Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat vor den Folgen einer zu langen Verzögerung des EU-Beitritts seines Landes gewarnt. Auf die Frage, ob die Türkei 2023 ein Mitgliedsstaat der Union sein werde, sagte Erdogan am Dienstagabend in Berlin: "So lange wird man uns nicht hinhalten. Aber sollten sie das tun, dann wird die Europäische Union verlieren, zumindest die Türkei".
Erdogan bot auch Hilfe in der Euro-Krise an. "Wir erstarken von Tag zu Tag", sagte er. Die Türkei werde jeden Beitrag leisten, damit die Euro-Krise überwunden werden könne. Sein Land werde keine Belastung für die EU sein: "Wir kommen, um Last zu übernehmen". Erdogan hatte zuvor die neue türkische Botschaft in Deutschland eröffnet. Am Mittwoch trifft er die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merke.
"Partnerschaft bringt uns zum Lächeln"
Der türkische Europaminister Egemen Bagis schloss sich Erdogan am Mittwoch an. "Die Türkei will Vollmitglied werden und wird sich auf etwas anders nicht einlassen, sagte er in Berlin. Eine "privilegierte Partnerschaft", wie sie Merkel angeboten hat, lehnte Bagis ab. "Das bringt uns zum Lächeln", sagte er bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Bagis betonte, das Land bemühe sich schon seit 1959 um eine Mitgliedschaft. Von Anfang an habe die Annäherung an die EU als Motivation für Reformen gewirkt. "Die heutige Türkei ist nicht mehr die Türkei von damals", sagte er. Das Land habe heute die am schnellsten wachsende Wirtschaft Europas.
Bisher hat die Türkei allerdings lediglich eines von 35 Verhandlungskapiteln für den EU-Beitritt abgeschlossen, und die EU-Kommission sieht bei Menschenrechten und Meinungsfreiheit in dem Land kaum Fortschritte.
Aleviten demonstrieren gegen Erdogan
Der Besuch des türkischen Ministerpräsidenten löste am Mittwoch in Berlin Proteste aus. Rund 2000 sollen sich bereits vor dem Brandenburger Tor versammelt haben.
Die Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF) erwartete mindestens 10.000 Demonstranten. 70 Busse aus vielen Orten Deutschlands kämen nach Berlin, sagte AABF-Generalsekretär Ali Dogan. 44 Organisationen unterstützen die Kundgebung. Erdogan verachte die Menschenrechte und sei ein Feind von Kurden und Andersgläubigen, erklärte Dogan.
(APA/dpa)

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