Die Presse: Sie sind Vollblutpolitiker und stehen jetzt an der Spitze des Europäischen Forums Alpbach. Wird dieses nun politischer?
Fischler: Ich glaube an sich, dass das Europäische Forum Alpbach politisch genug ist. Ich würde eher sagen: Wenn, dann sollte das Forum Alpbach versuchen, noch Europa-politischer zu werden und die internationale Form noch mehr in den Vordergrund zu stellen, als das bisher der Fall war.
Zuletzt in der Ära Busek waren die Alpbach-Vizepräsidenten TU-Professor Erich Gornik und die Amerikanerin Kathryn List. Die sind nicht mehr dabei, unter Ihnen ist jetzt das Präsidium großkoalitionär besetzt.
Das ist falsch. Weil dem jetzigen Präsidium gehören zwar Caspar Einem, aber auch Frau Professor Sonja Puntscher-Riekmann, die einmal ein Mandat der Grünen hatte, Sonja Schmidt-Erfurth, die Chefin der Wiener Augenklinik und Claus Raidl an.
Ein ÖVP-naher Mann.
Ja schon, aber ich glaube, nur deshalb, weil jemand Mitglied in der ÖVP ist, bin ich der Meinung, ist das kein Grund, dass jemand in Alpbach nicht willkommen ist.
Reizt Sie persönlich die Politik eigentlich noch?
Die Politik im Sinne, ein Mandat zu haben, das reizt mich nicht mehr.
Zuletzt waren Sie in den Medien als Zwischenrufer, als Kritiker Ihrer Partei im Bewusstsein - weil Ihnen an der ÖVP viel liegt oder weil sie gerne kritisieren?
Zum Ersten ist das eher ein Bewusstsein, das die Journalisten für sich entwickelt haben und nicht ich. Mir geht es überhaupt nicht um ein Kritisieren, ich hab' mich eher auch sehr zurückgehalten. Ich könnte hunderte Interviews geben, um irgendjemanden zu kritisieren. Da habe ich überhaupt kein Interesse daran. Mich interessiert nur die Sache. Natürlich, wenn ich das Gefühl habe, dass irgendwo etwas falsch läuft, dann scheue ich auch nicht davor zurück, meine Meinung zu haben, dass man etwas verbessern sollte.
Es läuft doch in der österreichischen Politik einiges falsch.
Ja, das kann man an jeder Meinungsumfrage und an der Tatsache, dass neue Parteien gegründet werden, dass laufend die Wahlbeteiligung zurückgeht, das kann man ja auch als objektiven Befund ablesen. Das ist ja nicht meine private Meinung, sondern das ist ja ein objektiver Fakt, den jeder Politologe unterschreiben wird.
Ist sozusagen eine ideale Partei, mit der auch ein Fischler hundertprozentig einverstanden ist, real?
Nein, das ist völlig irreal, es gibt keine ideale Partei. Weil es liegt in der Natur einer Partei, dass sie Kompromisse schließen muss.
Zurück zu Alpbach: Etwas übertrieben ist Alpbach eine Art Sammelsurium von Einzelveranstaltungen, das geht von Medizin, Technologie, Wirtschaft und Politik bis zur Architektur. Wird das so bleiben?
Sie übertreiben sicher. In Wirklichkeit ist es so, dass Alpbach natürlich historisch gewachsen ist. Aber schon zum Beginn, im Jahr 1945, war Alpbach sehr vielfältig. Es ist eines der Prinzipien von Alpbach, dass man versucht, interdisziplinäre Diskussionen zu führen. Dass man also nicht nur in einem bestimmten Fach zu Hause ist. Das macht eigentlich den Charme von Alpbach aus, und in der Zwischenzeit ist eigentlich einer der wichtigsten Faktoren, dass Alpbach die einzige europäische Veranstaltung ist, wo die Jugend eine große Rolle spielt. Es gibt keine zweite derartige Veranstaltung, wo es bis zu 1000 junge Menschen gibt. Das macht Alpbach so spannend, dass wir Diskussionen führen, die auch die Jungen interessieren, dass wir also nicht nur am Puls der Zeit sind, sondern auch einen Blick in die Zukunft werfen.
Wie werden Sie sich einbringen, was werden sie als neuer Präsident verändern?
Da bin ich nicht allein, sondern wir agieren als Team stellen zusammen einige Überlegungen an, was man vielleicht noch besser machen könnte. Für heuer haben wir einen neuen Tirol-Tag organisiert, der nicht nur ein Bundesland-Tiroltag ist, sondern ein Tag der Europaregion Tirol (Tirol, Südtirol, Trentino, Anm.). In Zukunft wollen wir, dass man noch stärker, als das bisher der Fall ist, unterschiedliche Positionen präsentiert, weil logischerweise unterschiedliche Positionen viel, viel stärker zur Diskussion anregen.
Also die Diskussion als wesentliches Element.
Die Diskussion ist ganz wichtig, davon lebt eigentlich Alpbach. Und das zweite, was wir wollen, ist, dass man nicht nur diese klassische Paneldiskussionen macht, sondern dass man vielleicht auch neue Formate versucht. Aber das ist zum Teil auch eine Frage des Ausprobierens. Zum dritten geht's uns darum, dass wir vielleicht eine stärkere Beziehung der Einzelveranstaltungen zu dem jeweiligen Jahresthema schaffen.
Für 2013 ist das Generalthema ja bereits festgelegt.
Das ist schon festgelegt und heißt „Erfahrungen und Werte“. Wir wollen, dass man dieses Generalthema in den verschiedenen Gesprächen, ob das die Wirtschaftsgespräche oder die politischen oder die anderen sind, dass das Thema wiedererkennbar wird.
Da ist auch eine Wertediskussion zu erwarten.
Wenn wir über Erfahrungen und Werte als Thema diskutieren wollen, müssen wir natürlich eine Wertediskussion führen. Die wird sehr im Zentrum stehen.
Was erwarten Sie sich da als Sukkus?
Das ist nicht mit einem Satz beantwortbar. Auf der einen Seite wird im nächsten Jahr sicher eine Rolle spielen, was man europäische Werte nennt, wie sie im Artikel 2 des Lissabon-Vertrages nachzulesen sind. Da geht es um die bürgerlichen Werte, da geht es um die Frage auch der Solidarität, um die Frage der Werte, wie sie schon vorgeprägt worden sind in der französischen Revolution. Es wird aber durchaus auch um Werte im Sinne von religiösen Werten gehen, die auch in unserer christlichen Tradition verankert sind. Weiters z. B. um den Wert unserer natürlichen Ressourcen, unserer Umwelt, die Frage der Nachhaltigkeit und vieles andere. Es geht eigentlich darum, nicht über die Werte als Werte zu diskutieren, sondern über eine Wertorientierung der Gesellschaft.
Eine recht konservative Diskussion.
Was heißt konservativ? Genau genommen ist per Definition eine wertorientierte Debatte konservativ. Konservativ im guten Sinn dieses Wortes, dass man darauf aus ist, Werte, die man hat, zu bewahren. Was wir nächstes Jahr nicht vorhaben ist, dass wir eine Alpbacher Revolution anzetteln und alle Werte unserer Gesellschaft und alle Werte Europas über Bord werfen.
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