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Barrosos magere Halbzeitbilanz

26.10.2012 | 18:45 |  Von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

Die Europäische Kommission trat ihre Amtszeit 2010 mit ehrgeizigen Plänen an. Doch viel Wichtiges blieb wegen der Finanzkrise und erstarkter nationaler Egoismen liegen.

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Brüssel. Die Affäre um den Rücktritt des EU-Gesundheitskommissars John Dalli und das vorläufige Scheitern einer EU-weiten gesetzlich bewehrten Frauenquote für Unternehmensaufsichtsräte werfen ein Schlaglicht auf gewichtiges Problem der aktuell im Amt befindlichen Europäischen Kommission: Zahlreiche wichtige Gesetzesvorhaben liegen seit Jahren in den Schubladen der Brüsseler Behörde oder verhungern im Stellungskrieg zwischen Europaparlament und nationalen Regierungen. Und einige Lieblingsprojekte des Collège unter Führung von Kommissionspräsident José Manuel Barroso waren so fehlerhaft konzipiert, dass sie schon kurz nach ihrem Inkrafttreten wieder überarbeitet werden mussten.

 

Fünf Jahre Rauchpause

Dalli verlor sein Amt, weil er sich nicht entschieden genug gegen die Einflussnahme von Lobbyisten der Tabakindustrie auf seine Novelle der Richtlinie über Tabakprodukte gewehrt hatte. Eine Novelle, die ziemlich lange auf sich warten lässt: Im November 2007 (!) schon hatte die Kommission einen Bericht erstellt, der die Notwendigkeit einer Neufassung festhielt.

Wieso ein halbes Jahrzehnt lang nur Papier zwischen Generaldirektionen hin- und hergeschoben wurde, ist klar: Kaum ein Thema regt die Bürger mehr auf als EU-Vorgaben dafür, wie Zigaretten und andere Rauchwaren hergestellt, aromatisiert, verpackt und beworben werden. Barroso hat offenkundig kein großes Interesse, sich an diesem heißen Eisen die Finger zu verbrennen.

Zumal er mit ambitionierten Gesetzesvorhaben seines Teams bisweilen seine Not hat. Die Frauenquote, von der ehrgeizigen Vizepräsidentin Viviane Reding mit viel Aplomb vorangetrieben, spaltete am Dienstag das 27-köpfige Collège. Zu unsicher sind sich viele Kommissare, ob ihre Behörde für sanktionenbewehrte verbindliche Quoten eine rechtlich ausreichend belastbare Zuständigkeit hat.

 

Rehn stiehlt allen die Show

Freilich monopolisiert die Finanzkrise die Arbeit dieser Anfang 2010 angetretenen Kommission. „Das Dominante ist der wöchentliche Bericht von Rehn, begleitet von Barniers Aktivitäten“, berichtet ein Teilnehmer der wöchentlichen Sitzungen. Olli Rehn, für Wirtschaft und Währung zuständig, ist mit Binnenmarktkommissar Michel Barnier für die Umbauarbeiten in Sachen Euro und Finanzwirtschaft verantwortlich. Die beiden arbeiten gewissenhaft, sie sind gut beraten und erkennen viele systematische Probleme früh.

Und trotzdem misslingen ihnen zentrale Reformen. Die Europäische Bankenaufsicht zum Beispiel, mit viel Pomp und Trara Anfang 2011 aus der Taufe gehoben, erweist sich schon ein Jahr danach also so leistungsschwach, dass Barniers Experten schon an einer Nachfolgerin – dieses Mal mit der Europäischen Zentralbank in einer Pivot-Rolle – tüfteln müssen.

 

Düstere Prognose

Gewiss: Der Misserfolg von Barniers Bankenaufsicht liegt vor allem daran, dass es die EU-Verträge nicht erlauben, Agenturen die Zuständigkeit für Letztentscheidungen voll zu übertragen. Und Rehn kann sich auf jeden Fall seiner Reformen der Kontrolle des Stabilitätspaktes rühmen, die zumindest für mehr Transparenz und das frühere Aufzeigen von wirtschaftlichen und budgetären Schieflagen sorgen.

All das wird aber überschattet vom verschärften Eigensinn der Regierungen, die angesichts hoher Arbeitslosigkeit und der wachsenden EU-Feindschaft vieler Bürger besonders unwillig sind, mit „Brüssel“ zusammenzuarbeiten. Das lässt für einige wichtige Vorhaben Barrosos Böses erahnen: sei es die lange aufgeschobene Reform der Arbeitszeitrichtlinie, die Einhegung der Schattenbanken oder die Schaffung eines EU-Staatsanwaltes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)

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9 Kommentare

die kommission ist ein heuchlerverein!

die zurecht von den bürgern der EU verabscheut wird!

mit dalli hat man ja auch gesehen wie korrupt diese aristokraten sind!

auf ungarn dreschen barroso und seine korrupten kumpanen liebendgern ein, den bürgern verbieten sie die glühbirnen (würd eh gerne wissen mit wievielen millionen die kommissionsbagage da wieder geschmiert wurde, da die leuchtmittel konzerne hier viel höhere magen mit ihrem engergiesparenden giftmüll einfahren als mit den bösen glühbirnen)
wenn es aber darum geht gegen die rechtsbrecher in der EZB und ESM/ESFS vorzugehen dann schweigen diese feigen hunde!

Erstarkter "nationaler Egoismen" ...

.. Dass die Bürger Europas beim EU-Zirkus auch was mitreden wollen, scheint der EU-Diktatur nicht ganz zu passen ....

Aber wird schon werden, schlussendlich wäre es in Europa nicht der Erste Volksaufstand der ein Regime zum stürzen bringt.

Gast: YES1000
27.10.2012 09:17
2 0

Barroso

hat noch nie irgendwas zuwege gebracht. Und genau deswegen ist er Kommissionspräsident. Einen Delors wollen die eifersüchtigen Mitgliedstaaten nicht.

Frei nach dem zweitgrössten SPÖ-Vorsitzenden aller Zeiten:

Prost Herr Barollo!!!!

8 0

Immerhin blüht die grenzüberschreitende Kriminalität

und die Staaten stecken in dem aberwitzigen Schuldenkonstrukt ESM - wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Was früher als verantwortungsvolle Politik galt

betitelt man heute als "nationale Egoismen".

Gast: Husch & Pfusch
26.10.2012 21:00
2 0

Zwischenbilanz


Eigentlich muss man sagen, dass die Probleme, die wir derzeit haben, von der EU erst verursacht wurden.
Das "Friedensprojekt" wirkt inzwischen reichlich ausgelutscht, denn die Völker Europas haben auch ohne EU keine Lust auf Krieg.

Es geht doch nur um's Geld. Die Interessen der grossen Masse der Bevölkerung wird überhaupt nicht mehr wahr genommen, die Politik wirkt mittlerweile wie ferngesteuert.

Bevor das Ganze unwiderruflich im Chaos endet, sollte man mit dem Rückbau beginnen, und wieder übersichtliche Strukturen schaffen. Unsere Politiker wirken hoffnungslos überfordert, können ja selber keine erstrebenswerten Ziele mehr glaubhaft darstellen, was Hand und Fuß hätte.

4 1

stimmt

nicht - die KOSTENbilanz ist absolut nicht mager.

Gast: PÖHSE
26.10.2012 20:15
2 2

Schickt ihm die halbseidene Schnur...



er soll sich damit die Schuh zammbinden, und auf Wanderschaft gehen !