Wien/Berlin/aga. Der Wind hat gedreht. In Deutschland wächst die Skepsis über die Vorteile der Europäischen Union frappant. Der größte Nettozahler der EU will offenbar nicht länger die Hauptlast für die Probleme der Schuldenländer tragen. So sind laut einer neuen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zwei Drittel der Deutschen der Meinung, dass es ihnen besser ginge, wenn es statt des Euros noch die D-Mark gäbe. „Das Problem ist, dass alle immer nur von der Höhe der finanziellen Aufwendungen in der Eurokrise reden“, sagt Cornelius Ochmann von der Bertelsmann-Stiftung zur „Presse“. Sowohl Politik als auch Wirtschaft seien gefordert, einerseits besser zu kommunizieren. Wichtig sei andererseits, auch die Vorteile der EU herauszustreichen. Denn die Skepsis der Deutschen manifestiert sich nicht allein in der Eurokrise. Insgesamt glauben nur noch 52 Prozent der Bevölkerung, dass sich aus der EU-Mitgliedschaft eher Vorteile ergeben. 32 Prozent sind der Überzeugung, dass die Nachteile überwiegen. Sogar fast die Hälfte (49 Prozent) ist der Meinung, dass es ihnen ohne die Europäische Union besser ginge.
Franzosen und Polen positiver
Auch was die berufliche Situation anbelangt, sehen die Deutschen in der EU eher eine Bedrohung als eine Chance: So glauben 52 Prozent, dass sie auf dem Arbeitsmarkt ohne EU bessere Möglichkeiten hätten oder diese jedenfalls gleich gut wären.
Dagegen sind die Bürger in Frankreich und Polen – wo die Umfrage ebenfalls durchgeführt wurde – der EU gegenüber weit positiver eingestellt. So glaubt in beiden Ländern eine Mehrheit der Bevölkerung, dass sowohl die persönliche als auch die berufliche Situation ohne EU-Mitgliedschaft schlechter wären.
„In Frankreich und Polen gibt es so etwas wie ein europäisches Lebensgefühl“, sagt Ochmann. „In Deutschland hingegen betrachten die Menschen alles nur noch unter dem Gesichtspunkt der Kosten.“ Um diese Einstellung zum Positiven zu verändern, müsse der Diskussionsprozess wieder in eine andere Richtung gehen. Denn: „Die EU ist eine Wertegemeinschaft und keine Aktiengesellschaft.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)
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