22.11.2009 03:04 | Meine Presse Merkliste0

Polen und Iren ohne Grundrechte?

26.06.2007 | 19:03 |  WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Wie erst jetzt bekannt wurde, haben sich neben Großbritannien auch zwei weitere Länder Ausstiegsmöglichkeiten aus dem EU-Werte-Katalog ausverhandelt.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien. Wenige Tage nach dem EU-Gipfel wird erst das Ausmaß der zahlreichen vereinbarten Sonderregelungen zum neuen EU-Vertrag offensichtlich. So bekamen nicht bloß Großbritannien, sondern auch Polen und Irland die Möglichkeit, eine Gültigkeit der Grundrechte-Charta auf ihrem Staatsgebiet zu verhindern.

Wie beim Gipfel anwesende Diplomaten der „Presse“ bestätigten, wollen beide Länder prüfen, ob der Werte-Katalog mit ihrem Rechtssystem vereinbar ist. Warschau und Dublin haben nun bis zum Ende der Regierungskonferenz Zeit, zu entscheiden, ob sie ebenso wie Großbritannien ein sogenanntes „Opt-out“ in Anspruch nehmen. Die Regierungskonferenz soll bis Ende Oktober die Details des EU-Reformvertrags verhandeln.

In Irland könnte die Frage der Teilnahme an der Grundrechte-Charta freilich noch eine politische Debatte auslösen. Denn die Regierung in Dublin muss als einzige in der Union ein Referendum über den neuen EU-Vertrag abhalten.

Die Grundrechte-Charta listet nicht nur allgemeine und übliche europäische Werte wie Gleichberechtigung, Freiheit der Religionen oder Datenschutz auf. Sie legt auch soziale Rechte wie das Recht auf bezahlten Urlaub, das Recht auf Kollektivvertragsverhandlungen oder das Streikrecht fest. Der scheidende britische Premierminister Tony Blair hatte beim EU-Gipfel darauf hingewiesen, dass solche Rechtsnormen mit dem liberalen Arbeitsmarkt auf der britischen Insel unvereinbar wären.

Unmittelbar nach dem vereinbarten Protokoll, in dem Großbritannien eine Ausnahme bei der Grundrechte-Charta erhalten hat, heißt es im Schlussdokument des Gipfels: „Zwei Delegationen behielten sich das Recht vor, sich diesem Protokoll anzuschließen.“ Diese beiden Länder sind eben Irland und Polen.


Schutz der Sittlichkeit

Warschau hat offenbar Bedenken, dass die Grundrechte das national-katholische Moral-System beeinflussen könnten. So erhielt Warschau auch die Zusicherung: „Die Charta berührt in keiner Weise das Recht der Mitgliedstaaten in den Bereichen öffentliche Sittlichkeit, des Familienrechts sowie des Schutzes der Menschenwürde und der Achtung der körperlichen und moralischen Unversehrtheit.“ Polen hat in letzter Zeit durch seine raue Behandlung Homosexueller für Aufregung in Menschenrechtskreisen gesorgt.

Ungeklärt ist nach wie vor, warum die polnische Führung schließlich einem schlechteren Kompromiss zugestimmt hat, als jener Variante, die sie zuvor noch abgelehnt hatte.

So waren Polen sieben zusätzliche Abgeordnete angeboten worden. Zwar erhielt der polnische Präsident Lech Kaczynski das Zugeständnis, dass die von Warschau beeinspruchte neue Machtaufteilung im EU-Rat erst nach 2014 gültig wird. Nachdem sich im Schlussdokument des Gipfels aber weder die sieben Europaabgeordneten noch andere Zugeständnisse an Polen fanden, wird vermutet, dass Ratsvorsitzende Angela Merkel bilaterale Versprechungen gemacht hat. Diese könnten etwa die Ostsee-Pipeline zwischen Russland und Deutschland betreffen oder deutsche Unterstützung bei den nächsten Finanzverhandlungen in der EU. „Wahrscheinlich gab es noch irgendwelche finanziellen Zusicherungen“, so ein Diplomat.

MERKEL. Empörung

„Wprost“, ein rechts-konservatives Wochenblatt sorgte in Deutschland mit seinem jüngsten Titelbild
für Empörung. Die Fotomontage zeigt Kanzlerin Merkel, wie sie den polnischen Regierungszwillingen Lech und Jaroslaw die Brust gibt.

Der Chefredakteur verteidigte die von vielen als Geschmacklosigkeit empfundene Darstellung als „kleinen Spaß“. [EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2007)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentieren BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

2 Kommentare
Gast: Michael
28.06.2007 07:37
0 0

Trojanische (US) Pferde

Vor dem Hintergrund von CIA-Verschleppungen, Irak Krieg u.s.w.

Hier geht es nicht um Europa oder um Grundrechte sondern um Legitimation zukünftiger Interventionen im Zuge der Sicherung von Ressourcen. Und wir deutschen sollen jetzt dafür zahlen.

panda82
27.06.2007 12:50
0 0

Das Bild von Merkel war besser als eine Kartoffel...

Ihre Brüste waren vorallen Dingen sehr Straff dargestellt. Was wollen die Deutschen sie noch?

Umfrage

  • Die Britin Catherine Ashton wird "EU-Außenministerin", der Belgier Herman van Rompuy Ratspräsident. Schmalspur-Europa oder ausgezeichnete Wahl - was halten Sie von der neuen EU-Spitze?
  • Rompuy, Ashton? Wer ist das?
  • Eine ausgezeichnete Wahl
  • Ein klassischer Kompromiss
  • Beweis, dass eine "starke EU" immer noch unerwünscht ist
  • Endlich eine Frau in einer EU-Spitzenposition
  • Zumindest kein "Störfaktor" für nationale Interessen
  • Ist mir völlig egal

Schlagzeilen Politik

  • EU-Topjobs: Schüssel und Plassnik bis zuletzt im Rennen
    Die Dänen und Osteuropäer waren für Ex-Kanzler Schüssel als Ratspräsident der EU. Aber Bundeskanzler Faymann will nichts gehört haben.
    Strache: "Hass gegen demokratische Bewegung"
    FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache betonte die Friedlichkeit des Festkommers der Burschenschafter in der Wiener Hofburg. Rund 500 Personen demonstrierten am Ring.
    Hofburg-Wahl: Gerüchte über Fischers Wiederkandidatur
    Angeblich will Bundespräsident Fischer am Donnerstag seine Wiederkandidatur bekanntgeben. Aus der Präsidentschafts-Kanzlei kam bloß: "Kein Kommentar".
  • Regierungsbilanz: Das verlorene Jahr
    Das Kabinett „Faymann I“ hat in seinem ersten Jahr viel getan. Nur das Wichtigste nicht. Selten war die Zeit für die Vorbereitung unpopulärer, aber notwendiger Reformen besser als im Vorjahr. Eine verpasste Chance.
    Heinisch-Hosek: Eine Mutter auf Zeit
    Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek erzählt u.a. wie ein schwerstbehindertes Kind drei Jahre lang ihr Leben bereichert hat, was ihr von dieser ungewöhnlichen Beziehung geblieben ist.
    Adoption: Zwei Mütter für Janis
    Adoption bleibt im Gesetz zur Homo-Ehe für schwule und lesbische Partner verboten. Doch viele Paare mit Kinderwunsch haben längst ihren Traum vom Nachwuchs verwirklicht.
  • Grünen-Chef Özdemir: "Das Türkische ist keine In-Kultur"
    Seit einem Jahr ist Cem Özdemir Chef der Grünen Deutschlands. Mit der "Presse am Sonntag" spricht er über Integration, Bildung und seine Elternzeit: "So modern, wie wir immer tun, sind wir in Mitteleuropa nicht".
    Davutoglu: Der Kissinger aus Konya
    Lernen von den Osmanen: Ahmet Davutoglu richtete die türkische Außenpolitik neu gen Osten aus: Europa muss sich Ankaras Aufmerksamkeit nun teilen. Mit seiner Brille, seiner zierlichen Gestalt wirkt Ahmet Davutoglu manchmal wie ein gealterter Student.
    Kabul: Rakete schlägt in Luxushotel ein
    Bei dem Anschlag stürzte eine Wand des Gebäudes ein. Es gab sieben Verletzte. Die Regierung in Kabul will die afghanischen Polizei- und Militärkräfte auf 400.000 Mann ausbauen.
  • Bürgerkrieg: "Es war eine Diktatur. Punkt."
    Umstrittenes Gedenken an 1934: Vor 75 Jahren war Bürgerkrieg in Österreich, ideologische Gräben verhindern eine gemeinsame Aufarbeitung. Prominente Historiker wollen jetzt die Opfer des Ständestaates rehabilitieren.
    Avraham Burg: „Traumawettbewerb“
    Avraham Burg provoziert: Der Sohn eines Holocaust-Überlebenden und frühere Knessetpräsident fordert die Überwindung des Holocaust-Traumas. Leistet er damit einen Beitrag zur Schlussstrichdebatte?
    Gasstreit: Putin als Timoschenkos Wahlhelfer
    Mit seiner „Großzügigkeit“ unterstützt Russland die einstige Erzfeindin. Die Ukraine darf fortan ohne Angst vor Sanktionen weniger Gas einkaufen als bisher vertraglich vereinbart war.