Brüssel. Wenn Daniel Cohn-Bendit und Guy Verhofstadt im Europaparlament die Stimme erheben, tut man gut daran, die Lautstärke der Mikrofone herunterzudrehen. Leidenschaftlich, bissig und mit dem dröhnenden Brustton der Überzeugung schwingen der Grüne und der Liberale ihre Reden. Eines eint den früheren Kopf der Pariser Studentenrevolte und Belgiens einstigen Ministerpräsidenten: das Bekenntnis zu einer Überwindung der Nationalstaaten, verbunden mit der Forderung, das europäische Einigungswerk auf den Fluchtpunkt der Vereinigten Staaten von Europa zulaufen zu lassen. Und so haben sich Cohn-Bendit und Verhofstadt zusammengefunden, um das Manifest „Für Europa!“ in neun Sprachen herauszubringen.
Manifeste sollen etwas handgreiflich machen. Und so beginnt es handfest: „Angriff ist die beste Verteidigung.“ Rabiat bleibt es bis zum Schluss, wo europaskeptische EU-Abgeordnete als „Quertreiber, die, um es klar zu sagen, auf Europa scheißen“ verunglimpft werden. Davor bekommen seitenweise die nationalen Regierungen ihr Fett ab. Die Frage, wie diese offenbar so bornierten Nationaldeppen die EU schaffen konnten, wird ausgeblendet. Die Ideen für das föderale Europa hat man dafür bereits x-mal gehört: EU-Kommissare zu EU-Ministern, Initiativrecht fürs Europaparlament, der Rat dafür ins zweite Glied. Doch Widersprüche auch hier, wenn die Autoren „unabhängige europäische Institutionen“ wie die Zentralbank fordern, die aber „unter der direkten Kontrolle einer demokratischen Volksvertretung“ stehen sollen. Politiker, die in die Geldpolitik hineinpfuschen: wohl keine gute Idee. Dazwischen Stilblüten (Europa als „facettenreicher Bienenkorb“, der Appell, nicht „vor Schreck die Hörner einzuziehen“) und Redigierfehler: Man mag von schottischen Nationalisten halten, was man will, aber die Schlacht von Bannockburn fand 1314 statt, nicht 1913 (sic!). Schade: Von diesen klugen Männern hätte man sich mehr erwartet als eine hastig hingekritzelte Handgreiflichkeit.
Daniel Cohn-Bendit
Guy Verhofstadt
Für Europa!
Ein Manifest
Deutsch von Philipp Blom. Hanser, 144 Seiten, 8,30 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2012)
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