19.06.2013 09:29 Merkliste 0

Spindelegger "will kein amerikanisches System in Europa"

17.08.2012 | 18:27 |  von christian ultsch (Die Presse)

Außenminister Michael Spindelegger spricht sich gegen einen europäischen Bundesstaat und für eine "Stabilitätsunion" mit neuen Regeln aus - inklusive Euro-Austrittsmöglichkeit.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Die Presse: Sie haben hier beim Salzburger Trilog dazu aufgerufen, über das tägliche Krisenmanagement der EU hinauszuschauen. Zuletzt sind einige Politiker offen für die Vereinigten Staaten von Europa eingetreten. Teilen Sie diese Vision?

Michael Spindelegger: Die Vision ist nicht neu. Schon Winston Churchill hat davon gesprochen. Nur glaube ich, dass der Begriff falsche Assoziationen hervorruft, weil er durch die USA geprägt ist. Ich will kein amerikanisches System nach Europa bringen. Europa ist schon jetzt teils stärker vergemeinschaftet als die USA, etwa in der Agrarpolitik. In anderen Bereichen haben die EU-Mitglieder mehr Rechte als die US-Bundesstaaten. Ich möchte eine Stabilitätsunion in Europa kreieren, für die man vielleicht irgendwann einmal einen anderen Namen finden wird.

 

Und wie sieht Ihre Stabilitätsunion aus?

Wir wollen ein neues Vertragswerk aufsetzen. In der Währungsunion etwa soll es Konsequenzen geben für jene Länder, die sich nicht an gemeinsame Regeln halten. Enden kann das auch in einem Rauswurf eines Mitglieds. Das bisherige System hat mit Briefen und Mahnungen kaum Verhaltensänderungen bewirkt bei jenen, die Defizite gemacht und ihre Rechnungen an die Gemeinschaft weitergeschickt haben.

 

Was schwebt Ihnen noch vor?

Es soll mehr Demokratie geben: Ich schlage vor, dass der Kommissionspräsident direkt vom Volk gewählt wird. Das würde sowohl seine Stellung als auch die europäische Identität stärken. Ich habe mit zehn Außenministern der EU noch andere Ideen ausgearbeitet. Die nächste Vertragsänderung muss das System vereinfachen und mehr Europa bringen, vor allem in der Währungspolitik. Dann geht es uns auch besser.

Mehr Europa heißt Abgabe von nationalen Souveränitätsrechten. Wäre in Ihrer Konzeption die Kommission so etwas wie die Regierung Europas?

Ich glaube, die Kommission wird immer mehr zur Regierung werden und das wäre auch richtig.

 

Soll es dann eine Art Zweikammersystem geben – mit dem Parlament sowie dem Rat der Regierungschefs als Länderkammer?

Die EU ist ja jetzt de facto schon so konstruiert. Essenziell ist, dass immer zwei Institutionen miteinander entscheiden: das Europäische Parlament als direkt gewähltes Organ und anderseits die Staats- und Regierungschefs oder eine andere Formation.

Momentan haben die Regierungschefs ein starkes Übergewicht.

Derzeit ist das Regelwerk zu kompliziert. Es wird nicht durchschaut. Und deshalb haben Bürger auch kein Vertrauen in das System.

 

Und warum soll Ihr Konzept stabilisierend für den Euro wirken?

Stabilisierend wirkt eine Vision für Europa. Und die geht uns derzeit vor lauter Krisenmanagement ab. Man kann nicht eine Währungsunion haben, ohne eine gemeinsame Währungspolitik zu machen. Darum braucht die Union zukünftig mehr Rechte.

 

Die Eurokrise nähert sich dem Höhepunkt. Wann sollen diese Vertragsänderungen denn in Kraft treten?

Das geht nur in einem Konvent, der einberufen werden muss. Das dauert, ich weiß. Doch die Meinungen aus den einzelnen Ländern müssen einbezogen werden. Sonst wird es nicht klappen.

Wollen Sie das Reformpaket den Bürgern Europas zur Abstimmung legen?

Unbedingt. Wir müssen ein konkretes Konzept ausarbeiten und dann das Volk befragen.

 

Das letzte Mal ist die Abstimmung über die europäische Verfassung ins Auge gegangen.

Darum muss man die Sache diesmal anders vorbereiten und die Bevölkerung schon während des Konvents mitnehmen und nicht erst am Ende informieren. Bei diesem Projekt muss man regelmäßig auch mit Zwischenergebnissen an die Öffentlichkeit gehen.

 

Handelt der finnische Außenminister verantwortungsvoll, wenn er sagt, dass sein Land sich auf einen Kollaps der Währungsunion vorbereitet.

Ich würde das so nicht formulieren. Man muss wissen, was man bewirkt, wenn man etwas sagt.

 

Das heißt: Sie sprechen nicht über ein Auseinanderbrechen der Eurozone, aber bereiten sich darauf vor?

Jeder verantwortungsvolle Politiker hat immer verschiedene Szenarien im Kopf. Aber ich gehe davon aus, dass das Projekt Euro das Richtige ist und wir alles tun müssen, damit es funktioniert. Ich verwende meine Energie, um das EU-Vertragswerk zu ändern. Denn wenn man so weitermacht wie bisher, dann ist der Euro gefährdet.

 

Es kann sein, dass Griechenland bald wieder Geld braucht, weil es bei fast allen Wirtschaftsindikatoren erneut unter den Erwartungen bleibt. Zahlt Österreich da noch mit?

Wir warten den Bericht ab, den die Troika (IWF, EZB, EU; Anm.) im September vorlegt.

 

Kann es aus Österreich mehr Geld für Griechenland geben?

Das hängt von der Troika ab. Wenn Griechenland keine Fortschritte attestiert werden, kann ich es mir schwer vorstellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

128 Kommentare
 
12 3 4

Tagträumer

Europa besteht nicht ausschließlich aus den 17 Euro-Ländern. Will er mit den durch den Euro gestraften Ländern die "Vereinigten Staaten von Europa" gründen?

Der verbleibende, überwiegende Teil der Länder wird sich hüten, einem solchen Katastrophenverein beizutreten.

Bleibt nur die Frage: Wovon träumt Spindelegger eigentlich nachts?

Gast: Walter44
19.08.2012 21:51
0 0

Wundern darf man sich nicht!

Spindelegger war schon vorher eine "taube Nuss"! In dieser Funktion fällt es nur mehr auf.

Gast: Plach2
19.08.2012 21:49
0 0

Haben wir uns einen solchen Außenminister verdient?

Spindelegger befasst sich wochenlang nur mit Innenpolitik. Hat er einmal eine Meinung zur EU wird er am nächsten Tag öffentlich von Juncker aus Brüssel gerügt.

Das kann man sich vorstellen wie ernst in der EU Spindelegger genommen wird!

Klar Michi,


Klar Michi,


Gast: Zyni
19.08.2012 07:56
1 0

Wenn ich das Bild betrachte

so stelle ich mir den Hofrat Geiger vor: Mariandl, andl, aus dem Wachauer Landl....http://www.youtube.com/watch?v=UuGPVLmiOO8

2 0

Der Spindi

soll zurück in die Hinterbrühl, da kann er weniger anrichten...

Gast: Besucher
18.08.2012 19:13
0 0

Gast

Was Sie wollen interessiert die Weltpolitik überhaupt nicht. Nicht reden -> MACHEN!

denke nicht dass spindelwindel in irgendeiner weise auch nur den hauch einer ahnung hat wie das politische system in den usa funktioniert


Gast: b745
18.08.2012 18:36
0 2

und ich will keine övp in der regierung

das wäre schon ein großer schritt gegen korruption

Spindelegger ist auch ein ESM-Fan

und was das auch für Österreich bedeuten kann, sieht man hier:http://www.deutsche-mittelstands-nachrichten.de/2012/08/46370/
ESM-Kläger warnt Karlsruhe (Bundesverfassungsgericht): Vertrag bringt 3,7 BILLIONEN-Haftung für Deutschland. Nimmt man nur einen minimalen Teil davon, der auch für Österreich gelten wird, dann sind wir "geliefert". Will das der Vizekanzler oder weiß er das etwa nicht?

1 0

spindi

er ist doch auch nur ein sklave des systems dem sich keiner wieder setzen kann!!! armes schwarzes schaf

4 0

der Spindi ist die Scheinheiligkeit in Person

und nur allein wegen der Umfragewerte, zu solch Aussagen welche der eigenen Parteilinie völlig widersprechen, bereit.

Zum vergessen.

Gast: quaxi at
18.08.2012 16:44
0 0

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte -


Eine richtig fiese Darstellung; war wohl unabsichtlich.

Jedoch inhaltlich zutreffend.

Jetzt will Spindelegger keinen europäischen Bundesstaat...

... nach der Wahl kommt er dann drauf, dass sich inzwischen die 'Verhältnisse soweit geändert haben, dass er doch wieder einen Europäischen Bundesstaat wollen will......
Jetzt will er eine Volksabstimmung wollen, nach der Wahl will er das nicht mehr wollen würden könnte werden möglicherweise werden wollen würde er.

5 0

Spindelegger total den Spindoktoren ausgeliefert

Er weiß ja selber, dass das nicht geht was er da sagt. Außerdem ist das eine gewaltige Abkehr der bisherigen ÖVP-Linie. Leider gibt es so viele Dumme die ihm das abnehmen. Etwas mehr Rückgrat könnte nicht schaden. Nur weil Stronach Anti-EU-Töne schwingt glaubt die ÖVP aus Angst vor Wählerschwund, das auch machen zu müssen. Schüssel und Plassnig sind Europäer. Krass war es ja bei J. Pröll. Der litt jedesmal an Gedächtnisschwund wenn er aus Brüssel kam.

Gast: antisozi
18.08.2012 14:39
1 1

Vizekanzler

Ein wenig spät die Einsicht,sollte sie ernst gemeint sein.Leider werden durch den ESM-Vertrag mehrere Generationen Österreicher zur Kassa gebeten für etwas wo für sie nichts können.Sozialismus in seiner reinkultur,bis zum Untergang.Schade das sich eine Volkspartei der Mitte sich durch Sozialistisches Gedankengut so vereinnahmenläßt.Wem die ÖVP einen Wähleranteil anscheinend von 21% nun mehr zu verdanken hat,braucht man glaube ich hier nicht mehr zu schreiben.Steigbügel liegen an der seite beritten wird das Pferd von oben.Lasst es Euch eine LEHRE sein.

Europa muss in den Alltag.

Wir leben in der Union, haben aber kaum etwas mit ihr zu tun(vordergründig), und das nährt die Verschwörungs-und Weltuntergangsmenschen. Die EU ist eine der großartigsten politischen Projekte seit dem siegreichen Bürgerkrieg für die Nordstaaten und der Prozess der Schaffung der USA. Die EU ist mehr als ein politischer Apperat, und daran scheitert es derzeit, Europa kann nur besser funktionierne auch auf politischer Ebene wenn die Leute ihren Politikern klar zu verstehen geben, dass es um das WIR geht und nicht um "die Deutschen/Italiener/Österreicher) sondern das WIR in Europa. Auch die USA hat strukturschwache Bundesstaaten, aber keinen störts Transferleistungen für diese zu erbringen, so ist das in einer Familie.

Wir müssen zusammenwachsen, wir brauchen gemeinsame Rechte bei intellektuellen Eigentum, fernsehen muss europäisch werden, ich möchte alles empfangen können , sei es holländisches Fernsehen, oder spanisches, ich möchte das Zeitungen mehr über Europa berichten, wir müssen dieser Kleinstaatlichkeit entkommen die sich so festgefressen hat. WIR SIND EUROPA. Und die Kriese kann nur langfristig gemeistert werden wenn Europa mit einer Stimme spricht und Politiker des 20Jhd abwählt und den jungen des 21Jhd eine Chance gibt

Antworten Gast: A.B.C.
18.08.2012 23:20
0 0

Re: Europa muss in den Alltag.

Ihre Vorstellung ist sehr idealistisch und entspricht leider nur vom äußeren Schein der Realität.

Die USA ist ein Staat der Einwanderer mit nur paar Hundert Jahre Tradition, einer Sprache, einer Einheit, wenn auch ein Gemisch aus allen Völkern dieser Welt, aber eine Einheit als "neue Nation" mit "einer Sprache".
Also schon im Hinblick auf diesen Unterschied kann Europa in keiner Weise mit den USA verglichen werden.

Aber eins noch, den Finanzausgleich von dem Sie sprechen, den gibt es dort auch nicht - nur ist die Regelung zwischen dem was der Bundesstaat selbst bestimmt und was überregional ist, bereits eingespielt.


Re: Europa muss in den Alltag.

Träumen Sie weiter. Aber seien Sie nicht erstaunt, wenn Sie sich eines Tages auf dem Boden der Realität wiederfinden werden. Und Ihr Vergleich mit den USA hinkt. Wie sagte doch Kreisky? Lernen Sie Geschichte.

2 0

Re: WIR SIND EUROPA. Und die Kriese kann nur langfristig gemeistert werden wenn Europa mit einer Stimme spricht und Politiker des 20Jhd abwählt und den jungen des 21Jhd eine Chance gibt .

na hoffentlich nicht der Jugend welche seit vielen Jahrzehnten verbildet wurden um all das zu glauben, was man ihr täglich vorsetzt !

Die Eu ist alles, nur nicht das was sie vorgibt zu sein, denn sonst wären Bürgeraufstände wohl eher an der Tagesordnung !


Sonnenstich?

Heute zulange in der Sonne gelegen!

Antworten Gast: horst123456
18.08.2012 14:56
6 0

Re: Europa muss in den Alltag.

Dieses großartige Friedensprojekt EU war geprägt von Vertragsbrüchen und nicht gehaltenen Versprechungen zuungunsten der Solidität.
So anziehend die Friedensvision eines auch politisch geeinten Europas sein mag, es muss in der Realität auch funktionieren, demokratisch sein, transparent sein. Davon sind wir weit entfernt.

Antworten Antworten Gast: hk1190
22.08.2012 13:07
0 0

Re: Re: Europa muss in den Alltag.

Die Demokratie ist nicht ganz der richtige Ansatz, um das zu treffen, was unser höchstes Gut ist. Dies ist nämlich die Freiheit und es braucht Courage und Institutionen, die darauf achten! Die Demokratie ist ein Abfallprodukt der Freiheit und nicht umgekehrt. Die Demokratie hat einen Selbstmordmechanismus eingebaut und ist schon deshalb kein verläßliches Element. Im Übrigen wird der Begriff "Demokratie" derart überfrachtet, daß er an Aussagelosigkeit grenzt. Und nicht vergessen, der demokratische Vorgang ist etwas Technisches, das sich zu einem bestimmten Zeitpunkt abspielt und jederzeit geändert werden kann. Es hat so gar nichts von Religion!!!

Re: Europa muss in den Alltag.

leider kann man nur 1x rot stricherln!

Gast: Unit 731
18.08.2012 13:53
0 0

Super Bild

Erinnert mich an ein Lied von Ludwig Hirsch. Titel fällt mir gerade nicht ein, es beginnt aber so "Die Hebamme is scho da, heut Nacht wird's soweit sein." Kennt das wer?

 
12 3 4