Euroskeptiker: „Von dieser irrelevanten Zone abkoppeln“

16.11.2012 | 18:31 |  Von unserer Korrespondentin JULIA KASTEIN (Die Presse)

Der Wortführer der konservativen Euroskeptiker, Douglas Carswell, ist überzeugt, dass Großbritannien im Weltmarkt mehr Chancen als im EU-Binnenmarkt hätte.

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Die Presse: Glückwunsch nachträglich: Als EU-Bürger haben Sie kürzlich den Friedensnobelpreis gewonnen. Stolz drauf?

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Douglas Carswell: Ich fand das ganz lustig, zeigt es doch, dass die Norweger einen guten Sinn für Humor haben.

Im Ernst: Verdient die EU nicht einen Preis dafür, dass in Europa nun seit Jahrzehnten Frieden herrscht?

Tut mir leid, aber ich glaube nicht, dass eine Armee von Bürokraten in Brüssel der Grund ist, warum Deutschland Frankreich nicht besetzt hat. Der Grund ist, dass wir alle liberale Demokratien sind. Das Problem mit der EU ist: Sie ist ein Modell aus den 1950er-Jahren, diese Idee von Handelsblöcken und von einer technokratischen Elite, die ihre Vision davon, wie es laufen soll, allen anderen aufzwingt. Ein zutiefst überholtes Modell.

Neulich haben Sie gesagt, Britannien habe sich mit der Mitgliedschaft „an einen Leichnam gefesselt“. Aber viele Experten, auch euroskeptische und sogar Ihr Premier sind der Meinung, dass es Großbritannien in der EU besser geht als außerhalb.

Das ist die Meinung von David Cameron und wenn die Volksabstimmung kommt, haben Herr und Frau Cameron in der Downing Street zwei Stimmen. Ich glaube, sie liegen abgrundtief falsch.

Warum?

Im März dieses Jahres hat das Bruttosozialprodukt des Commonwealth, dieses riesigen Bereichs englischsprachiger Länder rund um den Globus, das Bruttosozialprodukt Europas übertroffen. Diese Länder wachsen schnell, während Europa stagniert. Wir müssen dahin, wo das Wachstum ist, wir müssen uns mehr der ganzen Welt öffnen. Wir sind viel zu lange hinter einer Mauer von Zöllen zwischen fünf und neun Prozent gesessen, höher als sie hier vor einem Jahrhundert waren. Wir müssen uns in die globale Wirtschaft einklinken und uns von dieser schrumpfenden, irrelevanten Zone abkoppeln.

Dann würden Sie außerhalb der Zollmauer sitzen – und müssten versuchen, wieder reinzukommen.

Kann schon passieren, dass die EU uns nach dem Austritt mit Strafzöllen belegt – worauf man sich fragen müsste, was zum Teufel man mit diesen Leuten zu tun haben will, wenn sie uns so behandeln.

Warum sollte die EU, wenn Sie ihr gerade die kalte Schulter gezeigt haben, bereit sein, die Beziehungen neu zu verhandeln?

Weil jene, die sie damit am meisten treffen würden, ihre eigenen Hersteller wären. Europa hat einen beachtlichen Handelsüberschuss mit uns, Strafzölle wären also nicht in Europas Interesse. Wenn die Schweiz, mit einem Zehntel unserer Bevölkerung, eine vorteilhafte Beziehung zur EU aufbauen kann, dann können wir das wohl auch.

Die Schweiz ist nicht gerade eine Weltmacht. Warum wollen Sie, dass Großbritannien eine unbedeutende Insel am Rande Europas wird?

Ich finde es schon ziemlich außergewöhnlich, dass Sie Selbstbestimmung als an den Rand drängen charakterisieren. Wovon stünden wir am Rand? Es gibt eine Explosion der Produktionsleistung rund um die Welt, weil Millionen Menschen, die früher nicht an der Weltwirtschaft beteiligt waren, nun auf die Märkte drängen. Die Idee, dass wir Teil eines Blocks namens Europa sein müssen, um auch daran teilzunehmen, ist doch absurd.

Sie haben kürzlich einen Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht, wonach Regeln von 1972 zur Teilnahme am EU-Binnenmarkt außer Kraft gesetzt werden sollten. Nicht mal ein Dutzend Abgeordnete kam in die Sitzung – klingt nicht so, als ob viele diese Idee überhaupt der Rede wert finden.

Ich will die Prioritäten der politischen Elite nicht verteidigen, die lagen noch nie mit dem Volk auf einer Linie. Aber es gibt starke Anhaltspunkte dafür, dass es eine große Nachfrage für ein Rein-oder-raus-Referendum gibt und genauso starke Anhaltspunkte, dass die Mehrheit der Leute dafür stimmen würde, auszutreten.

Ihr Marschbefehl, wenn man so will, für David Cameron zum EU-Budget-Gipfel nächste Woche lautet: Entweder der Haushalt wird gesenkt oder er soll sein Veto einlegen. Haben Sie damit nicht seine Verhandlungsposition untergraben?

Nein, wir haben sie gestärkt. Man muss vor Verhandlungen die Grenzen festlegen, dann bekommt man eher, was man will, als wenn man sich von vornherein auf einen Kompromiss einstellt. Wir haben nur klargemacht: Hier geht es um das Geld des Volkes und die wollen der europäischen Elite keine 4,3 Milliarden Pfund zusätzlich rüberschieben.

Wird Großbritannien am Ende des Jahrzehnts noch EU-Mitglied sein?

Ich hoffe nicht. Und ich hoffe, dass, wenn wir uns aus diesen widerlichen Strukturen gelöst haben, auch andere Länder folgen werden. Im digitalen Zeitalter braucht man sich nicht von einer entrückten Elite regieren lassen, über die man keine Kontrolle hat.

Zur Person

Douglas Carswell (41), ist seit 2005 Abgeordneter für den Badeort Clacton-on-Sea in Essex, einer der britischen Wahlkreise, der Europa rein geografisch am nächsten liegt. Doch Carswell ist erklärter Europa-Hasser, gehört zur wachsenden Gruppe von konservativen Rebellen, die – anders als Parteiführung und Premier – nicht für neue Beziehungen mit der EU, sondern für den Austritt plädieren. [Archiv]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)

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8 Kommentare

Es stimmt doch jedes Wort, das Douglas Carswell hier über die EU sagt!

Die EU hat nur den europäischen Parteien eine Möglichkeit gebracht, ihre Versager auf wohldotierte Posten in der Kommission und im Parlament wegzuloben, sonst nichts!

Genützt hat sie Europa gar nicht, im Gegenteil, die Euroeinführung hat die Wirtschaft der europäischen Südländer schwer geschädigt.
Griechenland hat z. B. früher für Staatsschulden über 20 Prozent Zinsen zahlen müssen, was die Verschuldung wirksam eingedämmt hat. Nach dem Eurobeitritt wurde das Land mit gigantischen Geldmengen überschwemmt, weil die Spekulanten sicher waren, dass die Nordeuropäer für die griechischen Schulden haften würden, was auch prompt eingetreten ist! Durch diese Geldschwemme explodierten in Griechenland Preise und Löhne um 60 Prozent, die Löhne der Staatsangestellten sogar um 80 Prozent! Durch diese Preissteigerung können griechische Erzeuger nicht einmal mehr zuhause und schon gar nicht mehr anderswo etwas verkaufen!

Das hat die griechische Wirtschaft nachhaltig ruiniert und die Griechen zu Almosenempfängern gemacht! In den anderen Südländern war es ähnlich, aber nicht so krass, und wir wurden gezwungen, dauernd Geld für Rettungsschirme, das wir gar nicht haben, sondern borgen müssen, auszugeben, anstatt etwas Vernünftiges damit anzufangen!

Die EU ist für Europa eine echte Katastrophe, nicht nur die Briten, sondern alle Vernünftigen sollten sie verlassen und die EU-Diktatur durch eine Organisation ersetzen, für die das Volk die besten Köpfe wählt, die dann auch gute Politik machen!

Re: Es stimmt doch jedes Wort, das Douglas Carswell hier über die EU sagt!

das Modell EU vergleich ich gerne bildlich:
mit des Kaiser's neuen Kleidern.
Spürt Ihr es auch wie wir alle davon profitieren? Na wenn nicht - es steht morgen wieder in der Zeitung.

EU - ein zutiefst überholtes Modell

Die Engländer werden immer mehr zu sympathische Europäer.

Das Bruttosozialprodukt des Commonwealth wächst, die Nicht-Eurozone wächst , nur die Euro-Zone ist in der Rezession.
Dafür dürfen wir uns erklären lassen, dass wir jeden Wohlstand dem Euro zu verdanken haben und ein Austritt verheerende Folgen hätte!
Nur mehr geistig erblindete Menschen oder Günstlinge des Systems können für einen Verbleib Österreichs in der Euro-Zone sein!

RAUS AUS DEM EURO!

Re: EU - ein zutiefst überholtes Modell

Sie träumen!

GB ist in einer Wirtschaftskrise. Das Land und seine Bürger leiden. Habe einige Freunde von der Uni die gebürtige Briten sind und auch dort studiert haben. Verdienen tust bei vielen Jobs für 40h soviel wie bei uns für 20h in der Woche. 10% des BIPs kommt durch die Finanzindustrie zustande(möchte nicht gegen diesen Zweig hussen) aber Finanzindustrie kann sehr schnell abwandern, und lebt von Hoffnungen.

Der Pfund ist schwach wie seit Jahrzehnen nicht mehr.

GB hat keine nennenswerte Industrie.

Ganz ehrlich anstelle von GB würde ich schnell ruhig sein.

Die EU ist ein großartiges Projekt aber man muss die nationale Ebene abschaffen und europaweite Wahlen abhalten. Ich habe keine Lust dass nationale Politiker das Projekt ständig verpfuschen.

Re: Re:Die EU ist kein großartiges Projekt

denn viele Institutionen haben und hatten keine Legitimation.
Wer die nationale Ebene per Verordnung abschaffen will, wird nur feststellen, dass Krieg die Antwort des Volkes ist. Und das zu Recht - Jahrhunderte hat Europa gebraucht, um Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu entwickeln. Gerade als die europäischen Völker anfingen eine eigene, europäische Identität zu finden, glaubten wahnsinnige Politiker nun die Völker zu einer Einheit zwingen zu müssen. Das schafft unlösbaren soziale, nationale und politische Konflikte und Kriege. Ein beständiges Europa kann nur von den Völkern Europas getragen werden, das sollte man unserer Politelite ins Stammbuch schreiben.
Es wird wohl nicht lange dauern, dann wird in Spanien, Griechenland usw. geschossen, nicht nur demonstriert - man kann protestierene Völker nicht mit Prügelpolizei zufrieden und auf Dauer ruhig stellen.

Re: EU - ein zutiefst überholtes Modell

Großbritannien will raus aus der EU.
Beim EURO sind die kluger Weise gar nicht beigetreten.

Ist ganz einfach:

Britannien fühlt sich durch die EU und die EU fühlt sich durch Britannien blockiert. Die Blockade(n) wären schnell gelöst, wenn man sich darüber einig werden würde, wem diese (Blockaden) gerade am meisten nützen. Ob man sie gemeinsam oder getrennt löst ist doch wirklich zweitrangig. Die Beziehungen zwischen der Insel und dem Festland werden sich so oder so festigen.

Bravo!

Endlich eine normale, grundsolide Sicht der Dinge!

Wobei die Freihandelszone EU ja nicht das Problem ist. Sondern das Problem ist das Bürokratiemonster "europäische Integration", von der Gurkenkrümmung über die Tuttelquoten bis hin zur "alternativlosen" Schuldenunion.

Immer weitere Bereiche des gesunden Menschenverstandes werden mit "da ist Brüssel dagegen" aus Europa verbannt. Und so muss man sich nicht wundern warum die Kirse in Europa herrscht während anderswo das Wachstum floriert.

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