Bereits zum zweiten Mal hintereinander verliert Hans-Peter Martin eine Mitstreiterin im Europaparlament: Am Mittwoch erklärte Angelika Werthmann, eine von drei Abgeordneten der "Liste Martin", ihren sofortigen Austritt.
Martin halte seine Versprechen von Transparenz und Offenheit aus dem von der "Kronen-Zeitung" propagierten Wahlkampf im vergangenen Jahr nicht ein. Vor allem habe er nicht einmal seiner Listenkollegin Werthmann trotz mehrfacher Fragen erklärt, was mit den rund 3,5 Millionen Euro an Erstattungsbeträgen aus den beiden EU-Wahlkämpfen 2004 und 2009 geschehen sei. Es sei "hier nicht gegeben", dass Martins Liste die tatsächlichen Wahlkampfkosten mit diesem Steuergeld gedeckt habe.
Keine "Schmutzkübel-Kampagne"
"Ich habe Hans-Peter Martin als sehr korrekten Menschen kennen gelernt - aber am Wahltag stand plötzlich ein anderer Mensch vor mir", beschrieb Werthmann ihr persönliches Zerwürfnis, betonte aber, keine "Schmutzkübel-Kampagne" starten zu wollen. Auf die Frage der "Presse" nach dem seit Wochen in Brüssel kursierenden Gerücht, Werthmann werde von Mitarbeitern des ÖVP-Klubs logistisch und personell unterstützt, sagte Werthmann: "An Gerüchten möchte ich mich nicht beteiligen. Ich habe aber von sehr vielen Kollegen sehr kompetente Hilfe bekommen und bin dafür sehr dankbar."
Bei der Europawahl 2009 bekam die "Liste Martin" 17,7 Prozent der Stimmen und damit drei Mandate. Sie war damit die drittgrößte österreichische wahlwerbende Gruppe hinter ÖVP und SPÖ. Neben Werthmann, die ihr Mandat behalten will, sitzen Martin selbst sowie sein ehemaliger Mitarbeiter Martin Ehrenhauser im Europaparlament.
Zuletzt berichteten die "Salzburger Nachrichten" und die "Oberösterreichischen Nachrichten" ausführlich über die Differenzen zwischen Werthmann und Martin.
Lieber Hans-Peter,
ich möchte Dir mitteilen, dass ich mit sofortiger Wirkung die "Liste Martin" verlasse, da ich nicht sehe, wie ich mein Wahlversprechen in der "Liste Martin" umsetzen kann. Ich möchte Dir nochmals meinen Dank für die Nominierung aussprechen - eine Chance, die ich mit vollem Herzen und Einsatz wahrnehme.
Lass mich Dir zum Abschluss versichern, dass ich von mir aus keine "Schmutzkübelkampagne" starte.
Mit besten Grüßen,
Angelika

Ehrenhauser sieht "Verrat"
Der EU-Abgeordnete Martin Ehrenhauser hat indes seiner ehemaligen Listenkollegin Angelika Werthmann "Verrat an der Wählerliste HPM" vorgeworfen. "Wir haben seit einiger Zeit feststellen müssen, dass sie sich um 180 Grad zu den Positionen der Liste von Hans-Peter Martin gedreht hat. So hat sie für die Erhöhung der Sekretariatszulage gestimmt und somit für die Anhebung der eigenen Zulage". Und, empört sich Ehrenhauser gegenüber der Austria Presse Agentur und meint weiters: "Sie hat von Beginn an den Ehrenkodex der Liste HPM nicht unterschrieben, wo es viele Verzichte gibt".
Außerdem sei bekannt, dass die Liste HPM immer scharf gegen Rechtsaußen aufgetreten sei. Werthmann habe aber "provokant" manchmal trotzdem mit FPÖ-Abgeordneten gesprochen. Ehrenhauser sprach von einem "menschlichen Desaster".
Martins "Nervenzusammenbruch"
Und Ehrenhauser empört sich auch über das Verhalten von Werthmann gegenüber Hans-Peter Martin. So habe "Martin bis zur Selbstaufgabe versucht", Werthmann zurückzuholen. Im Rahmen dieser Versuche und den Gesprächen habe er einen "Nervenzusammenbruch" erlitten. Auf die Frage, ob Werthmann Schuld am Nervenzusammenbruch von Martin sei, sagte Ehrenhauser dezidiert: "Genau". Werthmann habe auch "Vereinbarungen gebrochen" und Martin "nie die Möglichkeit gegeben, Arzttermine wahrzunehmen, sich auszurasten und durchzuschnaufen".
Die Ausschussarbeit kann sie auch nach dem Austritt aus der Liste HPM fortsetzen, bestätigte Ehrenhauser.
"Respekt" von VP-Strasser und SP-Leichtfried
"Respekt" zollten der ÖVP-Delegationsleiter im EU-Parlament, Ernst Strasser, und sein SPÖ-Funktionskollege Jörg Leichtfried dem Austritt von Werthmann. Strasser erklärte gegenüber der APA, Werthmann habe sich konstruktiv und aktiv in die Parlamentsarbeit eingebracht und sehr rasch eingearbeitet. Ihre gute Arbeit in den Ausschüssen sei offenbar der "destruktiven Linie von Hans-Peter Martin entgegen" gestanden.
Leichtfried erklärte, der Austritt Werthmanns habe sich schon länger abgezeichnet. Es sei allerdings schon "ungewöhnlich", dass dies nach dem Abgang von Karin Resetarits aus der Liste Martin nun schon ein zweites Mal passiere.
Die grüne Abgeordnete Ulrike Lunacek meinte, der Schritt Werthmanns habe sie "nicht wirklich erstaunt".
Martin selbst war zunächst für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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