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Prodi: "Merkels Hinhaltetaktik hat Krise verschärft"

20.09.2012 | 18:13 |  von anna gabriel (Die Presse)

Der ehemalige italienische Regierungschef und frühere Kommissionspräsident Romano Prodi plädiert für eine demokratischere EU. Wichtige Maßnahmen in der Krise seien Eurobonds und EZB-Anleihenkäufe. von anna gabriel

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Die Presse: Die EU befindet sich seit drei Jahren in einer schweren Krise, täglich werden wir mit neuen Schreckensmeldungen konfrontiert. Darf ich salopp fragen: Wie tief stecken wir eigentlich wirklich im Schlamassel?

Romano Prodi: Ich gebe zu, die Situation ist kritisch. Aber es gibt eine europäische Tradition: Ist die Spitze der Krise erreicht, geht es wieder bergauf. Was in den letzten Wochen passiert ist, lässt mich hoffen: Die Entscheidung der EZB, unbegrenzt Staatsanleihen krisengeschüttelter Länder zu kaufen ist ebenso positiv zu bewerten wie jene des deutschen Verfassungsgerichts, den ESM durchzuwinken. Für noch wichtiger halte ich den Ausgang der Wahl in den Niederlanden, wo proeuropäische Parteien die Nase vorn haben. Die Erholungsphase wird dennoch lange dauern. Die nächsten zwölf Monate – also die Zeit bis zur deutschen Wahl – wird kritisch. Es wird schwierig sein, bis dahin große Entscheidungen durchzusetzen.

War die Politik des Zögerns der deutschen Kanzlerin schon in der Vergangenheit mitschuld daran, dass sich die Krise verschlimmert hat?

Die Hinhaltetaktik Angela Merkels hat die Krise bestimmt verschärft. Sicher, Deutschland ist in einer schwierigen Situation. Viele sehen sich als Opfer der europäischen Einigung. Andererseits muss man sagen: Wenn Merkel in manchen Situationen schneller gehandelt hätte, wäre der Prozess der Krisenrettung auch früher vorbei gewesen.

Die Kommission hält sich seit Ausbruch der Krise auffallend im Hintergrund. Warum?

Das müssen Sie den heutigen Präsidenten fragen.

 

Sie teilen also diese Meinung?

Die Kommission sollte wieder eine politische Kraft sein, die proaktiv Vorschläge macht.

 

Wären Sie noch Kommissionspräsident – was wären die Schritte, die Sie in der jetzigen Situation setzen würden?

Wir müssen uns heute fragen: Wollen wir nach vorn oder zurück gehen? Nach vorn gehen heißt, die EU-Institutionen zu stärken und den demokratischen Prozess zu vertiefen. Die Anonymität der europäischen Entscheidungsprozesse muss minimiert werden.

 

Sie befürworten den Vorschlag von elf EU-Außenministern, den Kommissionspräsidenten direkt zu wählen?

Natürlich, so würde die Kommission eine demokratischere Institution. Auch das Parlament sollte mehr Rechte erhalten und Wahlen sollten auf einem europäischen Level stattfinden. Ich bin aber nicht naiv – eine politische Union im Sinn von Vereinigten Staaten von Europa wird viel Zeit benötigen. Wir haben ja auch 50 Jahre gebraucht, um dahin zu kommen, wo wir jetzt sind. Der Integrationsprozess wird ähnlich lange dauern.

Welche kurzfristigen Maßnahmen zur Krisenbewältigung schlagen Sie also vor?

Zum einen brauchen wir eine Vergemeinschaftung von Schulden in Form von Eurobonds, weil sonst jeder Staat permanent Gefahr laufen würde, ein Opfer der Spekulationswut zu werden. Auch die EZB muss eine stärkere Rolle übernehmen.

Das ist bereits der Fall. Sie sehen also keine Gefahr darin, dass die EZB jetzt unbegrenzt Staatsanleihen kauft?

Das ist ein notwendiger Schritt, weil kein europäisches Land heute noch souverän ist. Manche Deutschen glauben ja, sie könnten alles auch allein managen. Dabei muss man bedenken, dass sie erst durch den Euro so stark geworden sind. Würden die Deutschen aus der Währungsunion austreten, würde der Wechselkurs den Export völlig zusammenbrechen lassen. Jedes Land in Europa ist von den anderen Mitgliedstaaten abhängig. Die einzigen souveränen Staaten der Welt heißen USA und China.

Wird Italien in zehn Jahren noch Teil der Eurozone sein?

Natürlich. Es gibt kein Europa ohne Italien. Die EU war zuerst ein Zusammenschluss der deutschen und der lateinischen Kultur, später kamen die Angelsachsen und Slawen dazu. Heute ist es völlig unmöglich, eine dieser Kulturen wieder zu entfernen. Und nebenbei: Die Lira war ja auch nicht gerade die beste Währung der Welt.

 

Der ehemalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat dennoch vor einiger Zeit einen Austritt Italiens aus der Eurozone erwogen...

Berlusconi? Der sagt doch jeden Tag etwas anderes.

Sie sind also sicher, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren kein Land die Eurozone verlassen muss?

Ziemlich sicher. Ich glaube auch nicht, dass es Griechenland trifft – obwohl ich natürlich nicht ausschließen kann, dass dieser Fehler trotzdem geschieht. Der Schaden für die restliche Eurozone wäre jedenfalls viel größer als der Nutzen: Immerhin haben unter anderem auch französische und deutsche Banken viel in das Land investiert. Es wäre also der günstigere Weg, Athen weiter zu unterstützen. Im Gegenzug muss es natürlich ernsthafte Sparmaßnahmen geben. Im Übrigen konnte Griechenland seine Budgetzahlen vor dem Beitritt zur Eurozone ja nur deshalb so schönen, weil Deutschland und Frankreich unter italienischer Ratspräsidentschaft damals jegliche Budgetkontrolle verweigert haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)

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19 Kommentare

Prodi ist eine Ursache der Krise!!

Als Prodi sollte man derzeit gaaanz ruhig im Eckerl sitzen!!

Schnorrer

Die Schnorrerländer haben die Macht an sich gerissen und wollen jetzt das Vermögen der Deutschen und Österreicher durch Inflation verbraten.

Gast: Hans im Glück
21.09.2012 12:56
2 0

Die nächsten zwölf Monate – also die Zeit bis zur deutschen Wahl – wird kritisch.

So lange wird es nicht mehr dauern.

Nach den US-Wahlen wird es crashen.
Manche meinen es wird noch im März bzw. April 2013 passieren.

Ist die Spitze der Krise erreicht, geht es wieder bergauf

Das hat der wirklich genau so gesagt? :-)

Lexikon der kontraproduktiven Wortspenden

Eintrag # 666

Danke Herr Prodi.

Natürlich wäre es für Italien besser gewesen,..

..wenn Deutschland gleich ohne wenn und aber überwiesen hätte. Nur der deutsche Kanzler ist, wie der Name schon sagt, der Kanzler von Deutschland und nicht von Italien.

Prodi ist nicht einfach irgendein Italiener

Prodi gehörte bereits früh (1990–93) zu den Internationalen Beratern von Goldman Sachs in Europa.

Und jetzt diktieren uns die Club Med Staaten wo der letzte Rest von Wohlstand und Zukunftsvorsorge verpulvert wird?

Prost, Mahlzeit.

Warum befragt man einen Italiener?

Klar, dass der für Eurobonds und eine Liraisierung des Euro einsteht. Anderes würde harte Arbeit bedeuten, da lebt es sich schon besser, wenn man weiterwurschtelt.

Re: Warum befragt man einen Italiener?

Warum befragen wir jemanden der bei Goldman Sachs war und jetzt Politiker spielt?

http://de.wikipedia.org/wiki/Goldman_Sachs

Zitat: " Prodi gehörte bereits früh (1990–93) zu den Internationalen Beratern von Goldman Sachs in Europa"

Antworten Gast: Glaubtsnyx
21.09.2012 10:03
3 0

Re: Warum befragt man einen Italiener?

Der schwache Euro hilft den Italienern keine Bohne. Damit können sie ihren Europaausenhandel nicht ausbalancieren. Dazu bräuchte es die echte Lira in Italien. Ihre Autos könnten sie leichter exportieren und im eigenen Land müsste man wieder Fiat kaufen, statt Luxuswagen aus Deutschland. Wie man sieht, gibt es durch diese Euro Schieflage ganz gezielte privatwirtschaftliche Einzelinteressen, während man die Probleme (Bürgschaften, ESM, usw.) in Deutschland sozialisiert.

Gast: wer wenn nicht er
21.09.2012 08:17
2 0

Merkels Hinhaltetaktik...

...hat die Südländer dazu gezwungen, ihre überzogenen Außenhandelsdefizite und Budgetdefizite in den Griff zu bekommen.

Dieser Prozess ist zwar schmerzhaft und kostet Wachstum, ist aber letztlich unumgänglich.

Die USA und Japan werden später einen viel härteren Weg gehen müssen, da sie mit der Konsolidierung länger warten...

3 0

Merkels Hinhaltetaktik hat Krise verschärft

es sind wohl eher die Milliarden an Schulden die einige Staaten angehäuft haben. Dank dem Rettungsschirm kann aber ungehindert weiter gemacht werden!

Re: Merkels Hinhaltetaktik hat Krise verschärft

Gelesen was das neue EZB Gebäude kostet?

850 Millionen waren kalkuliert, weil aber die "Baustoffe so teuer" wären kommen nochmal 200 Mio dazu, also 1,05 Milliarden Euro bei Fertigstellung 2014!

Gast: Tax Blecher
21.09.2012 07:54
4 0

Hinterhalttaktik

Nicht Hinhaltetaktik. Und nicht jene Merkels. Sondern die aller Verantwortlichen haben die Problemstellung in der Vergangenheit konstruiert.

Gast: @Meisterzaubererlehrling
21.09.2012 07:28
7 0

Ahja der ehemalige Meisterzaubererlehrling

Unter seiner Ägide hat man den Investmentbanken, den Börsen, den Spekulanten sämtliche Freiheiten gegeben und gelassen, die uns zum Tiefpunkt in der Finanzwirtschaft geführt haben. Noch dazu ist er ein ausgebildeter Volkswirtschafter. Für ihn wäre es besser er würde sein Dornröschenschläfchen weiterführen.

11 0

Dummes Geschwafel eines am deutschen Geld interessierten Politikers.

Merkel ist an die Spielregeln der deutschen Verfassungs gebunden. Demokratie ist halt mühsam und 80 % der Deutschen (und Österreicher) halten die ClubMed Staaten für Fässer ohne Boden.

italiens kathegorische unfähigkeit hat die krise verschärft!

italien hat 120% des BIP schulden, nominell steht italien mit 1,8mrd € in der kreide!
das sind "nur" 200 mio weniger als das sowohl was wirtschaftskraft alsauch bevölkerung betrifft wesentlich größere deutschland

das sind die volkswirtschaftlichen fakten her prodi, fakt ist außerdem, dass sie in ihrer bescheidenen amtszeit wohl kaum etwas getan haben um die wirtschaftliche misere italiens in den griff zu bekommen!

nun zu deutschland: die sind so stark geworden, weil ihre industrie eine der besten der welt ist!
"made in germany" hat einen extremst guten ruf weltweit, dem vermutlich nur "swiss made" das wasser reichen kann, ganz im gegensatz zu "made in italy"!

es hat einen grund warum so viele leute deutsche autos und maschinen kaufen, weil deren qualität top ist, was man von itlaienischen autos nicht behaupten kann!
der euro hat damit wenig zu tun, denn auch ohen euro wären deutsche produkte immer noch leistbar, weil die deutschen erstens die löhne nicht so exorbitant angehoben haben wie der club med, und zweitens, weil die Bundesbank vermutlich dafür sorgen würde, dass die d mark nicht davongallopiert!

und ja es gibt ein europa ohen italien!
genauso wie es ein südtirol ohen italien geben wird!

5 0

prodi

kann jemannd den mann erklaeren was demokratie wirklich beteutet und wo sie hinfuehrt, naemlich zwangslaeufig in eine tyrannei und wir sind am besten wege dahin!


Antworten Gast: Hans im Glück
21.09.2012 12:52
0 0

Re: prodi

Wir haben eine Republik und daran sollten wir festhalten.