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Merkel schließt Schuldenschnitt nicht mehr aus

05.10.2011 | 18:20 |  von unserem Korrespondenten OLIVER GRIMM (Die Presse)

Die deutsche Kanzlerin erklärt nach einem Treffen mit der EU-Kommission, dass Athen die Chance haben muss, „wieder auf die Beine zu kommen“. Damit öffnet sich die Tür zur Entschuldung.

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Brüssel. Nach 18 Monaten nahm das Drama um die griechischen Staatsschulden am Mittwoch im Pressesaal der Europäischen Kommission eine entscheidende Wende. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel schloss dort die Umschuldung Griechenlands erstmals nicht mehr aus. Auf die Frage, ob ein griechischer Schuldenschnitt nötig sei, antwortete Merkel: „Dafür haben wir ja die Troika vor Ort. Sie wird bewerten: Ist die Schuldentragfähigkeit gegeben? Ja oder nein? Auf dieser Basis werden wir als EU-Staaten entscheiden, wie wir weiter fortfahren.“ Weiters erklärte Merkel: „Griechenland muss die Chance bekommen, dass es wieder auf die Beine kommt.“ Das klingt entschieden anders als die bisherige stets eindeutig vorgetragene Sicht Merkels und anderer deutscher Regierungsmitglieder, wonach ein Schuldenschnitt – also die teilweise Streichung der griechischen Außenstände – außer Frage stünde.

„Realwirtschaft wird erdrückt“

Die „Troika“, von der Merkel sprach, besteht aus Vertretern der Europäischen Kommission, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie prüft, ob die griechische Regierung die vereinbarten Wirtschaftsreformen und Budgetsanierungen einhält und ob es angesichts der volkswirtschaftlichen Kennzahlen realistisch ist, dass der griechische Staat die Forderungen seiner Gläubiger in vollem Umfang begleichen kann.

Genau das ist zusehends auszuschließen. Zu Wochenbeginn legte das Athener Finanzministerium seine neuen Berechnungen vor, wonach die Konjunktur auch im kommenden Jahr schrumpfen wird: zum vierten Mal in Folge. „Wir erleben, wie die Realwirtschaft langsam erdrückt wird“, sagte Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. „Es gibt Exportunternehmen, die zurzeit wahre Wunder vollbringen und trotzdem sterben müssen, weil sie keinen Kredit bekommen.“ Die Arbeitslosenrate wird laut Athener Finanzministerium von heuer 15,2 im kommenden Jahr auf 16,4 Prozent steigen. Die Staatsschuldenquote dürfte heuer 161,8 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen, nächstes Jahr gar 172,7 Prozent. Ein weiterer Generalstreik, der am Mittwoch das Land großteils lähmte, machte die Frustration und den Ärger der Griechen über ihr Schicksal auf ein Neues deutlich.

Um diese Schuldenlast wesentlich zu lindern, müsste Griechenlands Volkswirtschaft 30 Jahre lang mit durchschnittlich drei Prozent wachsen, hat der US-Ökonom Jeffrey Sachs vor einiger Zeit argumentiert. Die Brüsseler Denkfabrik Centre for European Policy Studies wies unlängst in einer Studie aber darauf hin, dass drei Prozent Wirtschaftswachstum für Griechenland auf absehbare Zeit kaum erreichbar ist. Denn erstens schrumpft die Zahl der Werktätigen; ihr Höhepunkt war laut Statistik der Europäischen Kommission im Jahr 2009. Ein Dreiviertelprozentpunkt des durchschnittlichen Wachstums von drei Prozent in den Jahren 1970 bis 2004 war aber rein auf die wachsende Zahl der Arbeitskräfte zurückzuführen. Und zweitens wurde die griechische Konjunktur im vergangenen Jahrzehnt fast ausschließlich durch das starke Wachstum der Binnennachfrage und nicht handelbarer Dienstleistungen gestützt. Doch dieser Teil der Volkswirtschaft ist besonders stark von den Einsparungen und Steuererhöhungen betroffen. Überspitzt gesagt: Bis sich die durchschnittliche Athener Familie wieder eine Putzfrau und das wöchentliche Abendessen im Restaurant leisten kann, werden noch einige Jahre vergehen.

Diese Misere lässt sich folglich nur durch eine Umschuldung Griechenlands beenden. Nur mit einer Staatsschuldenquote von deutlich weniger als 100 Prozent wird Athen irgendwann wieder in der Lage sein, selbst Anleihen auf den Finanzmärkten zu platzieren und seine Budgethoheit, die es derzeit an die anderen Euroländer und den IWF abgegeben hat, zurückgewinnen.

Ob sich Merkel und ihre Amtskollegen schon beim nächsten Europäischen Rat in zehn Tagen darauf einigen können, ist offen. Es hängt davon ab, ob die Troika ihren Bericht bis dahin vorlegt. Doch die Weichen werden bereits gestellt. Heute, Donnerstag, trifft Merkel IWF-Chefin Christine Lagarde, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Barroso weist Hahn in die Schranken

Generell stehen in Europa die Zeichen auf Kontrolle und Sanktionierung bei sorgloser Schuldenpolitik. So ist es auch zu erklären, dass Kommissionspräsident José Manuel Barroso Österreichs Regionalkommissar Johannes Hahn eine bittere politische Lektion erteilte. Hahn wird heute seinen Vorschlag für die Vergabe der Struktur- und Kohäsionsförderungen in den Jahren 2014 bis 2020 vorstellen. Bis zuletzt hat er sich dem deutsch-französischen Wunsch widersetzt, EU-Staaten, die sich nicht an den Stabilitäts- und Wachstumspakt halten, zur Strafe sämtliche Förderungen zu streichen. Das ist zwar schon jetzt beim Kohäsionsfonds möglich. Gemacht wurde es aber noch nie.

Doch zu Wochenbeginn musste sich Hahn dem deutsch-französischen Druck, der von Barroso und Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn unterstützt wurde, fügen: „Wir wollen auch, dass die Strukturfonds unsere Bemühungen unterstützen, die fiskalpolitische Disziplin zu erhöhen“, verkündete Barroso an Merkels Seite.

Ober sticht Unter: Das gilt offenbar auch in der Kommission. Denn nur drei Stunden zuvor hat Hahns Sprecher an derselben Stelle noch verkündet, derartige Strafsanktionen seien nicht beschlossen worden.

Auf einen Blick

Eine Umschuldung Griechenlands rückt näher. Die deutsche Kanzlerin Merkel schloss selbiges am Mittwoch in Brüssel erstmals nicht mehr explizit aus. Zuvor gelte es aber, den Bericht der Experten von EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds und Europäischer Zentralbank über die Schuldentragfähigkeit Griechenlands abzuwarten. Dessen volkswirtschaftliche Kennzahlen hatten sich zuletzt stark verschlechtert, ein Generalstreik das Land am Mittwoch fast vollständig lahmgelegt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2011)

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22 Kommentare
Gast: Währungslöwe
07.10.2011 22:27
0 0

Währungsreform des gesamten Euro ? !

"Schuldenschnitt" für Griechenland, oder gleich Insolvenz, Zahlungsunfähigkeit erklären und komplett neu anfangen?

Nur, das griechische Problem ist ja gar nicht nur griechisch, es betrifft in erster Näherung mindestens 4 weitere Länder und bei genauer Betrachtung die gesamte Euro-Zone.

Warum also nicht gleich Nägel mit Köpfen machen? Ehrlicher wäre doch ein kompletter Neuanfang der europäischen Währung. Eine Reform des Euro, ein Neuanfang bei 0. jeder Büger bekommt zB 2000 €, alles weitere muss er sich neu verdienen.

Einen ähnlichen, wenn auch nicht ganz so neutralen Währungsneuanfang gab es ja in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg.

Warum das nicht auf europäischer Ebene wiederholen? Immerhin gibt es mit dem Euro zum ersten Mal eine gemeinsame Währung, also etwas völlig Neues.

Gast: EinKommentar
06.10.2011 12:23
1 0

Natürlich muss Griechenland die Chance haben, „wieder auf die Beine zu kommen“

Man kann nicht ewig Banken auf Kosten von Staaten retten.

Besser

ein Ende mit Schrecken, als.....
Da mat man X Milliarden an Griechenland verschenkt, in der Hoffnung, dass alles gut wird. Das Geld sehen wir niemals wieder. Für ihren verantwortungslosen Umgang mit der Schuldenkrise gehörten alle EU - Politiker zur Verantwortung gezogen. Ebenso die Banker, die auf Kosten der Steuerzahler mit dem Geld ihrer Kunden spekulieren. Ich fürchte, dass wird leider nicht passieren.

0 4

Besser wäre die Zocker fallen um ihr Geld um, als daß ein ganzes Land im Abgrund landet.

Zuerst wird das Land verschuldet und abgezockt, danach wird das Land ausgeplündert (privatisiert).

Antworten Gast: Huch
06.10.2011 11:39
5 0

Re: Besser wäre die Zocker fallen um ihr Geld um, als daß ein ganzes Land im Abgrund landet.

Sie haben recht: Fast wie in der alten Sowjetunion :-))

Erwachet

Es ging immer nur darum, dass die Zockerbanken (wie die deutsche Bank) keine Verluste einfahren. Denn sonst gibts vermutlich keine Parteispenden oder sostige Goodies für gierige korrupte Politiker.

Wäre Griechenland von Anfang an in den Ausgleich geschickt worden, dann hätte man uns allen Milliarden an Hilfsgeldern erspart.


Antworten Gast: Geldbriefträgerin
06.10.2011 11:44
2 0

Re: Erwachet

Es geht nur darum, dass Griechenland jahrzehntelang extrem über seine Verhältnisse gelebt und sich dazu Geld geborgt hat.
Die Geldgeber jetzt zu verurteilen ist daher wohl fehl am Platz!
Griechenland hat aber auch den jetzigen Weg frewillig gewählt, hätte also auch einen anderen gehen können. Der allerdings hätte wahrscheinlich in einem Bürgerkrieg mit eingreifen des Militärs geendet. Alles schon mal dagewesen in Griechenland. Sie erinnern sich? Nicht? Dann machen Sie sich doch mal schlau.

Antworten Antworten Gast: a geh
06.10.2011 12:47
1 0

Re: Re: Erwachet

ich hab mir gedacht, dass man den griechen das geld aufgezwungen hat, dass die das gar nicht gewollt haben und dann nehmen haben müssen

Merkel redet leicht weil

Deutschland schon Alternativen anstrebt: Entweder Hart-Eurozone mit Holland,Luxenburg und Österreich oder Wiedereinführung der D-Mark !!! Die schon genau geplanten Szenarien zielen auf folgendes hin: * kein Geldwertverlust für Bürger * kein Wertverlust für deutsche Aktien * etc. !!!!!
ÖSTERREICH: Keine Pläne nur Nichtstun !!!!

Antworten Gast: Blanker Hohn!
06.10.2011 14:27
0 0

Re: Merkel redet leicht weil

Werdet ihr bloss nicht neidisch, was Merkel heute sagt kann morgen anders aussehen.

Merkel rettet z.Z. die Banken

http://www.welt.de/wirtschaft/article13643363/Kanzlerin-Merkel-stellt-sich-vor-die-Banken.html

Für Griechenland ist Rösler jetzt zuständig.

http://www.derwesten.de/nachrichten/politik/Roesler-wirft-Griechenland-fehlende-Verlaesslichkeit-vor-id5134773.html

Blanker Hohn!:

"dass Athen die Chance haben muss, „wieder auf die Beine zu kommen“."


2 0

Re: Merkel redet leicht weil

Österreich hat noch nie eigene Pläöne gehabt sondern immer von DE oder Schweden abgekupfert !!!!
Wir werden seit min.35 Jahren von Blindgängern geführt die nur den Eigenvorteil im Auge haben.
Nur leider haben dass die Wähler anscheinend noch immer nicht begriffen !

Antworten Antworten Gast: 0815-Piefke
06.10.2011 13:28
0 2

Re: Re: Merkel redet leicht weil

Naja, also bei der Maut schaut der deutsche Fiskus schon mal neidisch nach Südosten.

3 0

???

"Bis sich die durchschnittliche Athener Familie wieder eine Putzfrau und das wöchentliche Abendessen im Restaurant leisten kann, werden noch einige Jahre vergehen."

...Putzfrau für den Durchschnittshaushalt ;-)

Gast: Franzose
05.10.2011 20:22
2 0

Danke Angie

Danke ;-))

Re: Danke Angie

Was der Sarkozy wohl dazu sagen wird. Braucht ziemlich lange für ein Statement?

4 0

Österreich sollte auch einen Schuldenschnitt anstreben

Wir könnten die Steuern deutlich senken. Und die Regierung könnte keine Schulden mehr machen, weil sie keine Statsanleihen mehr verkaufen könnten.

Fast eine Win-Win Situation.
Gut, ein paar Gläubiger und Banken würden draufzahlen, aber das ist eben das Risiko, wenn man einer Regierung Geld leiht.

Schnell Lesen

In der Zeitung die Welt online Merkel stellt sich vor die Banken zum gleichen Thema im Handelsblatt sagt sie auch was ANDERS da wird Griechenland GERETTET egal was das die Österreicher und die Deutschen es K O S T E T.

Tut mir Leid aber langsam GLAUBE ich die sind alle REIF für die KLAPPSE.

5 0

Nicht so schnell Frau merkel, die Fekter weiss schon nimmer was sie nachplappern soll

Ich kann mir nicht helfen, aber ich kann mir keinen Reim darauf machen, wie verblödet die ganze Politikerschar reagiert.

Die einen sagen zur Vorsicht nichts, die anderen dafür 5x am Tag unterschiedliche Aussagen.

Kann es damit zu tun hat dass der EFSF noch nicht ganz unter Dach und Fach ist und daher die weiblichen Stimmungsschwankungen kommen?


Schuldenschnitt

Bitte keinen Schuldenschnitt bei einem EU-Mitglied nach nur 3 Krisenjahren! Man erreicht das gleiche, wenn man beispielsweise bei 50% der Schulden die Fälligkeiten von Kapitaltilungen und Zinsen auf 30 Jahre umschuldet.

Seit seiner Unabhängigkeit 1821 war Griechenland mehr als die Hälfte der Zeit in Default. Trotzdem hat noch kein Investor Geld bei griechischen Staatsschulden verloren (bei Deutschland 2-mal in den letzten hundert Jahren!). 2001 war Griechenland mit 121 Mrd. EUR Auslandsschulden objektiv betrachtet überschuldet. Trotzdem konnte das Land in den Folgejahren seine Auslandsschulden problemlos um weitere 300 Mrd. EUR erhöhen. Solche Zeiten kann es in 20/30 Jahren durchaus wieder geben.

http://klauskastner.blogspot.com/2011/09/schuldenschnitt-haircut.html

UI was ist das füer eine Aussage

Die FDP drückt ein KLARER ERFOLG für Schäffler der eine Mitgliederbefragung in der FDP durch gebracht hat und Rössler lässt einen Insolvenzplan für die Griechen erarbeiten.Sie muss der FDP Grichenland schenken sonst hat sie keine Chance den ESM Diktatur Vertrag ins Parlament zu bringen.Steigt die FDP aus der Regirung aus und BEKENNT sich KLAR KEIN ESM mit uns wird sie die einzige 40% PLUS X Partei in DETSCHLAND sein.

Gast: ich oder ich?
05.10.2011 18:46
6 0

Was?

... und für die glorreiche Erkenntnis dass Hellas pleite ist haben die "Eliten" jetzt jahrelang Zeit und unglaubliche Milliardensummen an Geld gebraucht?

Gast: r.tiroch@t-online.de
05.10.2011 18:36
3 2

Veräppelung

Gestern warnt merkel vor einer Umschuldung Griechenlands, damit sie es heute nicht mehr ausschließt? Wann hat das veräppeln denn ein Eunde?