26.05.2012 09:31 | Meine Presse Merkliste 0

Eine europäische Idealbesetzung

20.11.2009 | 18:40 |  MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Herman Van Rompuy und Catherine Baroness Ashton verkörpern tatsächlich Europa: den Minimalkonsens.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Selten sind sich die Kommentatoren unterschiedlichster weltanschaulicher Herkunft so einig wie in der Bewertung der beiden neuen Spitzenrepräsentanten der Europäischen Union. Vom „Europa der Zwerge“ ist nach der Nominierung von Herman Van Rompuy als Ratspräsident und Catherine Baroness Ashton als EU-Außenministerin zu lesen – und vom „kleinsten gemeinsamen Nenner“. Herr Strasser, der sogenannte Delegationsleiter der ÖVP im Europäischen Parlament, sagte auf die Frage, wie er die fachlichen Qualitäten der neuen EU-Außenministerin einschätze: „Ich kommentiere das nicht. Ist das Kommentar genug?“ Doch, doch, ist es.

Die Kritik auch der ernst zu nehmenden Repräsentanten der europäischen Politik gilt sowohl dem Bestellungsvorgang als auch seinem Ergebnis. Da habe der 27 Staaten hohe Berg der Union gekreißt und zwei graue Mäuse geboren, heißt es. Die Österreicher werden es vielleicht als Entlastung empfinden, dass es auch in der großen weiten europäischen Welt so peinlich zugehen kann wie in Wien: Wenn im Gezerre um ein zu vergebendes Amt alle Beteiligten ihre Sekundärinteressen gegeneinander ausspielen, betreten Leute die Bühne, nach denen noch kurz zuvor kein Hahn gekräht hätte. So ist das eben.

Ist das so? Und wenn ja, ist es wirklich schlecht? Zunächst einmal kann man den Einwand nicht einfach vom Tisch wischen, den die deutsche Kanzlerin Angela Merkel den Kritikern des „Zwergen“-Beschlusses entgegengehalten hat: „Ich gehöre zu den Menschen, die wissen, dass Persönlichkeiten in Aufgaben hineinwachsen können.“ Der österreichische Außenminister Michael Spindelegger äußerte sich ähnlich. Auch er spricht aus Erfahrung. Dass man in eine Aufgabe hineinwachsen kann, bedeutet ja nicht automatisch, dass man das auch tut. Apropos Werner Faymann: Er erklärte im Interview mit „Österreich“, dass Baroness Ashton seine „Favoritin“ gewesen sei. Das ist absolut glaubwürdig.


Die allerorten vernehmbare Klage, dass die Bestellung von Ratsvorsitzendem und Außenministerin ein denkbar schlechter Start für die Lissabon-EU sei, steht argumentativ auf schwachen Beinen. Gewiss, der erst seit einem Jahr im Amt befindliche belgische Premier und die ebenfalls erst seit einem Jahr amtierende Handelskommissarin der Union gehören nicht zu den Schwergewichten der europäischen Politik. Aber sie haben gegenüber Kapazundern wie Tony Blair oder Jean-Claude Juncker einen entscheidenden Vorteil, was die europäische Verfahrensökonomie betrifft: Es wird nicht viel Aufwand bedeuten, die beiden Neuen mit der gemeinsamen EU-Position vertraut zu machen – denn das wird auch unter dem Lissabon-Regime der Minimalkonsens der 27 sein. Aber es wäre viel europäische Energie vonnöten gewesen, ein Alphatier wie Blair vom Egotrip in die visionäre Stratosphäre zurück auf die europäische Erde zu bringen.

Natürlich wäre es für Intellektuelle, Journalisten und andere Anhänger der Idee einer europäischen Ideenweltherrschaft interessanter, Tony Blairs Agieren zu verfolgen als das von Herman Van Rompuy. Letzterer will ja, wie er gleich nach Bekanntgabe seiner Bestellung erklärt hat, vor allem „zuhören“, Blair hätte mehr geredet, und das ziemlich gut.


Aber die Behaglichkeitsspanne professioneller Politikbeobachter ist das eine, die Realität der europäischen Politik das andere. Dazwischen liegt die Einschätzung dessen, was der Vertrag von Lissabon wirklich bringt. Nach Meinung seiner Befürworter sind das vor allem „Demokratisierung“ und „einheitliches Auftreten“ der Union nach innen und außen. Beides sind Placebos, deren Wirkung auf einer gängigen Illusion beruht: dass man nämlich so etwas wie eine parlamentarische Demokratie außerhalb nationalstaatlicher Grenzen etablieren könnte. Der Zug in Richtung europäische Staatlichkeit wurde spätestens mit der Osterweiterung vom Fahrplan gestrichen, und wer glaubt, dass er eine supranationale Organisation wie einen Nationalstaat führen kann, unterliegt einem tragischen Irrtum.

Wer sich täuscht, sollte sich über Ent-Täuschungen nicht ärgern, sondern dankbar dafür sein. Herman Van Rompuy und Catherine Baroness Ashton sind Idealbesetzungen für die beiden neuen Ämter, die Lissabon-Europa zu vergeben hat. Sie statten es mit dem notwendigen Maß an Enttäuschungsresistenz aus.

Man könnte auch sagen, dass es sich um eine Art Verösterreicherung der EU handelt: Wenn man einmal an dem Punkt angelangt ist, an dem man sich nichts mehr erwartet, kann man auch nicht mehr enttäuscht werden.


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.11.2009)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

20 Kommentare
Cicero
23.11.2009 17:53
1 1

Der Lissabon-Vertrag läßt die Entwicklung zu, sowohl in Richtung Bundesstaat, wie in Richtung Staatenbund.

Schon mehrfach habe ich darauf verwiesen, wie kann die EU beim Bürger einen Stich machen wollen, wenn die Medien ununterbrochen negativ über die EU berichten. Nicht alles kann schlecht sein an der EU, aber konstruktive Kritik ist selbst dort besser angebracht, wo es wirklich etwas zu kritisieren gibt.

Jeden „frisch gfangten“ Bürgermeister gibt man hundert Tage, bevor man ihn medial fertig macht. Den beiden EU-Leuten gibt man nicht einmal hundert Stunden! Ist das wirklich so schick?

Das Fatale an der Sache ist aber etwas ganz anderes. Auch das habe ich wiederholt angesprochen, ohne je eine brauchbare Antwort zu bekommen. Auch eine negative Antwort wäre brauchbar! Daraus ziehe ich den Schluß, daß Thema ist offensichtlich gar kein Thema.

Wovon rede ich? Von der Frage, was soll die EU sein, ein Staatenbund, bestehend aus souveränen Staaten, die dem übergeordneten Bund – gemäß Subsidiaritätsprinzip – begrenzte Kompetenzen einräumen oder ein Bundesstaat, dessen zentrales Parlament alle Gesetze beschließt und dessen zentrale Regierung allein entscheidet, was gut und richtig ist.

Europa lebt von seiner Vielfalt, es kann zum Unterschied zu den USA nur ein Staatenbund sein. Alles andere wäre für die „Kulturen“ Europas ebenso tödlich, wie für den jeweiligen „Way of Life“ der einzelnen Mitglieder.

Außerdem besteht überhaupt kein Grund die Souveränität der Mitglieder über Gebühr einzuengen. Was bringt ein Bundesstaat, das ein Staatenbund nicht genau so gut könnte?

Cicero
23.11.2009 17:52
1 1

Ein Staatenbund braucht keinen „mächtigen“ Präsidenten, Europa kann einen Außenminister noch nicht brauchen

Fortsetzung. Der Brüssel-Korrespondent der Presse, Oliver Grimm, hat unlängst beklagt, daß der im Lissabon-Vertrag neu geschaffene EU-Präsident, z.B. dem US-Präsidenten nicht auf Augenhöhe entgegentreten könnte, weil er in seiner Funktion nicht ausreichend stark ist.

Weiters wird massiv kritisiert, Van Rombuy sei keine Führungspersönlichkeit sondern eher nur ein Moderator. Ebenso wird massiv kritisiert, daß Baroneß Ashton keine außenpolitische Erfahrung hat. Beides ist zwar richtig, aber wie sich leicht zeigen läßt völlig irrelevant.

Der EU-Präsident - das ist zunächst festzuhalten – tritt so stark nach außen auf, so stark die EU in ihrer Politik ist und nicht welche Machtbefugnisse der EU-Präsident intern hat.

Innen aber braucht nur ein Bundesstaat einen „machtvollen Führer“, der Staatenbund braucht einen Mann des Ausgleiches, des Konsenses, den Moderator, der die unterschiedlichen Interessen, die es in Europa wegen seiner Vielfalt zwangsläufig gibt, auszugleichen versteht. Und genau das scheint Van Rombuy zu sein. Also laßt ihn doch einmal arbeiten, wenigstens hundert Tage, bevor die Medien ihn fertig machen.

Aus jahrhundertelanger Entwicklung haben die europäischen Staaten unterschiedliche Außenpolitiken. Baroneß Ashton ist laut Lissabon-Vertrag gar keine Außenministerin, sondern eine Repräsentantin. So gesehen ist es richtig, daß sie bislang keine Außenpolitikerin ist, denn dann würde sie ihre Außenpolitik zum Maß aller Dinge machen und das geht in Europa – noch – nicht!

0 0

Re: Ein Staatenbund braucht keinen „mächtigen“ Präsidenten, Europa kann einen Außenminister noch nicht brauchen

Bin ganz Ihrer Meinung.
Gruss aus Almeria!

0 0

verwegen

die neustrukturierung der eu nach dem lissabon-vertrag ist doch quasi noch ein baby.
allerdings erwarten wir, dass es bereits kurz nach der geburt schon die matura macht...

lassen wir den neu geschaffenen institutionen doch ein wenig zeit!
der weg jedenfalls ist der richtige.

0 0

wie er die fachlichen Qualitäten der neuen EU-Außenministerin einschätze: „Ich kommentiere das nicht. Ist das Kommentar genug?“

exakt dasselbe könnte man auch über den delegationsleiter der ö-vaupee-fraktion sagen...

0 0

Minimalkonsens als Überraschung?


Eingedenk der allerorts irritierten Gesichter angesichts der inthronisierten Nobodies ist man geneigt zu fragen, auf was hinauf sich Gegenteiliges hätte einstellen sollen.

Gab es einen Wahlkampf? Gab es überhaupt einen Demos, der hätte abstimmen können, falls denn doch potentielle Leader mit einer Richtung und Agenda zur Auswahl gestanden wären? Gibt es überhaupt so etwas wie einen Diskurs über die einzuschlagende Richtung, in die Europa künftig gehen soll? Falls ja, - wer führt ihn?

Aktuell scheint es so, als ob das Volk, das sich in den letzten Jahren erfolgreich und ohne erkennbare Gegenwehr von relevanter Mitsprache in gesamteuropäischen Fragestellungen abdrängen liess, nun frustriert ist, weil ihm das kompensatorische Element für diesen Einflussverlust - der starke Held, der nun allen zeigt, wo's langgeht - versagt blieb.

Volk? Welches denn?!

Wenn es schon kühn ist, von _den Amerikanern, _den Russen oder _den Chinesen zu sprechen, so ist es umso vermessener, _den Europäern etwas zuzuschreiben, was über die blosse Eigenheit Europäer zu sein hinausgeht. Nichts Neues daher: Den europäischen Demos gibt es nicht. Daher gibt es keinen gesamteuropäischen Diskurs und auch keinen Konsens, der über Minimales hinausreicht. Van Rompuy und Ashton sind Europäer - full stop. Kleiner kann der Konsens nicht sein, größer aber angesichts der Faktenlage auch nicht.

0 0

Re: Minimalkonsens als Überraschung?

Ergänzend: Es passt perfekt zum aktuell vorherrschenden verqueren Mindset, nach einer starken Hand zu rufen, noch bevor klar ist, in welche Richtung die starke Hand das EU-Wägelchen ziehen oder schieben soll.

Darf's weiter nach links sein? Nach rechts? Ein bisschen mehr Überwachung? Mehr Bürgerrechte oder mehr Staatseinfluss? Who cares! Das sagt uns ja dann eh der EU-Obermacker. Irgendwann kommt er gewiss ..

Ehrlich: Wir haben genau die mediokren Figuren in der Politik, die wir verdienen!

0 0

Ikarus und Daedalus - Haende weg von der EU!

Solange die Europaeer sich darueber noch nicht im klaren sind, wohin und wie weit die Reise gehen soll, hat es keinen Sinn, einen uebermuetigen Ikarus vor das noch wackelige EU-Gefaehrt zu spannen, der damit dann "so hoch in den Himmel aufsteigt, bis die Sonne das Wachs seiner Flügel schmilzt, die Federn sich (von der EU) lösen und beide ins Meer stürzen".

0 0

Europa?

Da lauft ein falscher Napolion vor und hinter kommt ein deutsche Dackel! Mehr nicht

0 0

die frage ist:

ist der kleinste gemeinsame nenner wirklich die vision die wir von europa haben ?

I don't think so ;)

Ka_Sandra
21.11.2009 19:35
1 1

Die EU - ein Koloss auf tönernen Füßen

Die wohlwollenden Kommentare aus Washington, Peking und Moskau lassen darauf schließen, dass sie die EU mehr denn je als zahnloses Staatengebilde betrachten.
Dieses Konglomerat aus nationalen Interessen hat durch die Wahl der beiden freundlichen Unbekannten seine Schwäche geoffenbart. Ein schwer regierbarer inhomogener Koloss auf tönernen Füßen.

Diese „Ent-Täuschung“ ist vielleicht ein ungewolltes und nicht zu unterschätzendes Signal nach außen hin, dass die EU mit sich selbst (immer noch) zu sehr beschäftigt ist, um ein ernstzunehmender und einigermaßen gleichberechtigter Global Player zu sein.

Henry Kissinger fragte vor 30 Jahren spöttisch, welche Telefonnummer Europa habe. Jetzt hat Europa zwar eine Telefonnummer. Ob man unter dieser Nummer in absehbarer Zeit eine eindeutige Auskunft hinsichtlich der außenpolitischen Linie der EU erhalten wird, ist aber noch fraglich.

Ganz so pessimistisch wie MF bin ich zwar nicht, aber es wird sicher noch viele Jahre dauern, bis die EU zu einer gemeinsamen Linie und Identität findet.

Gast: leser
21.11.2009 14:43
0 0

Gut geredet?

Laut MF hätte Blair als Ratsvorsitzender "mehr geredet, und das ziemlich gut". Fragt sich worüber er "mehr" und "gut" geredet hätte: erfahrungsgemäß wohl vielleicht über einen Krieg gegen den Iran oder massiv mehr europäische Truppen in Afghanistan? Offenbar hat Blair dem Herrn Fleischhacker in seiner Funktion als britischer Premier und als "Schoßhündchen von Bush" sehr gefallen. Zum Glück steht er damit iIn Österreich (und vor allem innerhalb der EU) sehr einsam da.

Gast: Alter Kämpfer
21.11.2009 11:40
0 0

Direktorium

Wer den europäischen Superstaat möchte, wäre wohl eher für Merkel als Ratsvorsitzende und Sarkozy als Außenbeauftragter oder umgekehrt. Aber die EU ist eben doch nur ein bürokratischer Zusammenschluß aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist nicht sexy aber eine Tatsache. Trotzdem hätte man attraktivere Kandidaten finden können und das ohne dieses mediale Fiasko!

0 0

Re: Direktorium

in frankreich ist grade eine ziemlich interessante situation: sarkozy ist der sehr öffentliche reibebaum für linke und rechte und sein premier françois fillon kann in der zwischenzeit den versöhner abgeben und sarkozys agenda umsetzen ohne auf viel widerstand zu stoßen. in der EU ist es halt umgekehrt: da gibt die spitze die versöhner ab und die staaten können ihre jeweiligen agenden umsetzen wie sie wollen. und fleischhacker nennt das ideal ... tsts

Gast: Andi
21.11.2009 11:19
0 0

Blair ist zuerst immer US-Verbündeter und Freemason

..erst an zweiter Stelle kommt alles andere.

Das würde für einen Aussenminister der EU nicht passen, da kann er protegiert werden was er will..

1 0

Re: Blair ist zuerst immer US-Verbündeter und Freemason

was genau ist an einer guten transatlantischen beziehung und europa unvereinbar ???
geh bitte weder die altmarxistischen verirrungen noch die neonationalistischen spinnereien nimmt jemand ernst. die zukunft europas liegt in den usa, nicht in teheran.

Gast: tabso
21.11.2009 11:06
0 0

perfetto

auf den kopf getroffen!

0 0

...

Die Briten sind wieder ein wenig mehr in die EU integriert und auch die Belgier haben als "kleines" Land in der EU "ihren Ratspräsidenten bekommen.

Da ja bekanntlich nicht nur Österreich titelgeil ist, wäre zumindest ein großer Name nicht schlecht gewesen.
Den neuen Amtsinhabern im vorhinhein Unfähigkeit zu unterstellen wäre jedoch falsch.

Am meisten freue ich mich aber für unseren Bundeskanzler. Hat er doch anscheinend bekommen was er wollte...

MFG vom Elch

Antworten Gast: Elchjäger
22.11.2009 17:15
0 0

an Elch

was bist den heut schon so freu wach gewesen - hias?

Antworten fireone
22.11.2009 06:20
0 0

Re: ...

Würd ich auch so sehen. Laßt die beiden einmal zeigen, was sie können. Schließlich geht es dabei nicht um eine Miß - oder Misterwahl. Das Aussehen ist dabei nicht wichtig.