbar - Massenarmut hingegen schon.
Blutsauger wird man nicht los, indem sie immer weiter gemästet werden und der Hunger auf mehr ist bekanntlich unlimitiert.

Re: Monti macht schönes Wetter für den ESM.

Zur Klärung: Der Staat gibt festverzinsliche Anleihen aus. D.h. 4% für die nächsten 10 Jahre. Zinsen (Kupons) werden jährlich gezahlt, das Kapital am Ende der Laufzeit. Der Sekundarmarkt ist jener Ort, an dem diese Anleihen gehandelt werden, wenn sie schon jemand erstmals gekauft hat (daher "Sekundar"). Dort werden die Zinsen, die der Staat hat *nicht mehr* verhandelt. Daher ist es kein direkter "Verlust" für IT, wenn die "Anleihen fallen".
Das macht sich erst indirekt bemerkbar, wenn wieder Anleihen ausgegeben werden.

Da IT einen Primärüberschuss erwirtschaftet, gibt es wohl kaum ein abschreckenderes Beispiel für die negativen Auswirkungen von öffentlicher Verschuldung, als die im Artikel angesprochenen Zahlen. Im Grunde läuft´s darauf hinaus, dass der Staat die Zinsen nicht mehr bezahlen kann.

Was das Neuwagen-Beispiel betrifft, so ist es nicht nur für den Geldadel nicht vorstellbar. Es ist für niemanden vorstellbar, der noch ein Minimum an Verantwortung in sich trägt.

Rechenfehler

6% bei 2 Billionen sind 120 Mrd. Zinsen pro Jahr.

(selbstverständlich vollkommener Schwachsinn, da nur ein sehr geringer Teil der derzeitigen Schulden mit diesem Prozentsatz verzinst sind)

Italien Rettungskandidat Nr. 6?

In den letzten 2 Jahren wurden aus Italien über Euro 1000 Mrd. abgezogen, was nichts anderes bedeutet als dass internationale Investoren ihr Vertrauen verloren haben. Dieser Abgang wurde u. a. durch Mittel der Geberstaaten ersetzt, womit ein erhebliches Risiko bei den Steuerzahlern der Geberstaaten liegt.

http://regionaut.meinbezirk.at/schoenkirchen-reyersdorf/wirtschaft/grexit-folgen-fuer-oesterreich-d237908.html

Gast: HB4242
15.08.2012 19:32
1 0

Mario Montis Zwei-Billionen-Frage ...

Na mit den GS Erfahrungen dürfte das kein Problem sein !

Die wissen schon wie man das so macht ....