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EU-Gipfel: Das potemkinsche Milliardendorf

12.12.2008 | 18:53 |  VON WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Die 27 Staaten beschlossen in Brüssel ein 200-Milliarden-Programm für die Konjunktur. Doch real wird nicht einmal die Hälfte bereitgestellt. Mehr Schein als Sein steckt auch hinter dem Klimapaket.

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Es ist doch seltsam: Normalerweise feilschen sie nächtelang, wenn es um gemeinsame Budgetbeschlüsse geht. Jede Million an Agrar- oder Strukturförderungen ist in der EU hart umkämpft. Doch am gestrigen Freitag beendeten die Staats- und Regierungschefs ungewöhnlich rasch ihre Sitzung in Brüssel und einigten sich auf ein stolzes 200-Milliarden-Konjunkturpaket. Außerdem verpflichteten sie sich zu einem Klimaziel, das laut groben Schätzungen der EU-Kommission weitere 50 bis 60 Milliarden Euro kosten dürfte. Insgesamt beschlossen die EU-Chefs damit Maßnahmen, die etwa doppelt so viel Mittel erfordern wie der gesamte jährliche EU-Haushalt mit derzeit 129 Milliarden Euro.

Es gibt aber einen guten Grund, warum die Einigung so rasch über die Bühne ging. Denn das Milliardenkonstrukt ist ebenso wie das Klimapaket zu einem guten Teil ein potemkinsches Dorf. In das 200-Milliarden-Konjunkturpaket dürfen staatliche Investitionen eingerechnet werden, die gar keine sind. Und auch die Einigung über das Klimapaket wurde nur erreicht, indem die Industrie nun 96 Prozent ihrer Verschmutzungszertifikate gratis erhält. Damit wird auf zusätzliches Geld für Investitionen in Umwelttechnik verzichtet. Ehrgeizig bleibt das Klimapaket hingegen bei den Plänen für die erneuerbare Energie und die Steigerung der Energieeffizenz.

 

Alte Maßnahmen eingerechnet

Die EU-Kommission schätzt, dass von den nun versprochenen 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, die das gemeinsame Konjunkturpaket umfassen soll, vorerst lediglich 0,9 Prozent realisiert werden. Das anerkannte Brüsseler Bruegel-Institut kommt mit einer eigenen Berechnung von 13 wirtschaftsstarken EU-Ländern überhaupt nur noch auf einen Schnitt von 0,7 Prozent des BIP. „Die Regierungen rechnen vieles ein, das keine zusätzliche staatliche Investition ist“, kritisiert David Saha vom Bruegel-Institut im Gespräch mit der „Presse“. Dies betrifft etwa rückzahlbare Kredite, Haftungen und Garantien. Oft werden auch alte Maßnahmen mitgerechnet.

Nach dem EU-Plan soll jedes Land 1,3 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für ein Konjunkturpaket bereitstellen. Das sind insgesamt 170 Milliarden Euro. Aus dem EU-Budget sollen weitere 30 Milliarden hinzukommen. Deutschland erreicht nach eigenen Angaben derzeit knapp ein Prozent des BIP und will das Paket Anfang 2009 noch nachbessern. Doch laut den Experten des Bruegel-Instituts sind schon die bisherigen deutschen Zahlen unrealistisch. „Berlin kommt laut unseren Berechnungen für 2009 lediglich auf 0,6 Prozent des BIP“, sagt Saha. In seiner Rechnung sei nur eingerechnet worden, was die Staaten tatsächlich zusätzlich ausgeben oder an Steuersenkungen im Markt belassen.

Italien dürfte sein Konjunkturpaket überhaupt ermogelt haben: Das gesamte Fünf-Milliarden-Paket der Regierung Berlusconi ist laut Bruegel-Berechnung durch eine konsequentere Steuereintreibung gegenfinanziert. „Der italienische Staat steigt sogar mit einem Plus aus.“ Einige kleinere Länder wie Irland haben indessen überhaupt Probleme, das Geld für Konjunkturprogramme aufzubringen.

 

Österreich liegt im Spitzenfeld

Vergleichsweise gut schneidet laut der Analyse der Bruegel-Experten Österreich ab. Zwar sind die Ankündigungen von 1,7 Prozent des BIP auch hier etwas zu hoch gegriffen. Mit tatsächlichen zusätzlichen Mitteln in der Höhe von 1,14 Prozent des BIP liegt das Land aber im europäischen Spitzenfeld.

Laut Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) stehen insgesamt 5,5 Milliarden bereit, um die heimische Wirtschaft zu stimulieren. Den Löwenanteil bildet die vorgezogene Steuerreform mit einem Volumen von 2,2 Milliarden Euro. Eine weitere Milliarde soll in Mittelstandsförderung und in Infrastrukturmaßnahmen fließen. Laut Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) wird das Geld etwa in Form von Krediten und Haftungen für Klein- und Mittelbetriebe bereitgestellt.

Angekündigt sind darüber hinaus weitere 1,9 Milliarden Euro für Bauprojekte, Forschung und die Familienförderung. Das Bruegel-Institut hat auch hier staatliche Kredite und Haftungen herausgerechnet.

Neben Österreich erhalten in der Bruegel-Analyse auch Spanien und Großbritannien gute Noten – wobei die Briten vor allem auf Steuersenkung setzen. Ob allerdings diese Maßnahmen die Wirtschaft tatsächlich stimulieren können, wird von vielen Ökonomen stark in Zweifel gezogen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2008)

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12 Kommentare
Gast: pour le merite
13.12.2008 13:49
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Die EU wird auseinanderbrechen!

Das meint auch Gerard Celente.

"Wir sagen den völligen Kollaps der Wirtschaft voraus. Am 7. November 2007 haben wir den Finanzcrash und die Panik für 2008 vorhergesagt, und es ist eingetroffen. Nächstes Jahr werden wir den ganzen Einzelhandel zusammenbrechen sehen, dann den Zusammenbruch der gewerblichen Immobilien, usw. ... wir werden die grösste Depression überhaupt erleben, viel schlimmer als die sogenannte „Grosse Depression“ der 30gern.

Celente ist ein Trendvorhersager, Buchautor und Chef des Trend Research Instituts, welches er 1980 gegründet hat. Berühmt ist er für seine richtigen Vorhersagen von Weltereignissen, wie den Crash der Börse 1987, den Zusammenbruch der Sowjetunion 1990, die Asienkrise 1997, den Zusammenbruch der russischen Wirtschaft 1998, das Platzen der Internetblase 2000, die Rezession 2001, den Anfang des Goldrausches 2002, den Abstieg des Immobilienmarktes 2005, die Rezession 2007 und die Panik von 2008.

my2cent
15.12.2008 13:08
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Re: Die EU wird auseinanderbrechen!


wissen sie was alle zukunftsseher seit dem es die zunft gibt gemeinsam haben?

sie alle haben sich früher oder später geirrt


Gast: franz
13.12.2008 13:14
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Lob!

Guter Artikel, gut recherchiert und hintergründig. Bitte mehr davon!!

my2cent
13.12.2008 13:08
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ist dass das richtige zu zeiten von vertrauenskrisen?


Gast: Graf Gudenus
13.12.2008 10:35
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Das potemkinsche Milliardendorf

Ohne Fürst Potemkin, Putin wird keine Rubel in die 27 investieren, höchstens entwicklungsfähige Unternehmen um den üblichen € 1 BIS 3 AUFKAUFEN

udalricam
13.12.2008 19:09
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Re: Das potemkinsche Milliardendorf

tja dann haben Sie ja noch Chancen aufgekauft zu werden......

Gast: ezekiel
13.12.2008 07:06
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...

Wieso bloß hab ich von Italien nichts anderes erwartet?


Gast: Blitzky
13.12.2008 06:39
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Wie schon beim türkischen EU-Beitritt scheint auch hier

die EU nur auf Lügen und Blenden zu bauen. Italien staht als Euro-Land vor dem Staatsbankrott und uns wird in Österreich eingetrichtert, dass wir ohne Euro und EU gar nicht mehr lebensfähig wären.

Antworten Gast: WAPA
14.12.2008 11:40
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Re: Wie schon beim türkischen EU-Beitritt scheint auch hier

Sie haben absolut Recht! Die EU liebt es sich selber zu blenden oder von anderen blenden zu lassen!

Die Tükei hat eine neue Methode gefunden das eigene BIP zu ermitteln und siehe da das BIP der TR ist über nacht um fast 70% gewachsen, die EU akzeptiert diesen Betrug und andere Betrügerein dieses maroden Staates gerne, denn zahlen werden es ohnedies wir.

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Re: Wie schon beim türkischen EU-Beitritt scheint auch hier

Island ist ohne EU bald nicht mehr lebensfähig,dshalb möchte es beitreten!

Die Schweiz ist schon Mitglied in der Schengen-Zone

und Sie möchten aus der EU austreten

und ÖSTERREICH in ein wirtschaftliches Chaos stürzen?

Noah von der Arche am Berg der Freude

Antworten Antworten Gast: argus
13.12.2008 20:40
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Re: Re: Wie schon beim türkischen EU-Beitritt scheint auch hier

ja,ja - die Schweiz ist ohne EU besser lebensfähig als der Nettozahler Österreich. Wir sehen für die Stützungen an Ungarn und Polen keinen einzigen Euro wieder.
Begreifen Sie doch endlich, daß der Kapitalismus zusammenbricht und der unstrukturierte Aktionismus samt Geldvernichtung innerhalb der EU zulasten der Sparer geht, die nunmehr kalt enteignet werden. Oder halten sie eine Verzinsung von 2% vor Kest - 2009 Realität - zur Werterhaltung geeignet? Der Goldpreis wird künstlich extrem gedrückt, um eine Panik innerhalb der Bevölkerung zu vermeiden. Mit der zu erwartenden Geldvernichtung (Notenpresse) und der Währungsreform könnte eine Revolution der um ihre Ersparnisse betrogenen Menschen Realität werden!
Die EU ist Teil des Problems - aber nicht dessen Lösung!

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Re: Wie schon beim türkischen EU-Beitritt scheint auch hier

Sie haben da natürlich völlig recht: Rein virtuell kann man sich jedes denkbare "Second Life" kreieren. Die einen zocken an der Börse und verbraten Milliarden, die sie real wohl niemals hatten. Die anderen versprechen auf EU-Gipfeln Wirtschafts- und Klimapakete, deren reale Finanzierung in den Sternen steht.

Aber nur so konnte es ein "harmonischer" EU-Gipfel werden; nur so vermochten die Teilnehmer den "Menschen draußen" vorzugaukeln, daß es einen echten Grund gibt, sich selbst und gegenseitig auf die Schulter zu klopfen!

Doch hinter den Kulissen sieht es düster aus. Würden nämlich die ehrgezigen Klimaziele tatsächlich in die Praxis umgesetzt, würden zahlreiche (noch) in West- und Mitteleuropa stationierte Unternehmen nach Osteuropa oder gleich nach Asien abwandern, wo die Erreichung von Klimazielen ein "Orchideenthema" ist.

Zusammengefaßt hat auch dieser Gipfel wiederum nur eines gezeigt: Daß man 27 Mitgliedsstaaten meinungsmäßig NIE unter einen Hut bringen kann...