Dem Österreicher, der in der Slowakei lebt, bringt der 21.Dezember eine kleine Erleichterung: Ich kann künftig ohne Personalausweis nach Österreich fahren. Im Jahr 2004 bin ich an die March gezogen, in den slowakischen Grenzort Devínska Nová Ves, auf die vernarbende Naht des Eisernen Vorhangs. Seither muss ich die Grenze zwischen meinem Gastland und meinem Vaterland 400 oder 500 Mal passiert haben. Etwa 50 Mal bin ich für diese Zeitung aufgebrochen, zu Expeditionen in die nah-fremde Welt hinter Wien. Noch viel öfter bin ich nach Wien gefahren, dessen Stadtgrenze gerade einmal 35Kilometer von Devínska entfernt liegt.
Keine strengen Kontrollen
Die Erleichterung ist klein, denn das Grenzregime war bereits seit dem EU-Beitritt der Slowakei nicht sonderlich streng. Meine Grenze ist ausschließlich mit der Bahn zu überwinden, und die Grenzer hatten zwischen den Grenzbahnhöfen Devínska Nová Ves und Marchegg nur wenige Minuten für die Kontrolle der Dokumente. Wenn ihnen ein Gesicht bekannt vorkam – ich oder die slowakischen Schüler und Kellnerinnen, die täglich hinüber fahren –, prüften die Grenzer eher, ob wir die Dokumente dabei hatten, als den Inhalt der Dokumente selbst.
Nur einmal, vor ein paar Tagen, packte ein slowakischer Grenzer die letzte Gelegenheit beim Schopf und unterzog mich einer Prüfung. Aus Wien kommend, stieg ich um 01:23 aus dem letzten Nachtzug, keineswegs betrunken, hinaus in eine triste, verregnete, menschenleere Nacht. „Was machen Sie in der Slowakei?“, fragte mich der slowakische Grenzer auf Deutsch. „Ich wohne hier“, gab ich auf Slowakisch zurück. Er setzte seinerseits auf Slowakisch fort: „Studieren Sie, arbeiten Sie?“ – „Ich arbeite.“ Schon war sein Wille zum Filzen erlahmt.
„Raumschiff“ im Osten
Meine Erleichterung wird noch kleiner, wenn ich mich dran erinnere, wie teuer sie erkauft ist. Während die Grenze am westlichen Ende der Slowakei abgebaut wird, ist am östlichen Ende des Landes ein Raumschiff gelandet – ein High-Tech-Monstrum von einem Grenzübergang, ein metallisch schimmerndes Ungetüm zwischen sanfthügeligen Weingärten.
Ich habe diesen Grenzübergang über die Jahre immer wieder frequentiert, zwischen dem slowakischen Dorf Vysné Nemecke und der angrenzenden ukrainischen Großstadt Uschgorod. Ich war stolz, eine Methode herausgefunden zu haben, die mir die stundenlangen Wartezeiten mit Auto, Bus oder Bahn ersparte: Ich absolvierte den Grenzübergang zu Fuß, mit einem rollenden Koffer, und flotter als alle anderen.
Seit das Schengen-Raumschiff gelandet ist, ist es verboten, zu Fuß über die Grenze zu gehen. Ohne einen Nachmittag zu verlieren, kommt jetzt keiner mehr über die Grenze, die am 21. zur Schengengrenze wird.
Die Auswirkungen dieser neuen Mauer sind verheerend, und doch freue ich mich, dass in der engeren Nachbarschaft die Grenzen fallen.
Die Freude meiner Landsleute erscheint mir verhalten. Die Kronenzeitung druckt täglich Leserbriefe, in denen die neuen Schengenmitglieder als „Gesindel“ begrüßt werden, das jetzt „ungehindert zum Stehlen kommen“ kann. Dabei hat das Gesindel dafür gesorgt, dass vorher unbedeutende österreichische Unternehmen zu mittel-ost-europäischen Konzernen aufsteigen. Dabei war die March eine Schreckensgrenze, in der Flüchtlinge ertrunken sind, für die niemand ein Kreuz aufstellt. Dabei hat die Region auch nach der Schengenerweiterung noch nicht den Stand der Integration erreicht, den sie vor dem Jahr 1918 hatte.
In der Slowakei wird das Ereignis vom 21. Dezember viel stärker wahrgenommen als in Österreich. Die slowakischen Medien haben kontinuierlich über jeden Fortschritt und Rückschritt im technischen Prozess der Schengen-Erweiterung berichtet.
Kette von Prüfungen
Aus der slowakischen Warte erscheint die europäische Integration als eine lange Kette von Prüfungen, die im Jahr 1998 mit der Abwahl der isolierten Meciar-Regierung begann und die im Mai 2008 mit der Brüsseler Entscheidung endet, ob die Slowakei die Maastricht-Kriterien zur Einführung des Euro erfüllt.
Als die EU-Innenminister am 6.Dezember die Schengen-Erweiterung absegneten, stieß der slowakische Innenminister Robert Kalinák an und erklärte feierlich: „Heute hat sich der fünfzigjährige Traum der Slowaken von der völligen europäischen Freiheit definitiv erfüllt. Gerade heute sind die letzten Reste des Eisernen Vorhangs gefallen.“
Dass das Ereignis in Österreich weniger interessiert, hat vielleicht einen einfachen Grund: Schließlich kann es einem egal sein, ob man für ein Land, in das man sowieso nicht fährt, einen Personalausweis braucht. Obwohl die Mehrheit der Österreicher das, was einmal Ostblock hieß, innerhalb einer Fahrstunde erreichen kann, erscheint diese Nachbarschaft vielen als graue Zone, unsicher, unheimlich, uninteressant.
Mir wiederum erscheinen die Landsleute exotisch, denen die unmittelbare Nachbarschaft als eine solch furchterregende Zone erscheint. Exotisch kam mir neulich die Wienerin vor, die durch ein Versehen in meinem slowakischen Grenzbahnhof gelandet war. Sie war eine ausgesprochen junge Oma aus dem 22. Bezirk, und eigentlich war sie zu ihrem Enkelchen ins Marchfelder Dorf Lassee unterwegs, ein Nikologeschenk in ihrem jugendlichen Rucksack. Ich habe kaum je einen verzweifelteren Menschen gesehen.
Gestrandet beim Nachbarn
Die Frau war schon unzählige Male zum Enkelchen nach Lassee gefahren, aber diesmal war irgendetwas anders, es war dunkel, und aus irgendeinem Grund vergaß sie auszusteigen. Plötzlich wusste sie nicht, was das für ein Ort ist. Plötzlich wusste sie nicht, was das für ein Land ist. Plötzlich wusste sie nicht, was das für eine Sprache ist.
Die slowakischen Eisenbahner erließen ihr den Fahrpreis, die slowakischen Grenzer ließen sie ohne Personalausweis durch. Man sprach Deutsch mit ihr, doch die Frau war nicht zu beruhigen.
Tschechen und Deutsche
Nicht einmal ich als Landsmann habe das geschafft. Ich sagte ihr, dass Österreich nur einen Kilometer entfernt ist. „Dann kann ich ja zu Fuß zurück“, rief sie und wollte schon loslaufen. Ich musste sie enttäuschen: „Für Fußgänger gibt es keine Brücke über die March.“
Für diese grundsympathische Frau wird sich am 21. Dezember nichts ändern. Österreicher werden weiter „Tschechen“ sagen, wenn sie „Slowaken“ meinen, und Slowaken werden weiter „Deutsche“ sagen, wenn sie „Österreicher“ meinen. Ansonsten gibt es eine Voraussetzung mehr zum Zusammenwachsen, und eine Ausrede weniger. Ich freue mich, und wenn sich ein paar meiner Landsleute freuen, freue ich mich noch mehr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2007)

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