Brüssel/Wien. Diskriminierung ist in Österreich besonders weit verbreitet – zumindest empfinden das viele Einwohner der Alpenrepublik so. In kaum einem anderen EU-Land ist das Gefühl so stark ausgeprägt, dass man aufgrund von ethnischer Herkunft, Religion, Alter, Behinderung oder sexueller Orientierung schlechter behandelt wird. Das geht aus einer aktuellen Umfrage der EU-Kommission hervor: 22Prozent der befragten Österreicher gaben darin an, im vergangenen Jahr diskriminiert worden zu. Zum Vergleich: Im EU-Schnitt waren es 16Prozent. Nur in Italien sagten ebenso viele Befragte, dass sie 2009 benachteiligt wurden (ebenfalls 22Prozent).
Die schlechtesten Karten haben laut der meisten befragten Österreicher – 63Prozent – Menschen aus anderen Kulturkreisen. Darin stimmen die Österreicher mehr oder weniger mit den anderen EU-Bürgern überein: „Ethnische Herkunft“ wird im EU-Schnitt als die häufigste Ursache für Diskriminierung angegeben – und das ist seit mehreren Jahren so.
Zu jung oder zu alt
Neu ist hingegen ein ganz anderer Trend: Immer mehr Europäer haben das Gefühl, wegen ihres Alters ausgegrenzt zu werden. EU-weit sehen das inzwischen 58Prozent der Befragten so, im Jahr 2008 waren es noch 42Prozent. Grund für diese Entwicklung sei die Wirtschaftskrise, so die Autoren der Umfrage. Steigende Jugendarbeitslosigkeit auf der einen Seite und das Gefühl älterer Menschen, für den Arbeitsmarkt „unbrauchbar“ geworden zu sein, auf der anderen Seite, sorgen für wachsende Verunsicherung. Tatsächlich äußerten 64Prozent der Befragten die Befürchtung, dass „die Rezession zu einer größeren Benachteiligung aufgrund des Alters auf dem Arbeitsmarkt führen wird“.
In Österreich gibt man sich im Vergleich zu anderen Europäern (noch) relativ gelassen: „Nur“ 46 Prozent der Befragten haben den Eindruck, dass der Geburtsjahrgang eine Ursache für Ausgrenzung ist. Aber immerhin wird Alter als dritthäufigster Grund für Benachteiligung angegeben – nach ethnischer Herkunft und Religion.
Etwas mehr Toleranz als im EU-Schnitt herrscht nach Ansicht der Befragten in der Alpenrepublik gegenüber Behinderten. Während 39 Prozent glauben, dass dies eine Ursache für Ausgrenzung ist, sind im EU-Schnitt 53Prozent dieser Ansicht. Ebenso sind weniger Österreicher der Meinung, dass Frauen schlechtere Chancen als Männer haben. Nur 26Prozent der Österreicher meinen, dass Geschlecht ein Hindernis ist – weitaus weniger als im EU-Schnitt (40 Prozent).
Eigentlich ist die Diskriminierung wegen Herkunft, Rasse, Religion, sexueller Orientierung, Behinderung und Alter in der gesamten EU verboten. Das wissen aber die wenigsten Europäer: Nur jeder Dritte gab an, seine Rechte zu kennen – deshalb schweigen auch die meisten, wenn sie Opfer von Ausgrenzungen werden. Wehren sich EU-Bürger doch gegen die Benachteiligung, wenden sich die meisten (55Prozent) an die Polizei. Nicht so in Österreich: Hier würde die Mehrheit einen Anwalt aufsuchen (53Prozent).
Last, but not least: Über die tatsächliche Diskriminierung in den einzelnen Staaten gebe die Studie keine Auskunft, betonen die Autoren. „In Schweden beispielweise ist das Niveau empfundener Diskriminierung sehr hoch. Das liegt wohl daran, dass die Leute dort über die Probleme informiert sind. In anderen Ländern ist das nicht einmal ein Thema.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2009)

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