Analyse: Eine tiefe Kluft trennt die Eurozone

27.05.2010 | 18:23 |  WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Sind die Forderungen nach einer Wirtschaftsregierung begründet?

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WIEN. Die erste Warnung aus Brüssel kam vergangenes Jahr: „Die anhaltenden Unterschiede bei der Wettbewerbsfähigkeit unter den Mitgliedstaaten bei Preisen und Kosten sind zusammen mit dem Entstehen von Leistungsbilanzdefiziten ein Anlass zur Sorge“, sagte der damalige Währungskommissar, Joaquín Almunia. Mitten in der Krise drifteten die Euroländer auseinander: In die eine Richtung wettbewerbsfähige Länder wie Deutschland, die Niederlande, Finnland, Luxemburg und auch Österreich. In die andere Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland.

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Ein gutes Jahr später zeigt eine neue Analyse der Kommission, dass sich dieser Trend noch verstärkt hat. Jene Länder, die schon bisher Probleme mit der Wettbewerbsfähigkeit hatten, verlieren weiter an Boden. Jene, die durch ihre innovativen Produkte und niedrigen Lohnstückkosten mit der internationalen Konkurrenz mithalten können, zieht der Export langsam wieder aus der Krise heraus. „Seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007 hat sich die Kluft in der Wettbewerbsfähigkeit weiter vergrößert“, heißt es in einer Studie im Auftrag des neuen Währungskommissars, Olli Rehn.

Weil die Eurozone immer mehr auseinanderdriftet, werden Rufe nach einer gemeinsamen Wirtschaftsregierung immer lauter. Sie soll, wie die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde gerne betont, die Konvergenz in der Eurozone fördern. Während einige Länder – allen voran Deutschland – eine solche politische Einflussnahme ablehnen, steigt in der restlichen Eurozone das Bewusstsein, dass es nicht nur in Fragen der Haushaltspolitik, sondern auch bei der Produktivität, bei Lohnabschlüssen sowie bei anderen preistreibenden Faktoren mehr Koordination geben muss. Andernfalls vergrößert sich die Kluft noch weiter. Das könnte einzelne Länder zum Austritt aus dem Euro zwingen.

Offensichtlich wird die Kluft durch einen Vergleich des realen effektiven Wechselkurses. Er zeigt, wie sich Preise von ausländischen Gütern und Dienstleistungen auseinanderbewegen (obere Grafik). Während Deutschland demnach innerhalb der Eurozone immer konkurrenzfähiger wird, geraten Spanien und Portugal immer weiter ins Hintertreffen.

 

Unterschiedliche Traditionen

Das Auseinanderdriften belegt auch ein Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit durch die Schweizer Business-School IMD, in dem Faktoren wie Staatsdefizit, Arbeitslosigkeit oder Exportanteil eingerechnet wurden (untere Grafik). Luxemburg, Österreich, Deutschland und die Niederlande liegen auch hier weit vor Ländern wie Portugal oder Griechenland.

Ein Grund für diese Entwicklung ist die mangelnde Bindung der Lohnkosten an die Produktivität. Aufgrund unterschiedlicher Wirtschaftstraditionen stiegen die Löhne seit der Euroeinführung in Ländern wie Frankreich und Italien deutlich mehr als in Deutschland. Dies hing auch damit zusammen, dass es in Ländern mit einst weichen Währungen schon immer höhere Lohnabschlüsse gab. Die Produktivität entwickelte sich teilweise sogar gegenläufig. Mit Argusaugen beobachteten französische Wirtschaftsforscher, wie die Lohnstückkosten in Deutschland seit 1996 lediglich um fünf Prozent zulegten, während sie in Frankreich um 30 Prozent stiegen. Freilich ging Deutschland von einem hohen Lohnniveau aus, das langsam an jenes von Frankreich oder Italien angepasst wurde.

Während der Krise haben sich die Lohnstückkosten in der Eurozone noch weiter auseinanderbewegt. So stiegen sie während der letzten drei Jahre in Deutschland um 4,5Prozent, in Griechenland aber um sieben Prozent.

Die strukturellen Differenzen, die zwischen den Euro-Teilnehmerländern seit dem Start der Währungsunion vorhanden waren, wurden in einigen Ländern freilich auch durch fatale wirtschaftspolitische Fehler verstärkt. So nutzte beispielsweise Spanien die niedrigen Zinsen nach der Euroeinführung für einen beispiellosen Immobilien-Boom. In Griechenland floss das „billige“ Geld zwar verstärkt in den Konsum, doch wurde allzu wenig in die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft investiert.

 

Tabuthema Steuern

In noch einem Bereich klafft die Eurozone auseinander: bei den Steuern. Auch wenn dieses Thema für viele EU-Regierungen ein Tabu darstellt, ist es ein Faktum, dass unterschiedliche Mehrwertsteuersätze, divergierende Steuern auf Arbeit und Unternehmensgewinne, den Spalt in der Eurozone erhöhen. Gerade dabei kommt es aber darauf an, wie die gesamten Volkswirtschaften positioniert sind. Beispielsweise können niedrige Unternehmenssteuern andere Standortnachteile kompensieren. Gerade das Beispiel der Unternehmenssteuern verdeutliche, dass eine wirtschaftliche Koordination nicht zur Gleichmacherei führen darf, heißt es aus Wirtschaftskreisen.

Doch wer hat den Überblick, die ausreichend neutrale Position, eine solche Koordination in der Eurozone vorzunehmen?

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2010)

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5 Kommentare

Lohnstückkosten und Löhne sind zweierlei!

Weil die Deutschen niedrige Lohnstückkosten haben, wird so getan, als ob sie niedrige Löhne zahlen würden. Dabei hat das deutsche verarbeitende Gewerbe in der EU hinter Belgien die zweithöchsten Arbeitskosten!
Niedrige Lohnstückkosten bedeuten nicht niedrige Löhne, sondern dass ein größerer Teil der Arbeit von Maschinen gemacht wird, dadurch wird der Lohnanteil kleiner.
Gerade wer hohe Löhne zahlt, muss mehr Arbeit auf Maschinen verlagern, sonst könnte er seine Produkte nie verkaufen. Dadurch ergeben sich automatisch niedrige Lohnkosten pro Stück, d.h. niedrige Lohnstückkosten!

Gast: unbeteiligter
28.05.2010 09:23
0

Es ist schon erbärmlich ...........

wie sich die EU- Bonzen an die Macht klammern. Vor diesem Hintergrund werden die Bürger Europas in den finanziellen Ruin und in Unruhen getrieben. Ehrlicher wäre es, die Idee EU als gescheitert zu erklären und zurück an den Start (Schilling) zu gehen. Die EU ist finanzieli und ideologisch bankrott.

Beweis: Merkel sagt ohne Euro ist die EU am Ende: bisher wurde uns immer eingeredet , die EU sei ein historisches Friedensprojekt.

alles Lügen von Anfang an. Volk steh auf und mach der EU ein Ende !

Gast: Gast
28.05.2010 08:12
1

Die Unterschiede bei der Wettbewerbsfähigkeit unter den Mitgliedstaaten sind unreparabel. ALLE (künstlichen) HilfsMASSNAHMEN WERDEN SCHEITERN, könnten nur mittels dauerhaften (heißt jährlichen) Länderfinanzausgleich behoben werden.

DAS
deut. Bundesverfassungsgericht
(BFG)
HAT DIE VERFASSUNGSBESCHWERDE DER PROFESSOREN
Hankel, Nölling, Schachtschneider, Spethmann und Starbatty
GEGEN DIE FINANZHILFE der BRD
für Griechenland zu Entscheidung
ANGENOMMEN.

Nun ist die Voraussetzung dafür geschaffen, dass dem Bundespräsidenten
und der Bundesregierung
"per einstweiliger Anordnung"
untersagt werden kann, das Währungsunions-Finanzstabilisierungsgesetz
vom 7.05.2010
– vulgo: Bailout aller PIGS-Länder – auszuführen.

Der Eilantrag hierzu wurde vom Gericht allerdings abgelehnt.
Es musste abwägen, wessen Schaden unwiederbringlich größer sein könnte, wenn dem Eilantrag entsprochen werden würde, und das war
- nach Ansicht des Gerichtes -
in diesem Fall nicht weniger als ein Bankrott Griechenlands.

Das heißt letztendlich, daß das BFG Krisenpolitik betrieb und nicht streng juristisch vorgeging.

Bleibt also das Mittel der Verfassungsbeschwerde.

Natürlich wird die Politik diese Zeit nutzen, um vollendete Tatsachen zu schaffen.
Bis das Gerichtsurteil endlich da ist, werden womöglich auch schon die ruinösen Folgen eingetreten sein.

Das VFG in Karlsruhe ist der einzige Ritter mit scharfem Schwert, der dem weitgehend entmündigten Bürger noch zur Seite stehen kann und muss.
http://info.kopp-verlag.de/news/prof-schachtschneider-zur-klage-in-karlsruhe.html




Antworten Gast: Seppl Prüll was nun?
28.05.2010 15:52
1

Feiert der Sozialismus/Kommunismus in Europa doch noch seine Auferstehung? Kommt der Sozialismus/Kommunismus -wegen-Sachzwängen- schlussendlich doch noch durch die Hintertür?

Alle Oekonomen
(ehrl.Herzens)
sind der Ansicht, dass keines der Südländer die finanz. Schieflage,
wird händeln können.

Weil
- ein Zurückfahren der irrsinnigen Haushaltsdefizite,
bei gleichzeitig Rückführg der gigantischen Verbindlichkeiten,
ein Ding der Unmöglichkeit ist;
- die Bürger der Südländer, sich gg radikale Einkommenskürzgn
heftigst zur Wehr setzen werden.

Was heißt, was bedeutet dies nun in seiner RADIKALEN AUSPRÄGUNG?
„Ich, der Ziegenhirte Ikarus aus Kreta (ist nicht polemisch gemeint), will genauso gut leben können, wie ein hochqualifizierter „Solartechniker“ aus Innsbruck/oder Hamburg“!“

Nachdem weder Griechenland//Portugal
( eher Agrar-/Touristen-Länder),
dieses nicht hergeben,
unsere Mandatare,
andererseits,
eine Radikalkonfrontation mit den Südländern fürchten,
( wie der Teufel das Weihwasser)
folgt als log. Konsequenz:
„DER permanente finanz. LÄNDERAUSGLEICH“,
oder technisch gesagt ( siehe Kommunzierende Röhren),
das schrittweise Abfließen
des Vermögens/Einkommens/höheren Lebensstandarts der sog. Nordländer
zu den PIGGS.

WIRD NUN doch noch, EIN altes, geflügeltes WORT VON
<RAIFFEISEN>
in seiner radikalsten Ausprägung
-nämlich–
EINER FÜR ALLE – ALLE FÜR EINEN
(hier Übertrag von Vermögen/Geld auf die die Piggs)
ZUM ALPTRAUM?

WERDEN DIE KONSERVATIVEN deutschlands/österreich
ZUM TOTENGRÄBER
unserer demokratischen Grundordnung?
http://www.faz.net/s/Rub99C3EECA60D84C08AD6B3E60C4EA807F/Doc~EA976704F7EA04B9B91E34E66F6C02FBC~ATpl~Ecommon~Scontent.html

"Doch wer hat den Überblick, die ausreichend neutrale Position, eine solche Koordination in der Eurozone vorzunehmen?"


Niemand!

Es ist anmaßend und dumm zu glauben, das Schicksal von einigen hundert Millionen Menschen ließe sich zentral lenken. Es ist ebenso anmaßend und dumm zu fordern, erfolgreiche Länder sollten von ihrer erfolgreichen Steuer- und Wirtschaftspolitik abrücken, um Nachzüglern ein behaglicheres Auskommen zu gönnen. Von allen Rezepten aus der Krise sind Masochismus und Selbstverleugnung wohl die unangebrachtesten.

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